http://www.faz.net/-gsd-8chhe

Album der Woche : Wenn der Nebel sich lichtet

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Afterglow / Sweet Melting“ aus dem Album „What Was Said“ von Tord Gustavsen Bild: Øyvind Hjelmen/ ECM Records

Wie verbindet man Sufismus, Christentum und Beat Poetry? Dem Jazzpianisten Tord Gustavsen gelingt das auf seinem Album „What Was Said“ besonders durch die Unterstützung der Sängerin Simin Tander.

          Das hässliche Wort vom Migrationshintergrund möchte man ja am liebsten gar nicht benutzen, doch es ist wahr: Die Sängerin Simin Tander ist zwar in Deutschland aufgewachsen, hat aber einen afghanischen Vater. Dessen Heimatsprache Paschtu musste sie sich zwar erst mühsam aneignen, doch mittlerweile singt sie auch in dieser Sprache. Auf dem neuen Album des norwegischen Pianisten Tord Gustavsen sind es vorwiegend Kirchenlieder aus dessen Heimat. Was sich auf dem Papier liest wie eine Ausgeburt des Multikulturalismus, erweist sich beim Anhören als ein Wunder an Ausdruckskraft und musikalischer Delikatesse.

          Gustavsen, ein Meister der leisen Töne, ist mit diesen Hymnen und Kirchenliedern aufgewachsen und schätzt sie mehr als die meist amerikanischen Standards, die eigentlich den Jazz-Kanon ausmachen. Tander und Gustavsen, die sich vor zwei Jahren kennen- und schätzen lernten, haben sich dann dafür entschieden, diese Lieder von einem afghanischen Lyriker ins Paschtu übersetzen zu lassen. „Dieser Prozess war herausfordernd und wirklich fruchtbar“, erinnert sich Gustavsen. „Wir haben uns sehr darauf konzentriert, die Texte in einem ganzheitlichen Sinne zu interpretieren und sind in einen Bereich vorgedrungen, wo ich das Gefühl habe, dass Sufismus und Christentum zusammenkommen.“ Simin Tander singt außerdem Verse des persischen Mystikers Rumi und des amerikanischen Beat-Poeten Kenneth Rexroth („I Refuse“) in englischer Sprache. Ein paar Instrumentalstücke von Tord Gustavsen, die verraten, dass er tiefer im Blues verwurzelt ist, als er zugeben mag, haben außerdem auch noch auf der Platte Platz gefunden.

          Album der Woche : Tord Gustavsen: „What Was Said“

          Zu Gustavsen und Tander gesellt sich der Schlagzeuger Jarle Vespestad, mit dem Gustavsen schon seit Jahren zusammenarbeitet. Wie subtil Vespestad zu Werke geht, kann man beispielsweise zu Beginn von „Journey Of Life“ hören, wo Tander lediglich von ein paar Trommeln begleitet wird und dennoch eine ganze musikalische Welt entsteht. Gustavsen, der auf der Platte nicht nur am Klavier zu hören ist, sondern auch diverse elektronische Effekte ganz dezent in die Lieder einbaut, führt Welten zusammen, die bislang eigentlich nicht zusammengehörten - und dennoch wirkt „What Was Said“ nicht wie ein krudes weltmusikalisches Experiment, sondern wie ein ganz organisches Album.

          Das liegt zu einem großen Teil an Simin Tander, deren Stimme eben nicht nur weihevoll, wie es diesen Liedern durchaus angemessen ist, klingt, sondern immer auch natürlich und selbstverständlich. Sie kann sich in „Sweet Melting Afterglow“ in Klängen verlieren, die scheinbar im Nichts verschwinden und doch immer wieder für eine neue Strophe zurückkehren, sie kann aber auch mit magischer Autorität der Melodie folgen wie in „The Source Of Now“. Jedenfalls sorgt sie dafür, dass „der Nebel, der das Leben grau macht“, wie es in „Imagine The Fog Disappearing“ heißt, sich lichtet und der Hörer in den sparsamen und reduzierten Klängen, aus denen die Platte komponiert ist, sich wohnlich einrichtet - und sei es nur für die eine Stunde, die „What Was Said“ dauert.

          Tord Gustavsen: „What Was Said“ erscheint am 29. Januar (ECM 2465/Universal). Vom 27. Januar bis zum 9. März ist Gustavsen in Deutschland auf Tournee.

          Quelle: F.A.Z.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Robert Habeck im Gespräch : „Erbärmlich, dass wir es nicht hinbekommen haben“

          Die FDP habe das Scheitern von Jamaika lange geplant, glaubt der Grüne Robert Habeck. Im FAZ.NET-Gespräch sagt er, warum ein Kompromiss möglich war, Angela Merkel keine Schuld trifft – und wieso er eine Neuwahl für eine „unkontrollierte Sprengung“ hält.

          Kein Recht auf Neuwahlen : Letztlich entscheidet der Präsident

          Der Abbruch der Sondierungsgespräche hat verfassungsrechtlich erst einmal nichts geändert. Ein Recht auf Neuwahlen, gar nach Gutdünken, sieht das Grundgesetz nicht vor.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.