http://www.faz.net/-gsd-74q2a

CD der Woche: „Psychedelic Pill“ : Diese Pille geht runter wie Öl

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Psychedelic Pill“ Bild: AP

Eine idealtypische Jamsession mit langen Zahnschmerz-Soli: Neil Young und Crazy Horse lassen mit ihrem neuen Album „Psychedelic Pill“ eine zauberhafte Schaffensperiode wiederaufleben.

          Ein gewisser Etikettenschwindel sei hier angezeigt: Neil Youngs neue Platte heißt zwar „Psychedelic Pill“, doch pillentypische Halluzinationen sollte man von ihr nicht erwarten. Der mittlerweile 67 Jahre alte Young bemüht sich nämlich weder darum, die kunterbunten Experimente der psychedelischen Tradition weiterzutreiben, noch ihre albtraumhaften Visionen zu vertiefen. Mit dem vorliegenden Doppelalbum schließt er vielmehr an einen konventionelleren Strang des Genres an, dessen Exponenten sich in den späten Sechzigern und frühen Siebzigern mit den Mitteln des Rock durch das Erbe von Folk und Country wühlten.

          Die erwünschte Bewusstseinserweiterung suchten Bands wie Grateful Dead, die Flying Burrito Brothers, Quicksilver Messenger Service und natürlich Young selbst mit seinen Weggefährten von Crazy Horse eher in amerikanischen Mythen und endlosen Improvisationen über meist herkömmlich strukturiertes Songmaterial - einer Hippiemusik, die eventuell weniger mit Produkten der Pharmakologie assoziiert ist als mit solchen aus Hanf.

          Hohe Töne und Zahnschmerzen

          Die Reise geht also in die Vergangenheit, wie Young im Opener „Driftin’ Back“ mit Stolz, sachter Wehmut und mildem Zorn in der Stimme klarmacht, und sie wird ausgesprochen lang: 87 Minuten hat das Werk, allein der erste Song nimmt fast 28 davon ein. Bei ihm wie bei den drei anderen langen Stücken verdankt sich dies keinesfalls kompositorischer Raffinesse oder abwechslungsreichen Arrangements, sondern allein den ausufernden Gitarrensoli, die Young über den rauhen Teppich aus Countryrock legt, der ihm von Crazy Horse gewoben wird.

          Diese Soli wiederum leben vollständig von dem unverwechselbaren Gitarrenton, den Young - ähnlich wie seine Stimme - über Jahrzehnte kultiviert hat. Hier geht es nicht um Tempo, Skalen, Virtuosität, sondern um Repetition, leichte Variation und Soundmodulation, um überbordende Spielerei und die Interaktion mit dem Schlagzeuger Ralph Molina, dem Bassisten Billy Talbot und dem Gitarristen Frank „Poncho“ Sampedro. Es ist ein dunkler, schwerer, gleichwohl kratziger Gitarrenklang, der sich gern etwas verstimmt gibt und ständig in das warme Grollen mächtig übersteuerter Röhrenverstärker umkippt. Mit seinem betagten Equipment und ein paar Effektgeräten erzeugt Young Töne, die in den hohen Lagen bei manchen Menschen Zahnschmerzen hervorrufen mögen und in den tiefen den Schreien des in die Enge getriebenen Godzilla ähneln.

          Informelle Jamsession

          Zwischen die vier langen Stücke sind zwar eine Handvoll kurzer Lieder gestreut, die eine größere musikalische Bandbreite aufweisen. Im heiter daherrumpelnden „Born in Ontario“ zeigt sich Young als selbstzufriedener Country-Opa, im Titelstück fegt die Rhythmusgitarre mit einem rauschenden Flanger-Effekt den Song fast hinweg, und im kinderliedartigen „For the Love of Man“ nervt es auch mal ein bisschen.

          Die langen Stücke aber geben der Platte ihr Gesicht. Sie klingen, als sei eine informelle Jamsession oder ein Clubkonzert aus Youngs psychedelischer Phase mitgeschnitten worden - mitsamt der Nonchalance, das Schiefe und Schräge zu suchen, Fehler drinzulassen und zusammen mit den Mitmusikern auszuloten, mit welchen Tonfolgen und Geräuschen der Spielspaß noch eine Weile weitergetrieben werden kann.

          Vom Vorzug des Alters

          Ausprobieren, wie lange die Sache gutgeht - das darf man gewiss auch im übertragenen Sinne verstehen. Bei aller Melancholie strahlen die Songs doch das Selbstbewusstsein eines Mannes mit großer Vergangenheit aus, der gar nicht anders kann, als es mit seiner neuen Platte mal wieder allen zu zeigen. Über dem güldenen Gestern muss die Gegenwart selbstverständlich ein wenig verblassen. Das beiliegende Booklet belehrt uns, dass die Platte analog aufgenommen wurde und die Aufnahmen auf ihrem Signalweg erst ganz am Schluss digitalisiert wurden. Im erwähnten „Driftin’ back“ wettert Young wieder einmal gegen MP3s - ach, herrlicher Eigensinn des Alters! Andererseits: Wenn sich jemand solche Marotten leisten kann, dann ja wohl er. Mächtiger als Verbalattacken gegen die zeitgenössischer Musikrezeption dürfte ohnehin das Statement sein, welches ein 27-minütiger Song darstellt.

          Ein weiterer Vorzug des Alters: Man kann sich bei sich selbst bedienen, wovon Young hier songtechnisch ausgiebig Gebrauch macht. Mal gelingt dies weniger, wie bei „She’s Always Dancing“, das von den Harmonien bis zu sämtlichen Manierismen im Gitarrensolo etwas zu unverhohlen dem Evergreen „Like a Hurricane“ nachgebildet ist. Mal gelingt es mehr, wie in „Ramada Inn“ und „Walk like a Giant“, die sich vor Youngs Klassikern jedenfalls nicht zu verstecken brauchen. Und zu Beginn des letzteren Stücks wird es sogar lustig, wenn just in dem Moment, da man die offenkundige Ähnlichkeit des Riffs zu dem von „Hey Hey, My My (Into the Black)“ von 1979 erkennt, eine kleine, mehrstimmige Melodie darüber gepfiffen wird. Die Vergänglichkeit, das Alter, die Erwartungen: Pfeif drauf!

          Zeitgemäße Popmusik mit sogenannter Dringlichkeit ist das selbstverständlich nicht, sondern eher das akustische Äquivalent zu einem Film, in dem uns ein verdienter Regisseur zu Orten einer zauberhaften Periode seines Schaffens führt. Überraschenderweise gelingt es ihm tatsächlich, diese für substantielle Momente wiederaufleben zu lassen. Und die ganze Zeit groß im Bild: sein bestes Team, die unverwüstlichen Crazy Horse. Eine schöne Liebeserklärung.

          Weitere Themen

          Atemberaubendes Unterwasser-Ballett Video-Seite öffnen

          Tanzen ohne Sauerstoff : Atemberaubendes Unterwasser-Ballett

          Der Französin Julie Gautier setzt die sportliche Herausforderung Apnoetauchen in kunstvolle Filme um. Sie plant dabei jede Bewegung akribisch. Denn beim Tauchen ohne Sauerstoff kann man Szenen nicht endlos wiederholen.

          Judith Kerr wird 95 Jahre alt Video-Seite öffnen

          Dank einem Polizisten : Judith Kerr wird 95 Jahre alt

          Judith Kerrs Buch "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" ist Pflichtlektüre für Generationen von Schulkindern in Deutschland geworden. Sie beschreibt darin die Flucht ihrer Familie aus Deutschland unmittelbar vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten. Jetzt ist die umtriebige Autorin 95 Jahre alt geworden.

          Topmeldungen

          Falscher Corpsgeist : Im Sog der Dieselbetrüger

          Erst der Ruf, dann der Vorsprung: Die zögerliche Aufarbeitung des Dieselskandals durch VW droht die gesamte deutsche Autoindustrie in den Abgrund zu reißen. Ein Kommentar.

          Asylstreit : Kurz vor dem Zusammenstoß

          CDU und CSU haben die Kollision noch einmal vermeiden können. Doch die Gefahr ist noch nicht gebannt. Die Aussichten, dass Merkel Seehofers Forderungen erfüllen kann, sind nicht besonders groß. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.