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CD der Woche: Rickie Lee Jones Auf ästhetische Verluste wird hier gepfiffen

Intimität als Haltung? Mehr so eine Art weibliches Voodoo: Rickie Lee Jones wispert sich durch den Rock’n’Roll-Kanon. Dies freilich auf eine nicht selten überwältigende Art.

© Universal CD der Woche: „The Devil You Know" von Rickie Lee Jones

Es ist ein herbstliches Album geworden, von fast wehmütiger Schönheit. Rickie Lee Jones versenkt sich auf „The Devil You Know“ in den Soundtrack einer ganzen Generation. Klassiker der Rockgeschichte wie „Sympathy for the Devil“ von den Rolling Stones, „The Weight“ von The Band, Neil Youngs „Only Love Can Break Your Heart“, „Comfort You“ von Van Morrison oder Donovans „Catch the Wind“ - wie lassen sich solche emblematischen Songs neu erfinden?

Die achtundfünfzigjährige Jones sucht ihr Heil in hemmungsloser Verfremdung der Originale. Fast körperlos klingt ihr Gesang. Sie ringt sich jedes Lied ab, jeder Song entpuppt sich als kleines Drama, in dem die Jones um den eigenen, ganz unverwechselbaren Ton in den dutzendfach gecoverten Liedern kämpft.

Mit Sounds und Songformen experimentiert

„Dieses Album hat mich an einen ganz neuen Ort geführt. Ich fand zu einer anderen Stimme, einer ruhigeren, vielleicht auch gereifteren, aber wahrscheinlich trotzdem jüngeren Stimme, als ich je hatte.“ Rickie Lee Jones hat sich schon oft in ihrer fast vierzigjährigen Karriere gehäutet, mit Sounds und Songformen experimentiert, dabei immer wieder auch auf Fremdmaterial zurückgegriffen. Man erinnere sich nur an Alben wie „Girl At Her Volcano“ (1983), „Pop Pop“ (1991) oder „It’s Like This“ aus dem Jahr 2000.

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Ob Jimi Hendrix’ „Up From the Skies“, Marvin Gayes „Trouble Man“ oder „Show Biz Kids“ von Steely Dan - ihr war es letztlich egal, wer die Songs geschrieben hat, wenn es ihr nur gelang, das „Fremde“ zu einem Naturereignis der eigenen Innenwelt zu machen. Sparsame, um nicht zu sagen: minimalistische Arrangements, trocken, fast ausgedörrt und dennoch betörende Wärme ausstrahlend, verwirren den Hörer in seinem Wiedererkennungswillen.

Ein fragiles Selbstgespräch

Ben Harper, der schon Rickie Lee Jones’ vorletztes Album „Balm In Gilead“ produzierte, beschränkt sich in seiner Gitarrenbegleitung auf akkordische Strukturbildung. Seine Weissenborn-Slide-Sounds halten sich dezent im Hintergrund, dafür steuert er seine neue Komposition „Masterpiece“ bei: Sie scheint auf der Stelle zu schweben, Rickie Lee Jones macht aus Harpers Text über die Kraft unbedingter Nähe ein fragiles Selbstgespräch. Auf dem ganzen Album begleitet sie sich selbst am Piano, an Keyboards, Gitarre, Bass und Perkussion.

© Wonge Bergmann, Universal CD der Woche: „The Devil You Know" von Rickie Lee Jones

In ihrer traumverlorenen Version kommt Neil Youngs „Only Love Can Break Your Heart“ als weich schwingendes Bekenntnis daher. Mit ganz anderer, abgeklärter Stimme interpretiert sie dann zu zerbrechlichen Piano-Akkorden „The Weight“. Ohne Rücksicht auf alle ästhetischen Verluste wühlt sie sich immer tiefer in den Song hinein, windet sich regelrecht durch seine Textzeilen. „Sgt. James Infirmary Blues“ - dieses große Einsamkeits-Manifest, das Bob Dylan zu seinem Meisterwerk „Blind Willie McTell“ inspirierte - gerät ihr dann zur geisterhaften Beschwörung der Vergangenheit. „Comfort You“, von seinem großen Album „Veedon Fleece“, ist ein eher obskures Lied im Van-Morrison-Kanon, hat es doch den unbedingten Trost zum Thema. Während Van the man dabei wohl eher eine Freundin im Sinn hatte, dachte Jones in ihrer Version offenbar an die inzwischen erwachsene Tochter. Gerade diese Transformationsfähigkeit großer Songs in andere Gefühlswelten macht letztlich ihren Zauber aus.

Eine ekstatische Eloquenz

Die Sängerin, die nach eigener Aussage ihre musikalische Erziehung in einer „Lower-middle-class-hillbilly-hipster“-Familie genoss, suchte bisher noch mit jedem ihrer Alben neue Herausforderungen: Sie sang sich durch Rhythm & Blues, Pop, Blues, Soul, durch Beats und Loops sowie durch Jazz-Standards. Dabei hat sie sich seit langem einen unverwechselbaren Personalstil erarbeitet. Ihr fast atemloses Wispern, die nackten Schreie, die im nächsten Moment in einem betörenden Flüstern verwehen können, all diese abrupten Wechsel definieren die bisweilen ekstatische Eloquenz von Rickie Lee Jones.

Ihr „Sympathy for the Devil“ - die vielleicht radikalste Lesart auf dem neuen Album - unterminiert alles Macho-Gehabe, wie man es in Mick Jaggers Originalfassung liebgewonnen hat. Die triumphalen Gesangsgesten werden zugunsten introvertierter Selbstbefragung aufgegeben. Man hat das Gefühl, dass sich hier mehrere Sängerinnen abwechseln, so groß ist die Bandbreite der stimmlichen Modulation. Rickie Lee Jones gelingt eine Art weibliches Voodoo: „Wir haben hier eine Frau, die einen Mann verkörpert, der den Teufel verkörpert - oder ist es genau anders herum?“

Rickie Lee Jones, „The Devil You Know“, Universal

Quelle: F.A.Z.

 
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