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Pick-up-Artist? Justin Timberlake mitsamt rustikalem Gefährt Bild: Sony Music

Album der Woche: Timberlake : Ode an unser gemeinsames Flanellhemd

Justin Timberlake will nicht länger nur über Sex singen: Auf „Man of the Woods“ sucht er nach seinen weißen Südstaatenwurzeln. Damit mutet er uns einiges zu.

          Karge Landschaft unter wolkenverhangenem Himmel, gefilmt aus einem fahrenden Auto. Schnee. Dann ein Kornfeld, ein Fluss, davongaloppierende Pferde. Und schließlich Justin Timberlake, der seine bildhübsche Frau küsst, sie trägt dabei einen Cowboyhut. Dann wieder Schnitt: Timberlake, wie er im Schnee kniet, durch den Fluss watet, in ein loderndes Lagerfeuer starrt. Die Tonspur des vor einem Monat erschienenen Promovideos zu Timberlakes aktuellem Album half, die Bilder einzuordnen: „Es ist durch meinen Sohn und meine Frau inspiriert“, ließ der Sänger dort wissen. „Aber mehr noch als jedes Album, das ich vorher geschrieben habe, durch meine Herkunft.“

          Felix Hooß

          Koordinator für Premium-Inhalte bei FAZ.NET.

          Damit ist der Rahmen gesteckt für „Man of the Woods“, Timberlakes viertes Solowerk. Es soll das bislang persönlichste und ambitionierteste Projekt des Siebenunddreißigjährigen werden, der die Musikwelt mit unverwüstlichen, tanzbaren Stücken wie „Rock Your Body“, „SexyBack“ und „Can’t Stop the Feeling“ beschenkt hat. Der Pop-Superstar hat eigentlich schon alles erreicht, was man als Künstler erreichen kann: zehn Grammys gewonnen, als Schauspieler zuletzt in Woody Allens Film „Wonder Wheel“ mitgespielt und einen unvergesslichen Moment bei der Halbzeitshow des amerikanischen Super Bowl geschaffen – am 4. Februar tritt er dort wieder auf. Nun soll es also um die Innensicht gehen, seine neue Rolle als junger Vater, seine weißen Südstaaten-Wurzeln als Mann aus Memphis, Tennessee.

          Eher klassische erste Single

          Umso überraschender klang dann die erste Vorab-Single „Filthy“, die eher mit dem aufwartet, was man vom „alten“ Justin kannte – einem technisch-kühlen Beat vom Produzentenduo Timbaland/Danja und einem Storytelling, das sich wie gewohnt um Timberlakes Lieblingsthema spinnt, die Anbahnung romantischer Interaktionen (die Frage „What you gonna do with all that meat?“ ist hier metaphorisch gemeint).

          Unter den 15 Liedern des neuen Langspielers sind die Songs klassischer Machart dann aber in der absoluten Minderheit. Timberlake, der sich in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten fleißig im Gemischtwarenladen der schwarzen Hip-Hop/R’n’B-Community bedient hat, will hier das Kunststück vollziehen, seine kulturellen Ursprünge wiederzuentdecken, ohne seine liebgewonnene Stammklientel zu vergraulen. Das gelingt mal mehr, mal weniger gut. „Midnight Summer Jam“, das zweite Stück des Albums, ist zum Beispiel eine echte Tanznummer mit funky Gitarre, Sample und Claps, die Falsetto-Höhenflüge des Sängers erinnern an Michael Jackson. Nur der dezente Einsatz von Mundharmonika und Fiedel lässt so etwas wie Lagerfeuerstimmung aufkommen. Die Kombination funktioniert aber überraschend gut.

          An anderer Stelle ist das Ergebnis weniger stimmig. Wenn bei „Sauce“ plötzlich die Stromgitarren zum Einsatz kommen, klingt das erst mal nur irritierend. Wenn Timberlake in „Flannel“ über die Segnungen eines gemeinsam getragenen Hemdes sinniert und im vorangestellten Interlude Ehefrau Jessica Biel über Pianoklänge sagt, dass sich jenes Flanellhemd für sie anfühlt, „als trage ich seine Haut über meiner“, verkommt der Countrytrip endgültig zu Schmalz. Besser wird es auch bei dem Duett „Morning Light“ nicht, das einzig davon handelt, wie schön es wäre, mit dem Lieblingsmenschen im Bett liegen zu bleiben. Das hat eine derart übertrieben balladige Jack-Johnson-Haftigkeit, dass auch Gesangspartnerin Alicia Keys das Ganze nicht rausreißen kann.

          Glaubwürdiges Südstaaten-Duett

          Interessant wird das Unterfangen dort, wo man es vielleicht am wenigsten vermutet: Für „Say Something“ kommt der Bluegrass/Country-Sänger Chris Stapleton aus Kentucky zur Verstärkung vorbei. Die beiden unterschiedlichen Stimmen der Sänger ergänzen sich harmonisch, der Beat treibt konsequent nach vorne. Hier ist viel glaubwürdiges Gefühl im Spiel: Das Südstaaten-Ding wirkt auf einmal rund.

          Die eigentliche Stärke Timberlakes liegt aber – und das ist etwas schade – in jenen Stücken, bei denen er den Spagat zwischen Tanzfläche und Lagerfeuer gar nicht erst wagt. „Supplies“ zählt daher zu den besten: Auf einem flirrend-futuristischen Instrumental von Pharrell Williams darf er ungewöhnliche Anmachsprüche ausprobieren („I'll be the generator, turn me on when you need electricity“) und passend zur musikalischen Klimax im Musikvideo mit einer jungen Frau rumknutschen. Das ist dann genau die Musik, die die Fans bislang liebten und die dem Zuhörer den Ballast von Timberlakes Persönlichkeitsfindung erspart.

          Dass er sich nicht noch öfter auf die altbewährten musikalischen Muster verlässt, sondern es sich extra schwer macht, indem er das Album mit derlei zusätzlichen Motiven auflädt, kann man ihm kaum vorwerfen. Singt er doch in „Livin‘ off the Land“: „I’m just a man doing the best that I can.”

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