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CD der Woche: Tom Waits’ „Bad as me“ : Ich bin hier seit Eisenhower

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Back In The Crowd“ Bild: AFP

Hat er wieder Schotter gegurgelt? Die erste Tom-Waits-Studioplatte seit sieben Jahren bietet mehr, als Abstinenzler vertragen können.

          Vor einiger Zeit war Tom Waits in einem Geschäft für Musikinstrumente. Er ging so herum zwischen den Klavieren und Gitarren; kein Mensch erkannte ihn. Dann fuhr er zum Schrottplatz. Gleich war er umringt von einer Menschentraube. Die Anekdote, von ihm selbst erzählt oder erfunden, besagt: Die Musik dieser amerikanischen Songwriter-Institution ist ein Recyclinghof. Die Reste und das Beste aus Blues, Barjazz, Rock’n’Roll, Cajun und Polka – vom Herrn des Rosts wird das alles zu eigenwilligen Klangwerken verschraubt.

          Beim letzten Studioalbum „Real Gone“ (2004) war der Wertstoffanteil allerdings gering. Die geniale Gitarre des alten Weggefährten Marc Ribot produzierte immer fratzenhaftere Licks, der Schlagzeuger schien auf alte Ölfässer einzuprügeln, und die unterweltliche Stimme von Tom Waits verlegte sich von der Melodie auf den Rhythmus: böses, übersteuertes Fauchen und Ächzen, gesampelt als Vocal Percussion. Das wurde irgendwann anstrengend. Man hatte beim Hören einiger Songs dasselbe Problem wie mit Hip-Hop, zu dem Waits zu sehr hinüberschielte: Geht oft los mit mächtigem Wumms, wird aber schnell langweilig, wenn man nicht ein explizites Interesse an Sänger-Texten hat und mit Wörterbuch und Lesebrille Musik hört.

          Man war der Waits-Welt ein wenig überdrüssig geworden: zu viel der finsteren Schuppen, in denen sich Grauenhaftes abspielte, zu viel des albtraumhaften Kirmesrummels, zu viel der kranken Drehorgelei, zu viel Brecht-Weill-Wilson-Theater. Bereits mit „Bone Machine“ (1992) hatte er eine Meisterschaft der Verfinsterung erreicht, die sich nicht mehr steigern ließ. „Orphans“ von 2006 mit 54 unveröffentlichten Songs aus mehreren Jahrzehnten schien wie ein Abschluss.

          Nun ist Tom Waits wieder da, einundsechzig Jahre alt und mit einem dermaßen gut gelaunten Album, wie man es nicht mehr erwartet hatte. „Bad As Me“ ist die (im guten Sinn) gefälligste Musik, die von ihm seit dreißig Jahren zu hören war. Die ersten Stücke der Platte rocken und rollen, swingen und stampfen, dass es eine Freude ist. Es beginnt mit einem kurzen, dampfenden Blues. „Maybe things will be better in Chicago“ – Waits benutzt seine Stimme wieder wie ein Saxophon, es kommt auf Ton und Phrasierung an, lustvoll knurrt, knautscht und dehnt er die Worte, spielt mit der Vokal-Melodie von „Chicago“. Die Bläsersätze machen nicht nur bei diesem Lied Vergnügen, sie bestimmen auch das Titelstück, das beinahe Hitqualitäten hat.

          CD der Woche : Tom Waits „Bad As Me“

          Waits bringt seine Einfälle auf den Punkt und fügt sie wieder ins knappe Songformat. Dem Publikum zugewandt, produziert er ein Kabinettstück nach dem anderen – mit „Get Lost“ zum Beispiel einen herrlich federnden Rockabilly, wie man ihn noch nicht von ihm gehört hat, Kiekser inbegriffen. Es folgt die schönste Ballade, die er seit „Mule Variations“ gesungen hat: „Face to the Highway“, bestimmt von lieblich gezupften Saiteninstrumenten und schwirrenden Gong- und Flageolett-Tönen. Doch auch dieses ruhige Stück hat einen festen Tritt, schließlich handelt es von einem Mann, der Abschied nimmt: „I’m going away“. Der Hörer schwört: Ich komme mit. Nächste Ausfahrt Hafenbar, irgendwo „at the end of the world“. Das Akkordeon zieht wehmütige Akkorde zum leicht angeschunkelten Rhythmus von „Pay Me“. Die Waits-Stimme gibt seit je Fragen auf. Hat er mit Schotter gegurgelt und mit Reißzwecken nachgespült? In Wahrheit klingt er nach vielen alkoholfreien Jahren eher wie ein Chorknabe. Er singt auch viel zu perfekt, als dass die Stimme wirklich kaputt sein könnte. Das Reibeisen wechselt mit klaren Tönen, wenn es in die höheren Lagen geht, etwa in „Talking at the Same Time“, wo er gar mit Falsett aufwartet, während die Bläser einen schönen Offbeat schieben und das Klavier auf den höchsten Tönen herumpingelt. Den Grad der Räudigkeit kann er offenbar nach Belieben einstellen wie ein Gitarrist die Verzerrung am Verstärker. Kein Zweifel: Diese Kunststimme verdankt Captain Beefheart mehr als dem Bourbon.

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