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David Bowies Album „Blackstar“ : Schwarzsaures Weißrauschen

Auch große Jungs brauchen eine vernünftige Frisur: David Bowie Bild: Sony Music

Ist das noch Jazz oder schon Musik? Auf der einen Hälfte seines neuen Albums schlägt David Bowie elegische Töne an. Die andere steht unter einem dunklen Stern.

          Rockstarfrisuren im Alter sind immer problematisch, nicht nur wegen schwindender Haare, sondern weil für einen Star, der über mehrere Dekaden brilliert, irgendwann der Punkt kommt, an dem jede neue Frisur nur noch retro sein kann. Bei einem Über-Künstler wie David Bowie - einem zumindest äußerlich noch größeren Wechselbalg als Bob Dylan, der die Moden der Rockmusik nicht nur mitgemacht, sondern mitbestimmt hat - ist diese Gefahr besonders groß. Wenn man gemein wäre, könnte man sagen, Bowie sei inzwischen bei der Frisurverirrung angelangt, unter der Eddie Van Halen Mitte der Neunziger litt: Ehemals wallende Mähne (bei Bowie um 1970 sogar noch lockig) wich dem Kurzhaarschnitt mit blondierten Spitzen; man mag auch an Martin Semmelrogge denken. Aber an Bowie, der an diesem Freitag 69 Jahre alt wird, sieht noch jede Frisur gut aus.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Ob man das auch über die Musikstile sagen kann, die er anprobiert wie Kleider und ebenfalls auch mitgeprägt hat? Eine gängige Meinung unter denen, die seine Alben von „Hunky Dory“ (1971) bis „Diamond Dogs“ (1974) für die besten halten, ist, dass dagegen etwa die Experimente mit Tin Machine (1988 bis 1992) unhörbar seien. Aber im Gegensatz zu vielen anderen prägenden Rockmusikern der Siebziger, die sich von den Verirrungen der Achtziger nie erholt haben, hat Bowie es auf ganz verschiedene Weise versucht. Spätestens mit dem Dreck-Rock des Liedes „New Killer Star“ (2003), das die Welt nach dem 11. September düster bilanziert, ist das sehr erfolgreich gelungen. Und als vor drei Jahren nach gesundheitsbedingt langer Pause überraschend das Album „The Next Day“ erschien, war plötzlich ein Ton der Alterselegie angeschlagen, der Bowies zart-zerbrechlicher Stimme besonders gut stand, auch wenn der größte Teil des Albums wieder von hartem Rock geprägt war.

          Mit seinem neuen Werk schreibt Bowie an der Elegie weiter, und man ist geneigt zu sagen, dass das Stück „Lazarus“ eines seiner besten überhaupt geworden ist: Das lyrische Ich ist darin halb schon in den Himmel entrückt, halb in New York auferstanden - ein vage autobiographisches Bowie-Lied. Kaum weniger schön ist „Dollar Days“. Solche Elegien, die sehr geschickt frühere Qualitäten klanglich wieder einholen, sind aber nur die ein Hälfte des Albums. Die andere steht im Zeichen eines schwarzen Sterns, der in seiner Ambivalenz wohl vor allem die Abgründigkeit von Musik und Texten symbolisieren soll: schwarze Löcher in der Sängerseele auf jeden Fall, vielleicht auch anarchistische oder terroristische Ästhetik.

          Das fast zehnminütige Titelstück „Blackstar“ ist ein Album im Album, es beginnt kakophonisch und mit seltsamen Trip-Hop-Grooves, über denen ätherische Stimmfetzen flattern, die Kryptolyrik über eine „Villa of Ormen“ säuseln. Ein Anagramm-Generator im Internet liefert zur Umschichtung dieser Buchstaben die ulkigsten Resultate („A Vine For Moll“, „A Love Form Nil“, „Oval File Norm“): In jeder Zelle stecken hier offenbar Universen. Wie man dazu auch irgendwie tanzen kann, demonstriert ein seinerseits hochambivalentes Musikvideo: vielleicht nur wie eine Ratte, die auf ein Stromkabel gebissen hat. Erst nach der Hälfte der Zeit verdichtet es sich zu einem dann plötzlich griffigen Soul-Song, der doch zu Herzen geht. Aber die aufgeregten Grooves dominieren noch weitere Stücke, auf denen Bowies Stimme teils exzentrisch kiekst („T’is a Pity She Was a Whore“), dann aber auch wieder schwelgerisch die trippigen Breakbeats überdeckt, während wehmütig ein Tenorsaxophon haucht.

          Vielleicht ist der Spagat zwischen Wohlklang und Krach auch eine Art Fortsetzung von Bowies Versuchen auf dem Album „Black Tie, White Noise“ (1993), das Melodiöse mit dem weißen Rauschen zu verbinden. Dass man diese von Tony Visconti produzierte Musik bereits als Jazz bezeichnet hat, ist wohl eher eine Verlegenheit. So schwer zugänglich sie bei den ersten Hörrunden auch scheinen mag, hat man doch bei zunehmender Vertiefung in sie schon jetzt das Gefühl, dass Bowie hier sozusagen doch noch einmal eine ganz neue Frisur erfunden hat, für die es noch gar keinen Namen gibt.

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