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CD der Woche: Max Raabe Als ich dich wollte, wolltest du mich nicht

Wenn die Liebe stirbt, fordert man Herzen und CDs zurück: Max Raabe legt bei seiner zweiten Zusammenarbeit mit Annette Humpe das Humorpotential der Einsamkeit frei.

© Gregor Hohenberg, Universal Music Hörprobe: „Für Frauen ist das kein Problem“ von Max Raabe

Das mag nun überraschen, aber Max Raabe hört den Begriff Nostalgie ausgesprochen ungern. Für den Bariton, der damit berühmt wurde, mit dem Palastorchester Lieder aus der Weimarer Zeit zu reanimieren oder neue in diese zurückzuversetzen, klingt er „trutschig“, wie er dieser Zeitung sagte. Nach dem innovationsfeindlichen „früher war alles besser“, oder nach Sonntagskonzert mit Pickelhaube und Zwirbelbart, bei dem alles vereint „Ja, ja, ja, das ist die Berliner Luft, Luft Luft“ singt. Diese Geisteshaltung sei unpassend, schließlich gäbe es mehr  aktuelle Beispiele denn je für einen „sehr klugen Umgang mit der deutschen Sprache“ – Peter Fox fällt Raabe da ein, oder Clueso. Er dürfte nun durchaus auch sich selbst dazuzählen. Sich und seine musikalische Partnerin Annette Humpe.

Mit „Für Frauen ist das kein Problem“, ihrem zweiten gemeinsamen Werk, ist den beiden ein Album gelungen, das in jedem Sinne elegant ist, in dem Text und Komposition das sein können. Außerdem auch eines, über dessen Klangästhetik sich erbittert streiten lässt. Frauen sind vordergründiges Leitthema der 13 Stücke – also nicht nur, aber vor allem die Liebe, womit man sich freilich auf sehr dünnes Eis begibt. Liebe, heißt es im Booklet zu Georg Kreislers „Seltsame Liebeslieder“, an die Raabes Album in seinen besten Momenten erinnert (ohne die morbide Note des Wieners), sei, kabarettistisch gesehen, ein Unfug. Kabarett in den Augen eines Liebenden Blasphemie. Das ist sehr wahr. Und doch legen Raabe und Humpe wunderbar das unbestreitbare Humorpotential der Liebe frei: „Als ich dich wollte, wolltest du mich nicht. Warum sollt’ ich dich jetzt woll’n? / Ich muss dir sagen, eigentlich möcht’ ich noch ein bisschen schmoll’n. / Denn du bist ganz schön launisch und ein miserabler Koch. / Egal, was soll ich machen? Ich will dich immer noch.“

© Decca (Universal Music) Hörprobe: „Ich schlaf am Besten neben Dir“ von Max Raabe

Dieser Ton zieht sich durch das gesamte Album. Er nimmt dem Thema die Spitzen, befreit die schlimmen Seiten der Liebe vom Schmerz und die schönen vom Pathos. Ein Einsamer tigert „durch das Haus / Fernseher an, Fernseher aus“ („Ich schlaf am besten neben dir“). Einer, der zwei liebt, hat sich für eine entschieden und nimmt Abschied von der anderen („Zwischen zwei Lieben“). „Kleine Lügen“ werden gelobt – „Der Doktor fragt mich: ‚Trinken Sie?’ / Ich sage ‚Nein, ist noch zu früh!’“ – und ein Verlassener fordert Herz und CDs zurück.

Der Groove, den ich will

Der Habitus, mit dem Raabe all diese Geschichten erzählt, scheint nach wie vor aus den zwanziger Jahren entlehnt. Er nölt, kokettiert, schwelgt. Mal ist das blasiert, mal schnippisch. Immer hat es eine perfekt gescheitelte Haltung. Nie jedoch, und das ist die zweite Leistung dieses Albums, muss er dafür wehmütig in die Vergangenheit blicken. „Für Frauen ist das kein Problem“ ist ein sehr aktuelles Pop-Album mit dem körnigen Charme einer alten Schwarzweißfotografie. Faszinierend ist das und auch ein wenig verwirrend. Vermutlich funktioniert es, weil die extrem verdichteten, sehr heutigen Texte so weit im Vordergrund stehen. Sie sind Ursprung und Richtschnur der Songs. Instrumentales Geplänkel fehlt. Zwei Takte Vorspiel sind schon Verschwendung. Ist die Geschichte zu Ende erzählt, was sie oft bereits nach wenig mehr als zwei Minuten ist, gibt es keinen Grund, musikalisch noch länger in der Szenerie zu verweilen.

Entsprechend spartanisch ist alles instrumentiert: Schlagzeug fehlt ganz, meist dominiert ein einfaches Pianothema, gespielt vom großartigen Christoph Israel. Mal umschmeicheln es Vibraphone und samtpfotige Kontrabässe, mal schunkeln Tuba und Hackbrett mit. Immer wieder schmiert Humpe jedoch auch Streichersätze in jene Ritzen ihrer Arrangements, durch die sie eigentlich atmen könnten. Und hier kommen wir nun bei einer Art Glaubensfrage der Musik an.
Denn während wenig so erhebend ist wie eine organische, von echten Musikern eingestrichene Orchesterfläche, klingt nichts so sehr nach Plastik wie Geigen aus einem Keyboard. Sagen die einen. „Von live gespielten Streichern bekomme ich niemals den Groove, den ich will“, sagt Annette Humpe, weshalb sie sich Einzeltöne einspielen ließ, die anschließend durch ihr Keyboard wanderten, um quantisiert, also rhythmisch absolut exakt gesetzt zu werden. Für Hörer, die sich für Produktions- und Klangästhetik interessieren, ist das aseptische Geschmier, das daraus entsteht, ein Graus. Für diejenigen, die man etwas despektierlich als die „happy many“ bezeichnen könnte, ist es vollkommen egal. „Mich interessiert Coolness nicht“, hat Annette Humpe einmal über ihr Vorgängerprojekt Ich + Ich gesagt. „Ich will in den Küchen der Leute laufen.“ Womit also auch noch die Streicher ein kluger Zug sind: Um ein Haar wäre sie nämlich in den Weinkellern der Leute gelandet.

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Quelle: F.A.Z.

 
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