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Album der Woche : Deine Augen marianengrabentief

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Thomas Hübner alias Clueso Bild: dpa

Der Deutschrapper und Liedermacher Clueso lässt nach langer Zeit sein Künstlerkollektiv hinter sich und wagt den „Neuanfang“. Doch tut ihm das wirklich gut?

          „Chicago“ ist die Sehnsuchtsmetropole, in die Clueso sich und seine drogenabhängige Protagonistin im gleichnamigen Song vor zehn Jahren träumte. Zumeist drehen sich Cluesos Lieder aber um eine ganz andere Stadt: Erfurt. Unablässig wirbt der Musiker seit Jahrzehnten für den provinziellen Charme seiner Heimat. In den sozialen Netzwerken und einer Zeitungsüberschrift  Anfang des Jahres wurde Erfurt bereits zum „neuen Berlin“ gekürt. Doch jetzt begeht der Clueso selbst Landflucht und verlegt seinen Lebensmittelpunkt* nicht nach Chicago, doch immerhin in die deutsche Hauptstadt. Damit lässt der einstige Teenieschwarm, mittlerweile selbst sechsunddreißig Jahre alt, auch den Erfurter Zughafen hinter sich, ein Kulturhaus, das er 2002 mitbegründete und das sein Schaffen prägte. Jetzt ist Cluesos siebtes Studioalbum erschienen. Sein Titel ist das erste, aber bei weitem nicht das größte Problem der Platte: „Neuanfang“.

          Womöglich soll es neue musikalische Wege, vor allem aber neue Hörergruppen erschließen. Wenn der Sänger auf der vorigen Platte „Stadtrandlichter“ noch das Urbane der thüringischen Landeshauptstadt beschwört, stellt er nun alles Natürliche in den Mittelpunkt: „Dort, wo viel Felsen und viel Sand ist / zwischen Titanic und Atlantis / bin ich das ganze Jahr zuhaus‘“, heißt es etwa in „Neue Luft“. Überhaupt ziehen sich wildromantische Motive wie das Meer, Felsen, Sand und Wind durch die zehn Songs – für Clueso übrigens eine überaus kurze Platte – und beschreiben eine Gegenbewegung zu seinem Umzug in die Großstadt. Was zunächst paradox erscheint, zeugt beim zweiten Hören von einer endlosen Einsamkeit. So wird der Track „Jeder lebt für sich allein“ zugleich zur Rechtfertigung, Erfurt zu verlassen: „Manchmal kann man gar nichts erklären, / man muss gehen, um sich nicht zu entfernen, / … / nichts ist schwieriger als / einfach zu gehen.“ Zu diesem Abschiedsschmerz mischt sich eine diffuse Überforderung eines Künstlers angesichts des postmodernen Großstadtdschungels.

          „Komm, wir sieben unsere Erinnerung“

          Vor „Text und Ton“, dem ersten Album, für das Thomas Hübner alias Clueso verantwortlich zeichnet, hat der Erfurter seine Heimatstadt als Pionier des Deutschraps mit Crews wie EFP 96 (Erfurt Projekt 1996) und dem Rowdy Club aufgemischt. Die Rap-Elemente und Hiphop-Beats des sind auf den Soloalben zusehends verschwunden. Im Gegensatz zu den meisten Comebacks von Deutschrappern mittleren Alters, die oft einem künstlerischen Selbstmord gleichen, gelingt Clueso jedoch ein unbeschreiblicher Erfolgszug durch die deutschsprachige Musikszene abseits von Hiphop und Schlagerpop.

          „Chicago“ von dem melancholischen Album „Weit Weg“ lief damals auf dem MP3-Player jedes Teenagers, bis der Akku aufgab. Wenn es „Neuanfang“ diesmal nicht in die Streaming-Playlists der jetzigen Mittzwanziger schafft, liegt das an schiefen Bildern wie „deine Augen marianengrabentief“ oder weltfremden Plattitüden: „wir brauchen nicht mehr Glück / nur mehr Rezeptoren“, singt Clueso etwa in „Anderssein“.

          „Lass sie reden“ wirkt wie ein einfallsloses Pop-Cover des Ärzte-Lieds „Lasse redn“ aus dem Jahr 2007, doch das einzige gelungene Feature gehört Kat Frankie in der Ballade „Wenn du liebst“. Es ist konsequent, dass Clueso auf Gastmusiker wie Lindenberg, Niedecken oder Max Herre diesmal verzichtet. So kann er an seinem neuen Image als einsamem Metropolen-Melancholiker pinseln, wie es die großflächigen Kampagnenplakate zum „Neuanfang“ in der deutschen Großstadt pastos vormachen.

          Nicht nur beim nach wie vor oft floskelhaften Text, auch beim Ton wagt Clueso keinen Neuanfang. Schon im gleichnamigen Titeltrack gibt er zu: „Ich kann den Wind nicht ändern, nur die Segel drehen.“ Voriges Jahr gab der Sänger die Trennung seiner langjährigen Band bekannt, ein Richtungswechsel gelingt ihm dennoch nicht. Zu sehr vertraut der Ex-Rapper seinem musikalischen Erbe und kombiniert wie gewohnt weiche Streicher- oder Gitarrenläufe mit solide poppigen Rhythmen, die sich oft zum Verwechseln ähneln. Der einzige Höhepunkt ist die Single „Gordo“ über einen Affen, der 1958 zu Testzwecken ins All geschossen wurde. Erst hier wird die permanent besungene Einsamkeit existentiell. Hier, wo „kein Dschungel und keine Stadt“, sondern vielmehr die Schwerelosigkeit sowie Samples von verzweifelten Schimpansenschreien die Qual vermitteln, die das Tier dort oben erleiden musste.

          „Wir packen Hamburg wieder auf die Karte“ rappten kürzlich die Beginner auf ihrem neuen Album, auf dem sie sich selbst treu bleiben und trotzdem erfolgreich sind. Auch Clueso sollte Erfurt wieder auf die Karte packen. Sonst bleibt nur noch die Frage, die er in „Anderssein“ selbst stellt: „Großstadt ist hart, / machst du Kunst oder kann das weg?“

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