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CD der Woche: Richard Thompson : Das Lied vom traurigen Sonntag

Hörprobe: „Salford Sunday“ Bild: Beeswing Music (BMI)

Zwischen Mittelalter und Zwölftonmusik, mit großartigen Riffs und immer an der Grenze zur Wehmut: Richard Thompson lässt auf dem Album „Electric“ Altersstil erkennen.

          Manchmal fragt man sich, ob denn niemand da ist, der dem Mann in den Arm fällt. Ob ihm die Dinge aus dem Ruder laufen, ob er eigentlich noch weiß, auf welchem Fundament der Song ruht, den er da gerade spielt, und ob es ihn kümmert, dass sich sein Gitarrenspiel immer weiter davon entfernt. Von einer gewissen „Sally B.“ hat er gesungen, einer Frau, die alle in den Bann schlage, und am Anfang war die Stimme noch über dieselbe Melodie mit der Gitarre verbunden. Dann aber übernimmt das Instrument, dehnt das metrische Schema so weit wie möglich und lässt mit seinen Läufen die ursprünglichen Harmonien allenfalls erahnen. Dass das Ganze nicht in einer fulminanten Rückkopplung endet, ist einigermaßen erstaunlich. Stattdessen wird irgendwie der Ausgangspunkt erreicht. Und der Musiker, so stellt man sich vor, braucht jetzt erst mal eine Pause.

          Folk ohne Fiedelseligkeit

          Vier Tage hätten die Aufnahmen seines neuen Albums „Electric“ gedauert, sagt Richard Thompson, der die elf Lieder gemeinsam mit dem Schlagzeuger Michael Jerome und dem Bassisten Taras Prodaniuk im Studio des Produzenten Buddy Miller beinahe in Echtzeit und mit nur wenigen Overdubs einspielte. Das Verfahren ist Thompson vertraut, seit er als Teenager die britische Folkrockgruppe Fairport Convention mitbegründete, ab den Siebzigern eine Solokarriere verfolgte und später seine Lieder auch mal allein in der eigenen Garage („Front Parlour Ballads“) oder bei einer Serie von Konzerten („Dream Attic“) aufnahm. In den letzten Jahren schrieb er eine Revue über einen Talentwettbewerb in der Hölle, ging mit einem Programm über „1000 Years of Popular Music“ auf Tournee oder wirkte in einem Ensemble für Renaissancemusik mit - es ist kein Zufall, dass er auf „Electric“ hin und wieder zu Akkordeon und Drehleier greift.

          CD der Woche : Richard Thompson: „Electric“

          Weil sich aber die stilistische Vielfalt der Platte nicht auf die eingesetzten Instrumente beschränkt, weil Thompsons Kompositionen ersichtlich aus allen möglichen Quellen zwischen Mittelalter und Zwölftonmusik gespeist sind, könnte die Sache leicht schiefgehen. Im schlimmsten Fall drohte ein hastig eingespielter, unentschlossener, aber gespreizter Mischmasch.

          Wer die CD einlegt, erlebt das schiere Gegenteil. Da ist der Rückgriff auf traditionelle Folkmusik, der jeder Hauch von irisch anmutender Fiedelseligkeit ausgetrieben wird. Da sind Lieder wie das kraftstrotzende „Stony Ground“, dessen flirrende Melodie durch den gezielt eingesetzten Backgroundgesang punktuell signalhaft verstärkt wird, bis aus der Suada über den gedemütigten alten Liebesnarren („silly old man with his teeth all gone / poking his nose where it don’t belong“) ein kunstvolles Gewebe entsteht. Da sind die vielen Soli der elektrischen Gitarre, die einzelne Motive aufnimmt und sie freischwebend verwandelt, die einzelne Melodiebögen auftauchen und verschwinden lässt und deren oft genug ganz leicht übersteuert wirkender Klang keine Gewöhnung aufkommen lässt.

          Betörend und ruppig

          Thompson ist lang genug im Musikgeschäft, um zu wissen, welche Wirkung solche Irritationen haben und wie entscheidend sie dafür sind, dass Lieder länger frisch bleiben. So finden sich in der musikalisch betont leichtfüßigen, im Text erztraurigen Ballade „Salford Sunday“ fortwährend winzige Verzögerungen, und die für Thompson typischen anschwellenden Glockentöne haben in dem Trennungslied „Another Small Thing In Her Favour“ eine Entsprechung in den so sparsam wie effizient eingesetzten Hi-Hats des Schlagzeugers Jerome. Und selbst Thompson, dessen Gitarrenspiel viel bewundert wird, hat lange keine Platte mehr veröffentlicht, die derart viele großartige Riffs aufzuweisen hat wie diese. Ob „Stuck In The Treadmill“ oder „Good Things Happen To Bad People“, dem Lied, das man als Single ausgekoppelt hätte, als es noch Singles gab - dass und wie diese Lieder mit der Gitarre von Anfang an ihre klare Richtung erhalten, prägt den Charakter dieser Platte enorm.

          Auf der anderen Seite stehen Lieder wie „The Snow Goose“, die neuerlich Thompsons Geschick im Umgang mit wohltuend dosierter Sentimentalität zeigen. Der Künstler, der in den vergangenen zehn Jahren immer wieder über die Orte oder die Freunde seiner Kindheit gesungen hat, der das London der Sechziger beschrieb oder Liebende, die sich damals im ländlichen England als Wanderarbeiter durchschlugen („Beeswing“), balanciert gerade in seinen zärtlichsten Liedern habituell auf dem feinen Grat zwischen Verlust und Wehmut, zwischen trauriger Schönheit und Kitsch - ein Grat, den er so gut wie nie überschreitet. Schon deshalb nicht, weil sein Gitarrenspiel gerade in diesen Liedern zu komplex ist, als dass man der Sache schnell müde werden könnte.

          „Electric“, so betörend wie ruppig, ist ein Meisterwerk aus einem Guss. Und wenn man hier einen Altersstil erkennen wollte, so ist der aus Erfahrung ebenso gespeist wie aus der überbordenden Freude am kontrollierten Experiment. Niemand fällt dem Mann in den Arm. Zum Glück.

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