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CD der Woche: June Tabor : Als ich an einem schönen Maimorgen auszog

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „All I Ask of You“ Bild: Tim Dickeson / ECM Records

Intellektualität, gepaart mit Unternehmungslust: Auf ihrem neuen Album „Quercus“ überzeugt June Tabor mit mündiger Folklore.

          Alles, nur das nicht hätte man erwartet, dass nämlich Manfred Eicher (verspätete Glückwünsche zum siebzigsten Geburtstag) die große Muse des englischen Folk Revivals, June Tabor, ans teure Herz des Labels ECM ziehen würde. Allerdings, die Nähe zur „Ethnie“ British Folk war im Fall Tabor noch nie auf eine wie auch immer definierte, krampfige Authentizität fixiert und konnte etwa Mitte der siebziger Jahre zu spritziger Frauenpower in dem Duo „Silly Sisters“ mit Partnerin Maddy Prior führen, zu strophenreichen Schauerballaden aus Schottland oder zu wundersamen, vielschichtigen Hybridformen mit ausladenden Bläsersätzen, Jazz- und Rockakzenten und zu Verbindungen von uralten Folk-Floskeln („As I Roved Out One May Morning“) mit kritischem Songwriting der Gegenwart. Seit fünfundzwanzig Jahren ist June Tabor dabei mit Huw Warren als Pianisten und musikalischem Direktor verbunden, einem Waliser, der „furchtlos durch die Genres streift“. Zu diesem Team kommt bei der vorliegenden CD „Quercus“ Iain Ballamy, eine ähnlich unüberschaubar vielseitige Zentralgestalt der britischen Jazzszene seit Jahrzehnten.

          Es ist das sicherlich am sorgsamsten produzierte Album in June Tabors bisherigem Leben. Das fängt schon an mit der meisterhaften Balance zwischen Räumlichkeit und Präsenz bei der Aufnahmetechnik: keinerlei Abstriche, die man sonst bei einer Live-Aufnahme oft machen muss - und dies hier ist eine, mit Auszügen sogar aus verschiedenen Konzerten. Es geht weiter mit den erfindungsreichen, sensibel kammermusikalischen Auftritten von Iain Ballamy, wie es sie bei June Tabors bisherigen, eher kursorischen Berührungen mit dem Jazz noch nicht gegeben hat. Mit Tenor- oder Sopransaxophon reflektiert Ballamy in kleinen improvisierten Zwischenspielen die melodischen Substanzen der Strophen oder hängt an die gesungenen Teile längere Improvisationen mit Huw Warren oder spielt zarte Kontrapunkte zu June Tabors Gesang.

          Einmal auch spielt er streng parallel mit ihr, ein zerbrechlicher neuer Klang, eine „tiefe Verschmelzung an der Quelle“, wie er es nennt, und sein besonderer Ehrgeiz in dieser Gruppe. Huw Warren gönnt sich auch eine Klavier-Paraphrase über dem berühmten „Lachrimae“-Thema von John Dowland und setzt damit eine kleine Wiederentdeckung des großen, oft genial schwermütigen elisabethanischen Komponisten in Jazz- und Pop-Kreisen fort, die schon Sting und, sogar zweimal, der österreichische Posaunist und Komponist Christian Muthspiel auf den Weg gebracht haben.

          Das Programm spiegelt Tabors und auch Huw Warrens Intellektualität und Unternehmungslust auf die faszinierendste Weise. Nur bei zwei Stücken sind Text und Musik traditionell, und auch die sind noch von den Ausführenden bearbeitet. Bei den anderen entdeckt man die merkwürdigsten Verbindungen, zum Beispiel Stücke, in denen Shakespeare und Robert Burns als Autoren angegeben werden, die Musik aber traditionell sein soll. Wie das? Die anonymen Folkies von einst sollen Shakespeare und Burns vertont haben?

          Nun, Text und Musik der Shakespeare-Vertonung zum Beispiel lernte June Tabor als Mitglied des Schultheaters kennen, herübergereicht bei Proben zu „Was ihr wollt“ von der Musiklehrerin und im Gedächtnis behalten über die Jahrzehnte. Die Musiklehrerin lebt nicht mehr, und die Quelle war jetzt nicht mehr zu ergründen. Neben den reinen Traditionals (jawohl, auch hier gibt es ein „As I Roved Out“, was in dieser kulturellen Zweigstelle so etwa die Rolle von „When I Woke Up This Morning“ im Blues spielt) sind viele Stücke durch die Ansprüche der Texte schönste Literaturvertonungen späterer, zum Teil noch lebender Poeten wie A.E. Housman und David Ballantine.

          Majestätische Melancholie

          Die neu komponierte Musik hält dabei auf eine feinfühlig atmosphärische, auch formale Verwandtschaft zu folkloristischen Traditionen. Liebeslieder der höheren Ränge sind dabei, aber auch zwei Stücke über den allgegenwärtigen Horror: „The Lads In Their Hundreds“ handelt von fröhlich feiernden Männern, von denen der Betrachter weiß, dass viele aus dem (Ersten Welt-)Krieg nicht zurückkommen werden. Ein anderes, „A Tale Of History“, bei dem Text und Musik von dem irischen Songwriter David Ballantine stammen, beschwört die Erinnerungen an den Tod eines Jungen in den religiösen Auseinandersetzungen in Nordirland.

          Schließlich June Tabors Stimme: In der Altlage, aristokratische Wärme ausstrahlend, webt sie in einem Ausdrucksraum, in dem sich majestätische Melancholie und tröstlich leuchtende Intimität in verschiedene Mischungsverhältnisse begeben. Auch von „herbstlichen Farben“ wurde gesprochen. Von „Gänsehaut-Eigenschaften“ reden wir mal nur unter Vorbehalt, weil es bei diesem Phänomen keine objektiven Werte, sondern nur eine unerforschliche individuell-psychologische Gestimmtheit des Hörenden gibt. Am schönsten hat Elvis Costello seine Wahrnehmung ausgedrückt: „Wenn du June Tabor nicht zu schätzen weißt, solltest du aufhören, Musik zu hören.“

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