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Album der Woche : Die Naschkatzen von Nashville

  • -Aktualisiert am

Bild: Sony Music Archives / Country Music Hall of Fame

Warum hat die als reaktionär verschrieene Country-Metropole Nashville in der zweiten Hälfte der sechziger Jahre Musiker wie Bob Dylan, Eric Clapton und Joni Mitchell angezogen? Ein Doppelalbum zeigt die Stadt als Inspirationsquelle des Pop.

          Als Bob Dylan im Februar 1966 nach Nashville ging, um dort sein nächstes Album aufzunehmen, kam dies fast einem Verrat gleich. Das „Sprachrohr der Gegenkultur“ machte sich mit der konservativen Musikkultur einer Stadt gemein, die als Traditionsstätte der amerikanischen Volksmusik Lichtjahre von den rebellischen Rockträumen der Nachkriegsjugend entfernt schien. In seinen „Chronicles“ erinnert sich Dylan später daran, dass er Nashville mit durchaus gemischten Gefühlen erlebte: „In dieser Stadt lebte man wie in einer Seifenblase. Fast hätten sie Al Kooper, Robbie Robertson und mich wegen unserer langen Haare aus der Stadt gejagt“. Und doch hatte sich Dylan von seinem Produzenten Bob Johnston überreden lassen, die als reaktionär verschrieene Country-Metropole als Inspirationsquelle zu nutzen. Er öffnete damit ein ideologisches Schleusentor, durch das in den Folgejahren - völlig unvorhersehbar - ein steter Strom von Musikern fließen sollte, die allesamt zur aufstrebenden pop culture zählten.

          Schätzen gelernt hatte Dylan die Musikszene Nashvilles erstmals 1965, als er in New York sein bahnbrechendes Album „Highway 61 Revisited“ einspielte. Johnston hatte mit dem Gitarristen und Harmonikaspieler Charlie McCoy einen begnadeten Multiinstrumentalisten zu den Aufnahmesessions mitgebracht, der Dylan durch seine rasche Auffassungsgabe und Imaginationskraft nachhaltig beeindruckte.

          McCoy zählte zur Gruppe der sogenannten „Nashville Cats“ - Sessionmusiker, die mit allen Wassern gewaschen waren und auf unzähligen Nashville-Platten ihre Instrumente im Spiel hatten. John Sebastians Popgruppe The Lovin’ Spoonful sollte ihnen 1966 im gleichnamigen Song ein musikalisches Denkmal setzen: „Nashville Cats, play clean as country water / Nashville Cats, play wild as mountain dew“.

          Jetzt ist in der „Country Music Hall of Fame“ in Nashville eine Ausstellung zu sehen, die nicht nur Rockfans die Augen öffnet. Unter dem Titel „Dylan, Cash and the Nashville Cats“ wird jener aufregende kulturelle Transformationsprozess rekonstruiert, den die Stadt in Tennessee seit Mitte der Sechziger durchlaufen hat.

          Hank Williams sollte man besser mögen

          Neben Dylan, der in Nashville nach seinem monumentalen Doppelalbum „Blonde on Blonde“ - „darauf bin ich jenem Sound am nächsten gekommen, den ich in meinem Kopf hörte“ - noch drei weitere Alben aufnahm, zählt Johnny Cash zu den wichtigsten Katalysatoren der Nashville-Legende. Er hatte Dylan bereits 1964 beim Newport Folk Festival kennengelernt und erneuerte seine Freundschaft mit dem scheuen Singer/Songwriter, als der zwei Jahre später in Nashville eintraf. Der „Man in Black“ startete in der Stadt gerade seine „Johnny Cash Show“, mit der er seinen Beitrag zur Liberalisierung der Musikkultur Nashvilles leisten sollte. Neben Dylan traten in der Fernsehsendung bald Rock- und Popgrößen wie Neil Young, Joni Mitchell, Eric Clapton, Gordon Lightfoot oder Linda Ronstadt auf.

          Die angenehme Session-Atmosphäre mit den Nashville Cats im Studio sprach sich bald herum, und immer mehr Popstars machten sich auf den Weg in die „Music City“. Die Byrds nahmen dort ihr Album „Sweetheart Of The Rodeo“ auf, während Neil Young die sehnsüchtigen Pedal-Steel-Injektionen der Nashville-Größe Ben Keith für sein Album „Harvest“ nutzte. Neben Leonard Cohen, Simon and Garfunkel, George Harrison, Ringo Starr und später Paul McCartney mit den Wings ließ sich sogar die Teenie-Band The Monkees nach Nashville locken. Von all diesen Popgrößen sind jetzt sechsunddreißig Song-Belege auf dem Doppel-Album „Dylan, Cash and the Nashville Cats“ versammelt, das die gleichnamige, noch bis zum Ende dieses Jahres laufende Ausstellung begleitet. Kris Kristofferson - ein Nashville-Urgewächs - zieht zunächst den damals noch vielerorts grassierenden Country-Konservativismus in einer bisher unveröffentlichten Demo-Aufnahme genüsslich durch den Kakao: „And I like Bobby Gentry and that sexy Mama Cass / And if you don’t like Hank Williams, buddy, you can kiss my ass.“

          Um vieles besser als sein Ruf

          Neben bekannten Stücken von The Beau Brummels oder Leonhard Cohen finden sich auch ein paar kostbare Perlen wie die bisher gänzlich unbekannte Version von Dylans „If Not For You“ zusammen mit dem Pedal-Steel-Phantasten Lloyd Green: Der Song kommt hier in deutlich reduziertem Tempo mit einer gesanglichen Dringlichkeit und fast provozierend überdeutlichen Artikulation Dylans daher. Dabei klingen die sprachähnlichen Glissandi von Green fast wie eine zweite, rivalisierende Gesangsstimme.

          Von ähnlich aufreizendem Charme ist die „Matchbox“-Nummer, in der sich Johnny Cash, Carl Perkins und Eric Clapton beständig vor dem Mikrophon abwechseln. Vielleicht ist es dieser infektiöse Mitschnitt von Derek & The Dominoes aus der „Johnny Cash Show“, der den Anspruch von Ausstellung, begleitendem Doppelalbum und einem wunderschönen, üppig illustrierten Buch am überzeugendsten auf den Punkt bringt: Nashville war schon Ende der Sechziger um vieles besser als sein Ruf, es war sogar ein heimlicher Hot Spot der Popkultur.

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