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CD der Woche : Die Reime des Raptors

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Life In Marvelous Times“ Bild: Def Mos

Obwohl er in letzter Zeit eher als Schauspieler auf sich aufmerksam gemacht hat, hört man seinem neuen Album an, dass Mos Def das Reimen nicht verlernt hat. „The Ecstatic“ bietet ausgefeilten Rap und mischt Humor mit politischer Radikalität.

          Hip-Hop und Kino leben in einer symbiotischen Beziehung, die sich bis zu den Anfängen des afroamerikanischen Sprechgesangs zurückverfolgen lässt. Zum einen haben Filme wie „Wild Style“ und „Beat Street“ zu Beginn der Achtziger entschieden zur Verbreitung der Subkultur aus der Bronx beigetragen. Als später die Rapper zu weltweiten Stars aufstiegen, nutzten viele ihre Popularität aber auch, um sich in Hollywood eine zweite Karriere aufzubauen. Die Liste der mehr oder weniger erfolgreichen Darsteller mit Hip-Hop-Hintergrund reicht von Ice Cube und Ice-T über Tupac Shakur bis zu Queen Latifah, 50 Cent und Snoop Dogg.

          Dass der Trend keineswegs vorbei ist, zeigt der aus Chicago stammende Common. Nach Auftritten in „Smokin' Aces“ und „American Gangster“ mimte er im jüngsten Teil der „Terminator“-Saga einen höherrangigen Untergrundkämpfer gegen die Maschinenherrschaft. Während Common auf seinen Platten den Frauenversteher, Aktivisten und Intellektuellen gibt, scheint er sich in der Filmindustrie eher als Muskelpaket fürs Grobe durchsetzen zu wollen. Für die ins Rollenfach gewechselten Wortakrobaten hat Hip-Hop-Historiker Nelson George die Berufsbezeichnung Raptor geschaffen, ein Mischbegriff aus Rapper und Actor.

          Überbetonte Maskulinität

          Auch Dante Smith alias Mos Def hat in den vergangenen Jahren mehr Zeit vor der Kamera als hinter dem Mikrofon verbracht. Im Unterschied zu seinen Kollegen besuchte der fünfunddreißigjährige Rapper aus Brooklyn allerdings eine Schauspielschule. An der New York University studierte er experimentelles Theater. Erste professionelle Film- und Fernseherfahrungen sammelte er bereits mit vierzehn. Doch nicht nur durch seine Ausbildung hebt er sich von anderen Leinwand-Rappern ab. Wie das Beispiel Common verdeutlicht, scheinen die schwarzen Reimschmiede aufgrund der überbetonten Maskulinität im Hip-Hop generell auf das Action-Genre abonniert zu sein.

          CD der Woche : Die Reime des Raptors

          Mos Def interessiert sich demgegenüber mehr für humorvollere Produktionen: So wirkte er in „Per Anhalter durch die Galaxis“ mit und arbeitete mit Michel Gondry für „Abgedreht“ zusammen. Bei „Cadilliac Records“, der verfilmten Geschichte von Chess Records, verkörperte er zuletzt Chuck Berry. Darüber hinaus war Mos Def ebenfalls am Broadway tätig. In dem 2002 mit einem Pulitzer-Preis ausgezeichneten Bühnenstück „Topdog/Underdog“ spielte er eine Hauptrolle.

          Extreme Methoden

          Auch das Cover zu seinem vierten Soloalbum „The Ecstatic“ enthält eine Anspielung aufs Kino. Es zeigt ein Standbild aus „Killer of Sheep“ von 1977, einem Klassiker des Black-Independent-Cinemas, der in neorealistischer Manier das ärmliche Leben im Schwarzenviertel von Los Angeles schildert. Dies bleibt nicht der einzige Verweis auf die afroamerikanische Kulturgeschichte. Die Platte startet mit einem Zitat aus der Rede, die Malcolm X 1964 an der Oxforder Universität hielt. Durch den Machtmissbrauch der Politiker befinde sich die Welt in einem erbärmlichen Zustand, der nur mittels extremer Methoden behoben werden könne, so der radikale Vordenker der Bürgerrechtsbewegung.

          Entsprechend thematisiert Mos Def in den sechzehn Stücken den Krieg im Irak („Auditorium“) und verortet sich bei „Revelations“ in der afrozentrischen Tradition. Doch auch persönliche Betrachtungen finden ihren Platz unter den sechzehn Stücken. Mit seinem ehemaligen Partner Talib Kweli, deren gemeinsames Werk „Black Star“ beiden vor elf Jahren den Durchbruch brachte, wirft er einen Blick zurück auf seine musikalischen Anfänge.

          Die kreative Beat-Elite

          Vor allem ist „The Ecstatic“ jedoch ein Zeugnis dafür, dass Mos Def das Reimen nicht verlernt hat. Während er bei „Quit Dog Bite Hard“ einen wahren Wortschwall über den Hörer ergießt, ohne dabei auch nur einmal Atem zu holen, fließt seine Stimme bei „Casa Bey“ geschmeidig dahin und erinnert daran, warum Smith nach wie vor zu den talentiertesten und stilistisch vielseitigsten Rappern im Geschäft gehört. Von seiner aggressiven Seite präsentiert er sich hingegen auf „Supermagic“. Im Kontrast dazu weicht er wie bei „Pistola“ immer mal wieder in einen schrägen Singsang aus oder rappt ganze Strophen einfach auf Spanisch.

          Enthielten die Vorgängeralben Ausflüge in gitarrenlastigen Rock, mit denen Smith auf die schwarzen Wurzeln des Stils hinweisen wollte - seine Besetzung als Chuck Berry war deshalb ja eine sehr treffende Wahl -, ist „The Ecstatic“ klanglich Mos Defs reinste Hip-Hop-Platte. Allerdings greift er nicht etwa auf Soul- und Funk-Samples zurück, sondern der Rhythmus-Horizont ist hier weiter gefasst. Die brachialen Grooves, mit denen ihn die Mitglieder der kreativen Beat-Elite wie Madlib, Oh No, Dilla und die Neptunes versorgt haben, bestehen aus Schnipseln türkischen Psychedlic-Rocks, brasilianischen Samba-Jazz' und Bollywood-Funks. Der französische Elektro-Produzent Mr. Flash bringt sogar das Kunststück fertig, aus einem Marvin-Gaye-Stück einen waschechten Reggae-Groove zu basteln. „The Ecstatic“ feiert Hip-Hop als Weltsprache und präsentiert einen Mos Def in Höchstform.

          Mos Def, The Ecstatic. Downtown / Cooperative Music 706844 (Universal)

          Quelle: F.A.Z.

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