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HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

CD der Woche Mit der Kraft des Klassenkampfs

Botschaftsangehörige, jetzt mit Akustik-Charme: Die Manic Street Preachers werden reif und weise. Ihre melancholische Beschwörung der eigenen Jugend ist Kampfansage genug.

© Dean Chalkley, Columbia / Sony Music CD der Woche: Manic Street Preachers „Rewind The Film“

Den Film zurückspulen? Für Nachwuchs-Rockpopper mag das so antiquiert klingen wie die Worte „Wählscheibe“ und „Bandsalat“. „Turn back the pages of my books“, variiert kurz darauf die hypnotisierende Stimme des Richard Hawley - die wichtigste Partie des Albums hat man in Gestalt des Barden des Zeitlupen-Britpop tatsächlich einem Gastmusiker überlassen -, und auch diese Anrufung ist so eindringlich, dass wohl niemand einzuwenden wagte, heute werde eher „gescrollt“ als geblättert. Die Manic Street Preachers sind Analogiker vor dem Herrn, und der Grund ist schlicht: Sie sind steinalt.

© Sony, Columbia / Sony Music CD der Woche: Manic Street Preachers „Rewind The Film“

Gegründet wurde die Band kurz nach Erfindung des Faustkeils. Etwas genauer war es das Jahr 1986, als in der Comprehensive School des südwalisischen Örtchens Oakdale James Dean Bradfield, sein Cousin Sean Moore (Drummer), Nicky Wire (Bass, Gitarre, Texter) und Richey Edwards (Gitarre, Texter) zusammenfanden. 1986! Tschernobyl, Olof Palme, Challenger, Thatcher, Gewerkschaften.

Sie wirken dauerhaft jung

In Deutschland Honecker und Kohl voll im Saft, Agententausch auf der Glienicker Brücke. Es war die Zeit des großen Bandsalats, die Zeit der splitternden Ideologien. Die Avantgarden begannen, die Politik hinter sich zu lassen, aber die vier walisischen Straßenprediger ideologisierten noch einmal mit: „Generation Terrorists“ hieß dann das Debüt von 1992. Faustkeilmusik war das, wobei man auf kapitalistische Zustände und Instrumente gleichermaßen eindrosch, und das trotz allen Krachs, der bald radiotauglicher und hymnischer wurde, erstaunlich harmonisch. Bradfields klare, sofort erkennbare Stimme jaulte dazu zunächst aggressive, dann irritierende, später immer belehrendere Phrasen in den Äther.

Das Verwunderliche an dem Alter der Band ist nicht das Alter, sondern, dass es verwundert: Anders als andere unverwüstliche Formationen der Neunziger nämlich wirken die Manic Street Preachers auf seltsame Art dauerhaft jung, selbst in den Phasen, in denen sie allzu oberlehrerhaft daherkamen: „If You Tolerate This, Your Children Will Be Next“ (1998). Die Alterslosigkeit mag daran liegen, dass sie vieles ausprobierten und dabei stets authentisch blieben, vielleicht hält Sozialismus auch einfach jung.

Erst die Explosion, dann die Eruption?

Nach jedem Experiment folgte eine Purifikation, eine triumphale Rückkehr zu den eigenen Wurzeln. Anfang des Jahrtausends etwa ging man musikalisch durch eine Phase der Orientierungslosigkeit. „Send Away The Tigers“, das achte Studioalbum von 2007, war dann wieder ein Statement für den Rock der frühen Jahre. Das knüppeldicke Aufbegehrer-Selbstverständnis wurde mit pompösen Tutti und wildem Herzschlag unterstrichen, wobei die Texte gern mit der Vergänglichkeit kokettierten: „Like the underdogs we are / Passing like some fading stars.“

Aber schon bog man wieder ab, überraschte mit einem Tribut-Album für den seit 1995 verschwundenen und 2008 offiziell für tot erklärten Richey Edwards. Von ihm stammten nicht nur sämtliche Texte, man zitierte auch den düsteren Stil des frühen, stark von Edwards geprägten Meisterwerks „The Holy Bible“ von 1994, um gleich darauf mit „Postcards From A Young Man“ (2010) wieder Kraftrock im Quadrat abzuliefern, laut, prächtig und voll auf der Mainstreamwelle. Doch was konnte auf diese Explosion und auf erste Lebenswerk-Preise nun noch folgen, einfach die nächste Eruption? Oder gar nichts mehr? Mitnichten.

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