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Veröffentlicht: 23.11.2012, 15:10 Uhr

CD der Woche:  „Shields“ Pfeffer fürs Honigmaul

Mit dem schönen Pomp von Grizzly Bears neuen Album „Shields“ könnte man selbst Außerirdische standesgemäß willkommen heißen.

von Wolfgang Schneider
© Tom Hines, Warp/ Roughtrade Hörprobe: „Yet Again“ von Grizzly Bear

Warum die Band Grizzly Bear heißt, ist nicht ganz ersichtlich, mal abgesehen davon, dass der Schlagzeuger auf den Namen Christopher Bear hört und sich die vier Hipster aus Brooklyn womöglich kontrastbildend benennen wollten. Denn ihre Musik hat so gar nichts Bärenhaftes, ist weder Raubtier-Rock noch Holzfällerhemden-Folk. Plumpe Tatzenschläge sind nicht zu erwarten. Wenn schon ein Wappentier, dann käme eher ein Vogel in Frage, kein nervöser Flatterer, sondern ein Gleiter mit mächtigen Schwingen.

Vom Songwriter Ed Droste als Soloprojekt ins Leben gerufen, 2004 zur Band erweitert, begann die Karriere der Grizzlys 2006 mit dem psychedelischen Folk von „Yellow House“, einem sehr ruhigen, sehr raffinierten Album, das bisweilen an frühe, versponnene Pink-Floyd-Songs erinnerte, wie sie auf den B-Seiten der Frühsiebziger-Alben mit den sinfonischen Zwanzigminütern kontrastierten. 2009 folgte das Album „Veckatimest“, das sich so anhörte wie dieser auf eine unbewohnte Insel bezogene Titel: eigenwilliger, ätherischer Tüftel-Pop, der trotzdem bei Kritikern wie Publikum Erfolg hatte.

Grizzly Bear wurde zu einer Leitband des „New Weird America“: Musik auf Folkbasis, gekennzeichnet durch komplexe Songstrukturen, mehrstimmigen Gesang und die Amalgamierung mit anderen, gerne auch exotischen Stilen - das alles aber längst nicht so glatt und nach Crosby, Stills, Nash & Young duftend wie bei den Fleet Foxes.

Transzendenz und Schlummer

„Shields“ setzt nun die Linie von „Veckatimest“ fort und steigert sie, mit einem deutlich strafferen, erdigeren Klangbild. Christopher Bears Schlagzeug und Chris Taylors Bass zimmern ein kräftiges Fundament. Geblieben sind die betörenden Gesangslinien; dieser Grizzly ist ein Honigmaul, das versessen ist auf süße Melodien, aber auch manchen Stachel nicht scheut. „Sleeping Ute“, der erste Song, ist keine Liebeserklärung an eine schlummerschöne Ute, sondern meint einen schlafenden Utah-Indianer, genauer: einen Hügel, der aussieht wie ein ruhender Häuptling und zum Ziel der Wanderung eines Beunruhigten wird.

Es beginnt im etwas stolperigen Polyrhythmus und Akkorden einer ungewöhnlich gestimmten Gitarre, nach anfänglichem Fremdeln entwickelt das Lied jedoch bald die Tendenz zur Hymne. „I can’t help myself“, singt Daniel Rossen im Refrain, die Melodie sackt dabei allerdings keineswegs depressiv ab, sondern strebt wie zumeist bei Grizzly Bear in helle Höhen. „Speak in Rounds“, das zweite Stück, erweist sich nach etwas unschlüssigem Beginn als Hüpfburgsong der Platte: treibender Beat, heftig geschrubbte Akustikgitarre, geschmackvolle Schnörkelmotive der E-Gitarre dazu, die später von Bläsern aufgenommen werden, schließlich ein veritables Rennstreckenfinale.

Dann der Ohrwurm des Albums, „Yet Again“: reiner Transzendenz-Pop mit schonend gegarten Zutaten. Über einer absteigenden Progression perlender Gitarrenakkorde erheben sich choralhaft strahlende Gesangslinien von Ed Droste und Daniel Rossen. Aber bevor man zu andächtig wird, wechselt der Song jäh die Spur, eine Minute lang werden die Harmonien durch den Schredder gedreht.

Schönheit und Melancholie

Die Dramaturgie der Songs ist jederzeit fesselnd: nichts von Strophe-Refrain-Eintönigkeit, sondern kurvenreiche Kompositionen, die das Unvorhersehbare pflegen. Gegen Ende wird das Album immer ambitionierter. Der spukige Kammermusik-Pop von „What’s Wrong“ führt in eine wehmütige Klanglandschaft: hingetupfte Klaviertöne, grummelnde Trommeln, verwehte Klänge einer Bläsersektion. „Half Gate“ und „Sun In Your Eyes“, die beiden langen Schlussstücke, sind orchestrale Aufgipfelungen, die sich geradezu brucknerhaft aus ruhigen Anfängen und Zwischenspielen der Stille entwickeln, wogende Harmonien, instrumentiert mit Bläsern, Orgel und Streichern, aber nicht zum Wall of Sound gekleistert, sondern transparent und atmend, so dass sich bei jedem Hören weitere Feinheiten entdecken lassen.

Das klingt in seinem schönen Pomp bisweilen wie die Filmmusik für die Landung einer Armada von Außerirdischen, auch wenn die Texte nicht vom Krieg der Welten, sondern eher von privaten Dissonanzen zwischen einem Ich und Du handeln. Schnell und elegisch, akustisch und elektrisch, eingängig und sperrig, erdig und sphärisch, ruhig und rhythmisch, Vanille und Pfeffer - auf „Shields“ ist alles perfekt ausgewogen, die Gegensätze umschmeicheln sich. Melancholie und Schönheit: Dahin geht die Reise von „Grizzly Bear“. Ein Album des Jahres, kein Zweifel.

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Grizzly Bear, Shields. Warp Records CD 229 (Rough Trade)

Quelle: F.A.Z.

 

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