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Album der Woche : Mein Gott, warum gabst du mir keinen Rabatt?

In „Girl In Amber“ reflektiert Nick Cave auch sein Tun als Musiker - „the song it spins now since 1984“, dem Jahr der Bandgründung. Bild: Kerry Brown

Das Album „Skeleton Tree“ ist der melancholische Höhepunkt im Werk des Musikers Nick Cave. Der Anlass dafür ist der entsetzlichste, den sich ein Vater vorstellen kann.

          Es wurde nicht, was es hätte werden sollen - ein in Anführungszeichen normales Studioalbum. Das sechzehnte von Nick Cave und seiner Band The Bad Seeds. Denn es kam das Entsetzlichste dazwischen, was einem Vater, einer Mutter widerfahren kann. Der Tod des eigenen Kindes. Arthur, einer der fünfzehnjährigen Zwillingssöhne von Cave und dessen Frau, dem ehemaligen Model Susie Bick. Arthur hatte zusammen mit einem Schulfreund das erste Mal LSD genommen und war bei Brighton eine Klippe hinuntergestürzt.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Wie überlebt man so eine Tragödie menschlich, wie künstlerisch? Wie verschafft sich ein weltbekannter Star den Raum, den er für seine Trauer braucht? Cave gab zusammen mit seiner Frau eine Erklärung ab und bat darum, von Fans und Medien in Ruhe gelassen zu werden. Dann verstummte er. Wie er mit dem Tod des Sohnes umging, hat er einem langjährigen Freund, dem australischen Filmregisseur Andrew Dominik („Killing Them Softly“), vor laufender Kamera und bei den Studiosessions für „Skeleton Tree“ erzählt. Der Film heißt „One More Time With Feeling“ und ist soeben im Kino angelaufen. Er handelt von der Frage, wie ein Weiterleben nach einer solchen Familientragödie aussehen könnte. Viel ist darüber spekuliert worden, welche Songs vor und welche nach dem Tod von Arthur aufgenommen wurden, eine voyeuristisch dumme Frage. Man kann sie vielleicht am besten so beantworten: „Skeleton Tree“ ist der melancholische Höhepunkt in dem an melancholischen Momenten nicht eben armen Oeuvre des achtundfünfzigjährigen Australiers. Musikalisch knüpft das Album in punkto Getragenheit nahtlos an das Schlusslied der gleichnamigen Vorgängerplatte „Push The Sky Away“ von 2013 an.

          Der Auftaktsong „Jesus Alone“ beginnt mit leisen, ineinander umkreisenden Schleifen von Cave am Flügel und Warren Ellis an der Geige, dazu gesellen sich untergemischter Industrielärm und elektronisches Flüstern, ebenjene charakteristische Mischung einer atmosphärisch düsteren Klangwelt, deren Kraft, Bilder zu beschwören, ungebrochen ist. Er beginnt mit den Zeilen „You fell from the sky, crash-landed in a field near the River Adur“ dürfte die Verbindung zum tödlichen Sturz des Sohnes offensichtlich sein, der Adur mündet westlich von Brighton in den Ärmelkanal.



          „Jesus Alone“ von Nick Cave ©VEVO

          Die Frage nach dem Warum kann nicht beantwortet, nur immer wieder gestellt werden. Dass ihm als Katholiken kein Rabatt von Gott eingeräumt werden würde, das wusste Nick Cave immer; aber nun reagiert er doch mit Fassungslosigkeit: „You believe in God but you get no special dispensation for this belief“. Motivketten werden fortgeschrieben, die diesen mythisch-magischen Kosmos seit Jahren bevölkern; Meerjungfrauen, Hyänen ziehen durchs Bild. In „Girl In Amber“ reflektiert er auch sein Tun als Musiker - „the song it spins now since 1984“, dem Jahr der Bandgründung. Er hat seither Musikgeschichte geschrieben; aber nun ist der Vanitas-Gedanke alles, was zu reflektieren er imstande ist, und das ist nicht der Eitelkeit geschuldet. Die Songs sind entsprechend weniger geglättet, sie wirken unfertiger, roher. Aus der Tragödie folgt dumpfe Trauer, körperliche Unfähigkeit zu Bewegung. „Don’t touch me“, wiederholt er am Ende des Liedes, ein ums andere Mal.



          „I Need You“ von Nick Cave ©VEVO

          Für „Distant Sky“ hat er sich Unterstützung geholt: Die dänische Sopranistin Else Torp singt ein Wiegenlied für einen Abwesenden. Und dem großen Gestalter ist der Schmerz anzuhören, dünner, zerbrechlicher klingt sein Bariton an vielen Stellen. Musikalisch ist Zurückhaltung das erste Gebot, dichterisch macht sich Verzweiflung breit: „They told us our gods would outlive us / But they lied.“ Wer erwartet, auf „Skeleton Tree“ ein Pendant zu Eric Claptons die Welt beschallender Trauerballade „Tears In Heaven“ zu finden, wird sich schwer tun. Denn herzzerreißend ist nicht nur „I Need You“. Nick Caves Trauerjahr ist nur dem Kalender nach vorbei.

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