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CD der Woche: N.R.F.B. : Die Panzerfahrer

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Der Panzerfahrer” Bild: Major Label / Broken Silence

Für dieses bizarre Projekt hat sich Hamburger Pop-Prominenz unter dem Namen N.R.F.B. versammelt. Entstanden ist ein Album, das Punk als Haltung, Trauerspiel und Eurodance in seltener Eintracht verbindet.

          In Hamburg pflegen sehr unterschiedliche musikalische Szenen einen überraschend unkomplizierten Umgang miteinander. Jüngstes Beispiel war, als man Heinz Strunk als Querflötisten bei einem Konzert von Scooter erleben durfte - einen Könner am Instrument, der den Stadion-Techno von H.P. Baxxter auf eine Weise beflötete, dass Surrealisten ihre Freude daran gehabt hätten. Es klang tatsächlich wie eine zufällige Begegnung von Nähmaschine und Regenschirm auf einem Seziertisch: zwei ganz unterschiedliche Welten, zwischen denen es, wie auch immer, zur einer Zündung gekommen war.

          So ist es auch mit diesem neuen Hamburger Album: dem in der kommenden Woche erscheinenden Debüt der Underground Allstar-Band N.R.F.B., auf dem sich Musiker wie Jens Rachut von Kommando Sonne-nmilch, Frankie Stubbs von Leatherface, Mense Reents von den Goldenen Zitronen und Thomas Wenzel von den Sternen zusammengetan haben. Schon das Cover von „Nuclear Raped Fuck Bomb“ (Major Label/Broken Silence) offenbart den Sinn der Band für Bizarres: In einem Waldstück haben sich die vier Musiker fotografieren lassen, und zwar in Kaki-Klamotten, mit Baretten auf den Köpfen und verbundenen linken Beinen, auf die sie Theaterblut geschmiert haben. Begleitet werden sie von vier Eseln, die einen eher gelangweilten Eindruck vermitteln. Immerhin: N.R.F.B. offenbarem dem Betrachter auf der Rückseite, dass ihre amputierten Beine doch noch vorhanden sind.

          Das dürfte auch H.P. Baxxter gefallen

          Bizarr auch die Musik: „When I Go Nana“, der Auftakt, ist ein melancholisches Gitarrenpicking in Moll, das eine Band wie die Scorpions wohl zu einer Metal-Ballade im Stadionformat aufgepustet hätten. Bei N.R.F.B. hingegen schlurft das Stück langsam vor sich hin - um irgendwann ganz aufzuhören. „Achtung Achtung“ dagegen ist von anderer Sorte: „Morbide Feen wollen Glück versprühen“, lässt uns eine Frauenstimme wissen. Doch: „Du hattest Pech, der Umhang steht auf Deiner Haut wie angeklebt.“ Bald setzt ein kräftiger Techno-Rhythmus ein, dem eine störrische Postpunk-Gitarre Contra gibt. So kann man Punk im Jahr 2011 spielen, als kakophonische Mischung, als chaotische Brandrede gegen die Vorhersehbarkeit.

          Stück drei könnte der Hit der Platte werden - und dürfte auch H.P. Baxxter gefallen. Aber was, bitte, ist das eigentlich? Die Band rattert wie eine Mischung aus Gabber-Techno, Primal Scream, The Prodigy und einem eher einfältigen Punkrock-Song des Jahres 1977. Jetzt hat das Album seine Maximalgeschwindigkeit erreicht. „Still Here“ bläst in ein ähnliches Horn. Doch so abrupt, wie es beginnt, verstummen die harten Elektro-Schläge wieder. Jetzt ist es Zeit für Botschaften wie diese: „Das Ende kommt jetzt näher, die Blätter fallen ab, Schmerzen machen Falten, Liebe ist ein Luxusgrab.“ Vom Elektropunk hat sich die Band wieder verabschiedet. Die Stimme der Gastsängerin Lisa Hagmeister schraubt sich nun kapriziös in die Höhe, im Hintergrund zerrt eine Gitarre, man vernimmt das digital bearbeitete Röhren eines Tieres, die Drumbeats knistern leise. Doch gleich zieht die Geschwindigkeit erneut an.

          Muss Richtung Schlacht

          Treibender Höhepunkt des Albums ist „Der Panzerfahrer“, das Lied über einen Mann, dem der Hass auf die Feinde fehlt: „Der Panzerfahrer jetzt im Rückwärtsgang. Er fährt nach Haus, hängt da rum“. Auch „Der Panzerfahrer“ ist so ein sonderbarer Zwitter aus zeitgenössischen elektronischen Sounds, einem Text, den Peter Hein von den Fehlfarben im Jahr 1980 ersonnen haben könnte, und einer Komposition, die an eine Band wie Element Of Crime und damit an eine musikalischen Chanson- und Balladen-Tradition seit Kurt Weill oder Georg Kreisler denken lässt.

          Das Theaterhafte, Inszenierte steckt stets in „Nuclear Raped Fuck Bomb“. Oder anders: Sigue Sigue Sputnik, Suicide oder DAF kann man als gemeinsame Ahnen dieser Musik benennen. Stets fern bleibt die Band jedem Authentizitäts-Gestus der Rockmusik. Und dazu passt, dass N.R.F.B.-Hauptsänger Jens Rachut - Gründer einflussreicher Hamburger Punkbands wie Dackelblut oder Oma Hans - immer wieder als Schauspieler an der Berliner Volksbühne, dem Schauspiel Hannover, dem Hamburger Schauspielhaus oder dem Schauspielhaus Zürich zu sehen war. Rachut, der früher schon über Neurosen von Polizisten oder auch über den Einfluss von Architektur auf das Sex-Leben sang, rückt auch bei seiner neuen Band N.R.F.B. das Abstruse in den Mittelpunkt.

          Und jetzt muss er wieder los, der Panzerfahrer. Muss Richtung Schlacht. Sein Schicksal spitzt sich zu, denn der Frieden macht Pause. So ist das kein Leben, denkt sich die Ehefrau, kocht traurig für sich alleine Pellkartoffeln, kriegt ihre Tage, denkt über Netzbekanntschaften nach - und nimmt sich vor, im Falle des Falles auf die Witwenrente zu verzichten. Einen solchen Ehemann, der keiner mehr ist, will sie auch nicht mehr. Das Schicksal, das Scheitern des Panzerfahrers ist besiegelt. Mit der Liebe geht das Leben. Punk ist keine Musik, sondern eine Haltung, so hat es Jens Rachut einmal gesagt. Und selten jedenfalls waren sich Punk als Haltung, Trauerspiel und Eurodance so nahe wie auf diesem Album.

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