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Album der Woche : Aus Geld macht sie Origami

Hörprobe: „Depreston“ Bild: Marathon Artists / Rough Trade

Der Quasselstrom der Folkmusik trifft den Starkstrom des Grunge: Courtney Barnett, eine aus dem Hamsterrad ausgestiegene Slackerin, bleibt dabei ganz gelassen.

          Courtney: Dieser Name ist in der Rockmusik eine Erinnerung und ein Versprechen. Die Erinnerung führt in die frühen neunziger Jahre, als mit dem Zusammentreffen des Nirvana-Sängers Kurt Cobain und der Schauspielerin und Sängerin Courtney Love der Grungerock Hochzeit feierte. Dieses Bild war so prägend, dass Cobains jähes Ende durch Selbstmord 1994 auch viele fragen ließ, ob damit vielleicht schon die ganze Ära des Grunge vorbei wäre. Das Versprechen im Vornamen seiner Witwe aber ist jenes eines noch trotzigeren Weitermachens, ob nun durch musikalische oder auch gesellschaftliche Aufmüpfigkeit: Courtney Love wurde ein Synonym für den manchmal etwas bemüht wirkenden Skandal, aber ein sehr schlüssiges für Starkstrom in Gitarre und Gesang.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Wie geht man also damit um, wenn man auch Courtney heißt, auch Gitarre spielt und singt, aber die Tochter von Courtney Love sein könnte und erst 1988 geboren wurde, als Love schon kurz vor Gründung ihrer Band Hole stand? Ganz einfach: Courtney Barnett macht dem Starkstrom solche Ehre, dass sie den Skandal gar nicht mehr nötig hat.

          Album der Woche : Courtney Barnett: „Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit“

          Wenn ihr frisch durch den Zerrwolf gedrehtes Gitarrenriff bei „Pedestrian at Best“ krachend mit der Tür ins Haus fällt und auch das Gesangssignal sofort dreckig übersteuert, hat man tatsächlich das Gefühl, dass hier der Grunge neu aufblüht wie schon lange nicht mehr, und außerdem wird klar: Hier spricht eine Frau, die auf keinen Fall verehrt und angehimmelt werden möchte: „Put me on a pedestal and I’ll only disappoint you.“ Und dann kommt diese rotzig-lustige Zeile, für die sich eigentlich schon das ganze Album lohnt: „Give me all your money, I’ll make some origami, honey.“

          Wolfshunde mit Baguettebroten

          Die Rolle, die Barnett gleich in mehreren Songs sehr überzeugend verkörpert, ist die einer aus dem Hamsterrad ausgestiegenen Slackerin, die dem geschäftigen Treiben der meisten anderen Menschen entweder gleichgültig oder belustigt zuschaut, während sich die eigene Aufmerksamkeit auf die Risse in der Decke oder den Rasen vor dem Fenster richtet oder auf Porzellanmuster, die irische Wolfshunde mit Baguettebroten zeigen. Diese Beobachtungen teilt sie in einem so herrlich gelangweilten Sprechgesang mit, dass man immer wieder überrascht ist, wenn sie dann doch mal melodisch wird. Plötzlich nämlich singt sie: „I’m thinking of you, too“, und es erklärt sich, warum das ganze Lied „An Illustration of Loneliness (Sleepless in New York)“ heißt.

          Die Rhythmusgruppe tut ihr Möglichstes, um der einsamen Langeweile den passenden Ausdruck zu geben: Ein wummernder Bass stochert geradezu in den Achtelnoten herum, die er das ganze Stück über fortlaufend mit dem Schlagzeug teilt. Diese Begleitung ist aber auch deshalb minimalistisch gehalten, um Barnetts Gitarre immer ganz im Vordergrund stehen zu lassen - ob sie nun wild reißt und zerrt oder auch mal mit tremolierenden Surf-Klängen aufwartet.

          Gestapelte Dosen im Park

          Mit einem Bein im Grunge, steht Courtney Barnett mit dem zweiten noch in einer ganz anderen Tradition, und dies macht den Gesamteindruck von ihr so besonders: Es ist die Tradition der wild wuchernden Folk-Lyrik und des Talking Blues, die von Woody Guthrie und Bob Dylan um die Welt getragen wurde, und die Woodys Sohn Arlo Guthrie in dem neunzehnminütigen Song „Alice’s Restaurant“ einmal auf die Spitze getrieben hat. An den Humor solcher Vorläufer schließt Barnett schon mit dem umständlichen Albumtitel an, der da lautet:

          „Sometimes I Sit and Think, and Sometimes I Just Sit“. In den Quasselstrom der Folkies mischt sich die Sängerin munter ein, wenn sie etwa die Geschichte des zwanzigjährigen „Elevator Operator“ Oliver Paul aus Swanston zum Besten gibt - auch so ein Aussteiger, der sich plötzlich entschließt, nicht zur Arbeit zu gehen und stattdessen Dosen im Park zu stapeln.

          Betörendes Timbre

          Was früher mit den immergleichen Ragtime-Zupfmustern auf der Holzgitarre unterlegt war, wird heute eben mit Dreck-Rock grundiert. Aber die Muster sind trotzdem noch erkennbar, und Barnett, die sie bereits auf ihrem Debüt in dem famosen Song „The Avant Gardener“ aufgegriffen hatte, schließt auf diesem Album gleich mehrfach daran an.

          Das Interessante an Courtney Barnetts Stimme ist, dass es ihr irgendwie gelingt, diese Drop-out-Geschichten nicht kindisch und albern wirken zu lassen, sondern ihnen eine philosophische Tiefe verleiht, die den Hörer ganz sicher sein lässt: Nicht die Frau, die hier singt, ist verrückt, sondern alle anderen müssen es sein. Dies liegt am betörenden Timbre der Australierin, das manchmal weltentrückt-brüchig, manchmal auch erotisch herausfordernd klingt. Einmal klingt es auch resigniert, wenn sie mit einem genialen Kunstgriff die Werbeslogans eines Immobilienmaklers für einen kalifornischen Vorortbungalow zu Lyrik macht. Der Ort Preston, an dem das spielt, bekommt im Songtitel eine entlarvende Vorsilbe und heißt nun „Depreston“. Zum Glück hämmert schon im nächsten Lied der Grunge wieder los.

          Courtney Barnett: „Sometimes I Sit and Think, and Sometimes I Just Sit“. Marathon Artists/Kobalt HA0036 (Rough Trade)

          Quelle: F.A.Z.

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