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Album der Woche : Die Jagd nach dem „Bloop“

Der Mann an den Reglern: DJ Shadow Bild: Derick Daily

So klingen kalbende Eisberge: DJ Shadows Album „The Mountain Will Fall“ ist eine markerschütternde Tauchfahrt in einen Ton-Ozean voller Klangmonster.

          Sein Name ist „Bloop“. Die Nationale Ozean- und Atmosphärenbehörde (NOAA) der Vereinigten Staaten spürte ihn 1997 über tausend Kilometer westlich der chilenischen Küste im Südpazifik auf. Mithilfe einer Reihe 0von Unterwassermikrophonen, die die Navy vor sowjetischen U-Booten warnen sollten: ein ultra-tieffrequenter Ton von kolossaler Kraft. So gewaltig, dass er von Sensoren erfasst wurde, die tausende von Kilometern weit auseinander lagen. Sein Ursprung gab Rätsel auf. Leviathan, Cthulhu? Die NOAA glaubt, es ist das Geräusch kalbender Eisberge: „The Mountain Will Fall“. Für das neue Album von DJ Shadow – das erste nach fünf Jahren – ist es gewissermaßen der Mutterton.

          Axel Weidemann

          Redakteur im Feuilleton.

          Vielleicht war der „Bloop“ auch eine Folge des Bebens, das der damals vierundzwanzigjährige DJ „Shadow“ alias Josh Davis ein Jahr zuvor mit seinem Debütalbum „Endtroducing...“ (1996, Mo'Wax) ausgelöst hatte. Es bestand – als erstes Album der Welt – ausschließlich aus zusammengebastelten Tonspuren (Samples), die sich Shadow aus einem Platten-Kaleidoskop verschiedenster Musikstile, Filmsequenzen und Hörspiele zusammensuchte. Streng nach dem Auswahlprinzip, „Dope; don't care; weak“. Eine Offenbarung für den Instrumental-HipHop. Karl Bruckmaier frohlockte dazu in der „Zeit“: „Neue Alphabete werden sich bilden, neue Sprachen, neue semantische Konventionen, die aus heutiger Sicht jeden beliebigen Popsong zu einem akustischen 'Finnegan's Wake' werden lassen. [...] Und bevor ich es vergesse: Man kann auch dazu tanzen.“

          So ist Shadow bis heute mehr ein Bastel-, denn ein Battle-DJ. Er verwandelt sein Studio in ein Unterseeboot, pflügt durch einen Ozean aus Klang, nimmt Proben, füllt sie Tropfenweise in kleinsten Portionen ab und mischt sie neu. Am Ende dieses Prozesses wächst daraus etwas Großes. Zusammengesetzt ist es aus kleinsten Einheiten: leuchtend pulsierender Klangkrill, verschieden an Farbe, Konsistenz, Gewicht und Größe.

          Schon der Titel-Track „The Mountain Will Fall“ ist ein Monstrum, das sich dem Ohr erst nach und nach enthüllt: Erst die geschuppte Haut aus vielfach übereinandergelegten Synthesizerklängen, zerkratzt von knisterndem Vinyl; dann ein tieffrequent pumpendes Bassherz und schließlich zwei trocken aufeinander klappende Drumbeat-Kiefer. Begleitet wird es von flirrenden Holzbläsern, elektronischen Entladungen und Bloops und Bleeps aller Frequenzbereiche – in stetiger Steigerung. So klingt der Boléro des 21. Jahrhunderts.

          „Nobody Speak“, begleitet vom Rap-Duo „Run The Jewels“, beginnt als klassische HipHop-Nummer mit Bodenhaftung. Die Stimmen von El-P und Killer Mike fegen mit herrlichen Unanständigkeiten über Gitarren-Samples und den gezupften Bass hinweg. Trotz aller Klangdichte haben ihre Stimmen viel Platz. Plötzlich, Robo-Elektro und Bläserfanfaren im Mittelteil: R2D2 macht jetzt Battlerap. Die Nummer hat Druck und Vorwärtsdrang. Man möchte es im Auto hören, bei Tempo 100 in der 30-Zone. Die andere genuine HipHop-Nummer der Platte, „The Sideshow“ mit Ernie Fresh, kommt mit weniger Dampf aus, ist aber in Gestalt eines klassischen Breakmixes eine liebevolle Hommage an DJ-Vorbilder wie DJ Battery Brain, Jam Master Jay und Grandmaster Flash.

          Überwiegend befindet sich das Album jedoch im Experimentalmodus: „Three Ralphs“ ist ein dreiköpfiges Drumbeat-Untier, das alle paar Sekunden pausiert, seine Form oder sein Tempo wechselt. Es wird jedoch leicht vom darauffolgenden Stück verschluckt: „Bergschrund“. Benannt nach der Abrissspalte eines Gletschers, ist es in Kollaboration mit dem deutschen Piano-Avantgardisten Nils Frahm (Soundtrack zum Film „Victoria“) entstanden: kreiselnd hingeworfene Synthesizertöne, synkopierte Bassdrum, knochentrockene Trommelsalven, klickendes Schlagwerk – bis sich der Gletscher plötzlich stufenweise vom Boden löst und den Blick freigibt auf die darunter fließende Musiklandschaft. In der darf sich Nils Frahm dann nochmal ordentlich austoben.

          An vielen Übergängen klingt es, als wollten die Stücke harte Elektro-Tracks werden, doch sie lassen den Hörer immer wieder ins Leere laufen. Da schnarrt sich bei „Depth Charge“ ein Basston in die Höhe, doch das Stück kocht nicht über – stattdessen sanfter Conga-Rhythmus. Ihre HipHop-Natur verschafft den Stücken Zeit und Räumlichkeit. Mal kreist der Hörer um einen schweren Musikmonolithen, mal schleppt sich das Stück wie ein müde gewordener Tech-Titan der Transformers-Reihe vorbei – aber immer schwingt das Kolossale mit.

          Eines der wenigen Stücke, die Wärme ausstrahlen ist „Ashes To Oceans“. Ein trunkener Sonnenaufgang aus Piano-Akkorden, der Trompete von Matthew Halsall und Meeresrauschen. Jeder Startversuch des ratternden Schlagwerks wird von Klavier oder Trompete fortgespült: „The Mountain Will Fall“ – doch hier hält er inne.

          Zuletzt ist man angenehm erschlagen. Es ist eben kein akustischer Kieselstein, dessen Fall hier vorausgesagt wird, sondern ein Berg. Doch möchte man dem Aufprall nicht aus sicherer Entfernung lauschen. Man möchte mitten drin sein, wenn es „Bloop“ macht.

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