Home
http://www.faz.net/-gse-74wep
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER

CD der Woche: Soundgarden Vier Herzen im Fünfvierteltakt

Außen hart und innen ganz weich: Die Band Soundgarden ist nach 15 Jahren wieder vereint. Nicht ganz so apokalyptisch gestimmt wie früher, bleibt sie die Speerspitze des komplexen Grungerocks.

© dapd, Mercury (Universal) CD der Woche: Soundgarden „King Animal“

Poser in Lederhosen, die Rock’n’Roll als ewige Party verstanden und die Möglichkeiten der Geschlechtsorgane besangen - so präsentierte sich der härtere Rock in den Achtzigern. Die Songs so gefönt wie die Frisuren, bestenfalls mit einer Eddie-van-Halen-Virtuosität in Zeiten ihrer Reproduzierbarkeit. Der Seattle-Grunge bereitete dieser selbstgefälligen Szene das Ende. Depression statt Testosteron, lautete die Devise des neuen Weltschmerz-Rocks, der monomanisch Themen wie Unsicherheit, Zukunftsangst, nie wieder gutzumachende Kindheitsschäden und Drogensucht ohne jede therapeutische Hoffnung umkreiste. Die Urszene von Pearl Jam war ein Drogentoter, bei Alice in Chains war es das Ende vom Lied.

Musikalisch war man frisch und traditionsbewusst zugleich. Plastik-Synthies und Kotletthammer-Schlagzeug, die Insignien eines musikalisch heruntergekommenen Jahrzehnts, waren nun des Teufels. Nirvana reaktivierten den Punk, Pearl Jam dockten eher beim „klassischen“ Rock an. Soundgarden, die in die Black-Sabbath-Schule des fies schleppenden Riffs gegangen waren, klangen mehr nach Metal, verzichteten allerdings auf den üblichen Grimm-Gesang, sondern hatten mit Chris Cornell eine der elaboriertesten Rockstimmen seit Robert Plant zu bieten.

© Mercury (Universal) CD der Woche: Soundgarden „King Animal“

Im Gegensatz zur Legende war Grunge kein simpler, „authentischer“ Garagenrock - am wenigsten bei Soundgarden, deren Spezialität seit dem Kraftpaket „Badmotorfinger“ (1991) vertrackte, kantige Grooves waren, böse durch die Songs marschierende Riffs mit ungraden Takten wie in „Spoonman“, wo der Siebenachteltakt für den rotierenden Effekt sorgt. 1994 erschien das Überalbum „Superunknown“, das zu den besten der Neunziger gehört: Musik voll roher Energie, zugleich wie dunkles Edelmetall produziert, mit geschliffenen Arrangements, die live in dieser Form kaum zu spielen waren.

Nach der überraschenden Auflösung von Soundgarden 1997 wurde Matt Cameron Schlagzeuger bei Pearl Jam. Cornell brachte Solo-Alben heraus und gründete mit den Musikern von Rage Against the Machine die Band Audioslave, die zeitgemäßes Rock-Kraftfutter im Angebot hatte. Gegenüber Soundgarden blieb das ungeachtet der Millionenverkäufe unterkomplex, und man hatte immer den Eindruck, dass die Chemie in dieser Band nicht stimmte. Noch weiter ging die Selbstverleugnung bei dem Album „Scream“ (2009), das tief in den Mainstream tauchte: Cornell im süßlichen Timbaland-Soundgewand. Dann vollzog der Sänger eine Kehrtwende und ging bloß mit akustischer Gitarre auf Tournee. Das grandiose Live-Album „Songbook“ (2011) war das Resultat - begnadete Singer/Songerwriter-Kunst. Lieder wie „Like a Stone“ klingen, als würde sich Cornell die Seele aufreißen.

Ungewöhnlich kompakter Gruppenklang

Und nun also „King Animal“. Da sind sie wieder: diese Stimme, eine der besten der gegenwärtigen Rockmusik, mal röhrend-räudig, mal kehlig-soulig, mal geschmeidig ihre Bandbreite erkundend; dazu die Gitarre vom Kim Thayil mit den springenden Riffs und den charakteristisch verknautschten Soli sowie das fabelhafte Schlagzeugspiel von Matt Cameron mit den virtuosen Synkopen, Fills und Stolperern. Da sind sie wieder: die merkwürdigen Gitarrenstimmungen und offenen Akkorde im Wechsel mit Powerchord-Attacken. „By Crooked Steps“ heißt einer der neuen Songs, und es ist Ehrensache, dass die schiefen Stufen im Fünfvierteltakt gezimmert werden.

1 | 2 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Tom Liwa in Das Bett Der Chansonnier aus dem Ruhrgebiet

Als Künstler sei er Hofnarr und Medizinmann, sagt Tom Liwa. Wie er mit der Gitarre auf Heimatsuche geht, ist heute im Frankfurter Das Bett zu hören. Mehr Von Norbert Krampf

18.12.2014, 18:24 Uhr | Rhein-Main
Album der Woche: Beck: Song Reader

Hörprobe: Just Noise Mehr

18.08.2014, 13:16 Uhr | Feuilleton
We will rock you Vom Licht geblendet, vom Sound betäubt

Wer ist würdig, die Axt zu besitzen? Das Musical We will rock you gibt in der Alten Oper Frankfurt eine Antwort. Mehr Von Christian Friedrich

22.12.2014, 10:23 Uhr | Rhein-Main
Album der Woche: Beck: Song Reader

Hörprobe: Eyes that say ‚I love you‛ Mehr

18.08.2014, 13:17 Uhr | Feuilleton
Album der Woche Ein Bonbon aus Wackelpudding

Auch Panflöten nimmt er ernst: Mit dem Album pom pom schafft Ariel Pink ein Hörerlebnis dadaistischer Pop-Art. Ab und zu droht allerdings der Zuckerschock. Mehr Von Tamara Marszalkowski

16.12.2014, 11:12 Uhr | Feuilleton
   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 07.12.2012, 16:10 Uhr

Uli Hoeneß macht einen fatalen Spielzug

Von Jochen Hieber

Für „hervorragende Verdienste“ um den Freistaat und das Volk wird der Bayerische Verdienstorden verliehen. Uli Hoeneß erhielt ihn 2002. Jetzt schickt er ihn zurück. Das zeugt von wenig Sachkenntnis und ist symbolisch fatal. Mehr 45 69