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Veröffentlicht: 07.12.2012, 16:10 Uhr

CD der Woche: Soundgarden Vier Herzen im Fünfvierteltakt

Außen hart und innen ganz weich: Die Band Soundgarden ist nach 15 Jahren wieder vereint. Nicht ganz so apokalyptisch gestimmt wie früher, bleibt sie die Speerspitze des komplexen Grungerocks.

von Wolfgang Schneider
© dapd, Mercury (Universal) CD der Woche: Soundgarden „King Animal“

Poser in Lederhosen, die Rock’n’Roll als ewige Party verstanden und die Möglichkeiten der Geschlechtsorgane besangen - so präsentierte sich der härtere Rock in den Achtzigern. Die Songs so gefönt wie die Frisuren, bestenfalls mit einer Eddie-van-Halen-Virtuosität in Zeiten ihrer Reproduzierbarkeit. Der Seattle-Grunge bereitete dieser selbstgefälligen Szene das Ende. Depression statt Testosteron, lautete die Devise des neuen Weltschmerz-Rocks, der monomanisch Themen wie Unsicherheit, Zukunftsangst, nie wieder gutzumachende Kindheitsschäden und Drogensucht ohne jede therapeutische Hoffnung umkreiste. Die Urszene von Pearl Jam war ein Drogentoter, bei Alice in Chains war es das Ende vom Lied.

Musikalisch war man frisch und traditionsbewusst zugleich. Plastik-Synthies und Kotletthammer-Schlagzeug, die Insignien eines musikalisch heruntergekommenen Jahrzehnts, waren nun des Teufels. Nirvana reaktivierten den Punk, Pearl Jam dockten eher beim „klassischen“ Rock an. Soundgarden, die in die Black-Sabbath-Schule des fies schleppenden Riffs gegangen waren, klangen mehr nach Metal, verzichteten allerdings auf den üblichen Grimm-Gesang, sondern hatten mit Chris Cornell eine der elaboriertesten Rockstimmen seit Robert Plant zu bieten.

© Mercury (Universal) CD der Woche: Soundgarden „King Animal“

Im Gegensatz zur Legende war Grunge kein simpler, „authentischer“ Garagenrock - am wenigsten bei Soundgarden, deren Spezialität seit dem Kraftpaket „Badmotorfinger“ (1991) vertrackte, kantige Grooves waren, böse durch die Songs marschierende Riffs mit ungraden Takten wie in „Spoonman“, wo der Siebenachteltakt für den rotierenden Effekt sorgt. 1994 erschien das Überalbum „Superunknown“, das zu den besten der Neunziger gehört: Musik voll roher Energie, zugleich wie dunkles Edelmetall produziert, mit geschliffenen Arrangements, die live in dieser Form kaum zu spielen waren.

Nach der überraschenden Auflösung von Soundgarden 1997 wurde Matt Cameron Schlagzeuger bei Pearl Jam. Cornell brachte Solo-Alben heraus und gründete mit den Musikern von Rage Against the Machine die Band Audioslave, die zeitgemäßes Rock-Kraftfutter im Angebot hatte. Gegenüber Soundgarden blieb das ungeachtet der Millionenverkäufe unterkomplex, und man hatte immer den Eindruck, dass die Chemie in dieser Band nicht stimmte. Noch weiter ging die Selbstverleugnung bei dem Album „Scream“ (2009), das tief in den Mainstream tauchte: Cornell im süßlichen Timbaland-Soundgewand. Dann vollzog der Sänger eine Kehrtwende und ging bloß mit akustischer Gitarre auf Tournee. Das grandiose Live-Album „Songbook“ (2011) war das Resultat - begnadete Singer/Songerwriter-Kunst. Lieder wie „Like a Stone“ klingen, als würde sich Cornell die Seele aufreißen.

Ungewöhnlich kompakter Gruppenklang

Und nun also „King Animal“. Da sind sie wieder: diese Stimme, eine der besten der gegenwärtigen Rockmusik, mal röhrend-räudig, mal kehlig-soulig, mal geschmeidig ihre Bandbreite erkundend; dazu die Gitarre vom Kim Thayil mit den springenden Riffs und den charakteristisch verknautschten Soli sowie das fabelhafte Schlagzeugspiel von Matt Cameron mit den virtuosen Synkopen, Fills und Stolperern. Da sind sie wieder: die merkwürdigen Gitarrenstimmungen und offenen Akkorde im Wechsel mit Powerchord-Attacken. „By Crooked Steps“ heißt einer der neuen Songs, und es ist Ehrensache, dass die schiefen Stufen im Fünfvierteltakt gezimmert werden.

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