Home
http://www.faz.net/-gse-7671x
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

CD der Woche: Selig Entschleunigungs-Hymnen für Sahneschläger

 ·  Die Band Selig stand einmal für eruptiven Rock. Nun sucht sie die Mitte: Auf dem neuen Album „Magma“ weichen Wahn und Wortwitz dem süßlichen Einheitsbrei.

Artikel Audio (2) Lesermeinungen (1)
© Vertigo Berlin Vergrößern Hörprobe: „Love & Peace“

In den Neunzigern war Selig die überzeugendste deutsche Antwort auf Seattle: psychedelischer Grunge aus Hamburg, bei dem im Hintergrund noch die Krautrock-Orgel waberte. Prägend für die Band waren der Ausnahme-Gitarrist und Songschreiber Christian Neander sowie die ausdrucksstarke, immer etwas nasale Stimme von Jan Plewka, geschult an der Intonation des großen Vorbilds Rio Reiser. In bester Erinnerung sind die Alben „Selig“, „Hier“ und „Blender“ - so gekonnt wurde hierzulande selten gerockt. 1998 löste sich die Band schon wieder auf, als hätte sie den Refrain eines ihrer bekanntesten Lieder wörtlich genommen: „Ist es wichtig? / So richtig wichtig ist es nicht“.

2008 hat die Band sich wiedervereinigt. Zwei Alben entstanden, und vor allem das letzte, „Von Ewigkeit zu Ewigkeit“, schloss noch einmal souverän an früher an: frisch gespielter Rock alter Schule, tolle Songs wie „Dramaqueen“. Nun folgt der dritte Streich. Etwas beunruhigend allerdings klingt, dass „Magma“ nicht mehr in Eigenregie entstanden sei, sondern mit Hilfe des Produzenten Steve Powers, der etwa Robbie Williams betreute.

Verlust der Mitte

Am Anfang steht eine unspektakuläre, aber knackige Anleitung zum Unschuldigsein mit schöner Hookline: „Ich hab wie du / Ein reines Gewissen / Ich hab wie du / Keine Schuld daran“ - aber woran denn? Der Witz besteht darin, dass es nicht gesagt wird. Es folgt die Single „Alles auf einmal“, eine schlagerhafte Entschleunigungshymne fürs Burnout-Zeitalter. „Ich verliere meine Mitte / Und das hatten wir schon mal“, singt Plewka. Wie bitte? Hat die Rockmusik denn nicht immer den Abscheu vor jeder „Mitte“ zelebriert? Ein leichtsinniges „Leben im Überflug“, das war es doch, was in hunderttausend Songs verherrlicht wurde. „Selbstbetrug“ reimt Plewka jetzt darauf. „Bitte bitte bitte bitte / Nicht alles auf einmal“: Die Gierschlundhaftigkeit, das Leben im prallgestopften Moment, die älteste Sehnsucht des Rock, wird verabschiedet. Selig ist in der Mitte des Lebens angekommen.

© Vertigo Berlin Vergrößern Hörprobe: „Alles auf einmal“

Leider machen sie jetzt auch mittelmäßige Musik. Der Titel „Magma“ ist gewagt, denn aus dem Selig-Krater quillt eher der süße Brei des Mainstream-Pop-rocks. Süßlich sind auch die Texte. Früher hat Plewka schön beiläufige, Wahn und Wortwitz verbindende Songzeilen verfasst: „Weiter ging es nicht / Weiter war zu weit“, oder: „Du kennst mich nicht / Doch ich liebe dich“, oder: „Die Welt ist groß und ich bin klein - lass mich deine Hure sein“. Diese aus dem Handgelenk geschüttelte Souveränität ist völlig verlorengegangen. Jemand muss dem Sänger eingeredet haben, dass es im Rock auf „Botschaften“ ankomme. Nun hat ihn der Bedeutungskrampf voll erwischt: „Stille Wasser durch die Dunkelheit / Die Welt ertrinkt in ihrer Einsamkeit“. Ein Musterkoffer voller Lebensweisheit und Befindlichkeitskitsch wird ausgebreitet. „Sie trägt den Arsch einer Göttin / dieses Biest ist frei“ - solche Zeilen würde der Frauenversteher heute nicht mehr schreiben.

Schlimme Sache, diese Deutlichkeit

In den Neunzigern hat Plewka gekonnt das Vernuschelte, Kratzig-Bekiffte, neben sich Stehende gepflegt. Auf „Blender“, dem interessantesten Album der Band, wurde der Gesang zusätzlich nach hinten gemischt, so dass man überhaupt nur jedes dritte Wort verstand. Das würde auch den Texten von „Magma“, weil sie schlecht sind, guttun. Aber jetzt singt Plewka wohlartikuliert und kristallklar, ihm entgeht keine Silbe: „Ich sah das gottlose Schweigen erloschener Engel / An der begrabenen Sonne am vergifteten Fluss“. Schlimme Sache, diese Deutlichkeit.

Musikalisch will die Band partout nichts falsch machen und riskiert deshalb nichts mehr. Der Spielwitz ist hin, kein Ton springt aus der Reihe, kein Akkord- oder Tempowechsel lässt aufhorchen. Es ist handwerklich gediegener, wie vorgewaschen wirkender Wellness-Rock, der das Ohrwurmzentrum mit eingängigen Melodien und Refrains anpeilt.

“Bring mich irgendwohin / Wo es seltsam und laut ist“, singt Plewka einmal - je länger das Album dauert, desto mehr stimmt man ihm zu. Der vom Produzenten geschaffene Sound ist ohne Ecken und Kanten, selbst der helle, scharfe, federnde Stratocaster-Klang von Christian Neander ist cremig weich in die Mitte gerückt: Einer der besten Gitarristen der deutschen Rockszene hat aus seinem Instrument einen Sahneschläger gemacht. Und wenn er doch mal ein paar rauhere Töne anschlägt, klingt das wie ein abgeblasstes Zitat der wilden Jahre: Riffs in Anführungszeichen, passend zur historischen Choreographie des Videos zu „Love & Peace“, wo Kurt Cobain in die Kamera spuckt und Eddie Vedder seinen legendären Kopfsprung ins Publikum unternimmt. Es war einmal, Kinder...

„Ich hab wie du / keine Schuld daran“ - schuld wäre demnach also: der Produzent. Beim nächsten Mal deshalb besser wieder ohne. Vielleicht ist ja noch Lava unterm Grießbrei.

Selig, Magma. Vertigo 602537210732 (Universal)

Quelle: F.A.Z.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren (7) Merken Drucken
Lesermeinungen zu diesem Artikel (1)

31.01.2013, 17:20 Uhr

Weitersagen
 

Echte Fälschung?

Von Andreas Rossmann

Bei der Siegener Biennale konkurrieren die Aufführungen um einen ganz besonderen Preis: Nachdem es bereits Hypo Real Estate-Aktien und griechische Staatsanleihen zu gewinnen gab, geht es dieses Jahr um eine Beltracchi-Fälschung. Mehr