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CD der Woche: Yo La Tengo : Eine Art von Verschwinden

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Ohm“ Bild: Matador Records

In der bunten Manege des Pop wirken sie unscheinbar. Doch seit fast 30 Jahren stehen Yo La Tengo für hohe Qualität im Independent-Rock: sinister und subtil.

          Glaubt man dem Comiczeichner Charles Berbérian, kann man sogar in einer Crêperie auf der bretonischen Insel Groix auf einen Schnappschuss der Band stoßen. Dort hat sie zur Begrüßung brav „Bong Sure“ gesagt, Crêpes mit Ei bestellt und ratzfatz einer hiesigen Combo, die spontan zum Vorspiel vorbeikam, zum internationalen Durchbruch verholfen. So ist es zumindest in einer Yo La Tengo gewidmeten Episode aus Berbérians „Jukebox“ nachzulesen, das im vergangenen Jahr auf Deutsch erschien. Was uns der Autor damit sagen will? Unter anderem wohl auch, dass sich der wahre Fan selbst dafür interessiert, was seine Idole speisen, und dass er sie auch dort erkennen würde, wo am wenigsten mit ihnen zu rechnen ist. Dabei dürfte es kaum eine unscheinbarere Truppe in der bunt schillernden Pop-Manege geben als dieses Trio aus Hoboken in New Jersey. Zumal Yo La Tengo mit ihrem neuen Album „Fade“, wie der Titel schon andeutet, weiter an einer Art von Verschwinden und Verblassen arbeiten.

          Diesmal keine Noise-Eskapaden

          Zu diesem Zweck haben Gitarrist Ira Kaplan, seine Ehefrau und Schlagzeugerin Georgia Hubley und Bassist James McNew erstmals den Produzenten und Soundtüftler John McEntire engagiert, der mit Gruppen wie Tortoise oder The Sea and Cake Mitte der neunziger Jahre das Genre des Postrock prägte. Sein Einfluss ist auf der in den Soma Studios in Chicago aufgenommenen Platte deutlich zu hören: Die Rhythmussektion wird merklich betont, ein einheitliches und dennoch vielschichtiges Klangbild steht im Vordergrund. Zudem hat sich die Band diesmal vorgenommen, von ausufernden Noise-Eskapaden abzusehen und sich für ihre Verhältnisse kurz zu fassen. Gerade einmal zwei Songs – das stoisch polternde, von Chorgesang und verzerrten Gitarren dominierte Auftaktstück „Ohm“ und der mit überkandidelten Streicherarrangements leider überladene Rausschmeißer „Before We Run“ – überschreiten die 6-Minuten-Marke. Ansonsten aber lehnen Yo La Tengo sich gemächlich zurück, um mit zarten Stimmchen, verwunschenen Melodien und gezupften Saiten gewohnt poetisch vom Älterwerden, von gereiften Beziehungen und dem Vergehen der Zeit zu erzählen. Nur das wohlig rockende „Paddle Forward“ drückt zwischendurch aufs Tempo und schlägt ausnahmsweise lautere Töne an.

          CD der Woche : Yo La Tengo „Fade“

          Aufregend revolutionär ist das nach knapp dreißig Jahren Bandgeschichte nicht mehr. Der Name Yo La Tengo bürgt für eine gleichbleibend hohe Qualität in Sachen Indie-Rock. Einen echten Hit zu landen lag wahrscheinlich nie in der Absicht des unprätentiösen Dreiergespanns, das seine musikalischen Vorbilder bei Velvet Underground und Television findet. Es mit den kunstmarktnahen Geziertheiten von Sonic Youth oder der Augenzwinkerei von Pavement zu vergleichen war vermutlich seit jeher ein Missverständnis. Statt experimentelle oder gar sperrige Wundertüten hervorzuzaubern, geht es Yo La Tengo inzwischen um Entspannungsübungen im Zeichen einer souveränen Originalität und Verfeinerung. Dass sie freilich auch ordentlich auf den Putz hauen können, haben sie vor einigen Jahren mit dem Nebenprojekt Condo Fucks und krachledernen Cover-Versionen bewiesen.

          Schlummern und wummern

          Auf „Fade“ hingegen ist die Gelassenheit, mit der die Musiker zu Werke gehen, jederzeit spürbar. Allein die selbstauferlegte Beschränkung auf ein kürzeres Song-Format will nicht unbedingt einleuchten. Denn auch hier finden sich mehrere Stücke mit dem Potential, den Hörer mit sich fortzureißen. Das schläfrig dahingeflüsterte „Stupid Things“ etwa schießt mit holperndem Takt ins Kraut, durchzogen von einem beunruhigenden Dröhnen, das den zuversichtlichen Refrain zu untergraben scheint: „I always know that when we wake up / You’re mine“. Das hätte gern noch eine Weile weiter so vor sich hin schlummern und wummern können.

          An der Tatsache, dass diese zehn Songs sonderschön, mollig warm und einlullend sind, ändert die gezügelte Spielfreude nichts. Dank ihres Detailreichtums und der ausgeklügelten Produktion klingen sie noch lange nach. Und was an der Oberfläche recht harmlos und schlicht daherkommen mag, entpuppt sich nach mehrmaligem Hören als ebenso sinistre wie subtile Komposition. Wehe dem, der beispielsweise die Streicherseligkeit von „Is That Enough“ für eine gefühlsduselige Liebeserklärung hält! „Fade“ jedenfalls reiht sich mühelos ein in eine Diskographie, die kein einziges schlechtes Album aufweist. Bis Yo La Tengo eine Platte misslingt, ist die Fotografie in der Crêperie auf Groix längst verblasst.

          Quelle: F.A.Z.

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