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CD der Woche: Cyndi Lauper Weiße Frau kriegt den Blues

 ·  Was ist eigentlich aus Cyndi Lauper geworden? Die Sängerin, die dem Achtziger-Pop Glanz verlieh, nahm in Memphis mit viel Prominenz eine erstaunliche Platte auf.

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© dpa Vergrößern CD der Woche: Cyndi Lauper

Nach Cyndi Lauper kräht seit langem kein Hahn mehr. Statt dankbar zu sein, dass wenigstens sie den achtziger Jahren einen Glanz verliehen hat, der von Herzen kam, und nicht, wie bei Madonna, aus bloßem Kalkül, hörte die Pop-Gemeinde schon bei der vierten Platte „Hat Full Of Stars“ (1993) nicht mehr richtig hin und entledigte sich ihrer dann bald auf selten lieblose Weise. „Who Let in the Rain“ war, mit dieser so verführerischen Mischung aus Übermut und Melancholie, die letzte Single, die auch im Radio gespielt wurde, wo sie zuvor eine fast erdrückende Präsenz gehabt hatte.

Cyndi Lauper war der größte Star in der anbrechenden MTV-Ära; das war auch überhaupt kein Missverständnis. Sie gab, als damals schon dreißigjährige Göre, ihren minderjährigen Hörerinnen nicht nur vor, wie sie sich zu kleiden hatten, nämlich ungefähr so, wie das Personal in den erst danach entstandenen Tim-Burton-Filmen; sie wusste auch mit einer Musikalität zu überzeugen, die nicht erst im Rückblick auf profunde Art einzigartig anmutet - eine Mixtur aus New Wave, Post-Punk, Funk, Soul und Reggae -, und brachte die Popmusik wieder dorthin, wo sie hergekommen war und eigentlich auch nur hingehört: zu abwechselnd unsicheren und überdrehten jungen Leuten. Keine andere Sängerin war dem Publikum bei der Suche nach persönlichen Ausdrucksmöglichkeiten derart behilflich wie sie; keine wusste mit einer Stimme, die über vier Oktaven geht und vom dunkel-gutturalen Innehalten bis zum schrillsten Schrei ohne jede erkennbare Anstrengung jeden Ton meistert, so restlos zu überzeugen, wie sie.

Inbegriff der Schrillheit

Dabei unterschied sich, was sie zu bieten hatte, gar nicht wesentlich vom Teenager-Selbstverständnis der Eisenhower-Zeit; ihr erster und bis heute größter Hit „Girls Just Want to Have Fun“ schrieb den zaghaften Hedonismus von Lesley Gores „It's My Party“ nur etwas energischer fort. Es mag sein, dass mit diesem Einstand ihr Image zu sehr festgelegt war; jedenfalls galt sie von nun an als Inbegriff der Schrillheit. Ihre mit dem ersten Album „She's So Unusual“ (1983) auf den Nenner gebrachte Unkonventionalität wurde fortan vor allem unter dem Aspekt einer extremen, farbenfrohen Sinnlichkeit wahrgenommen, weniger unter dem ihrer gleichfalls sehr humanen Verletzlichkeit, die sie in Liedern wie „All Through the Night“ und „Time After Time“ zur Schau stellte und 1989 noch einmal in dem modernen Klassiker „I Drove All Night“ zu Gehör brachte, mit dem sie sogar dem bereits waidwunden Roy Orbison die Stirn bot.

© Downtown Vergrößern CD der Woche: Cyndi Lauper

Doch Cyndi Laupers Werk blieb schmal. Zehn Alben hat sie gemacht, davon eine Weihnachtsplatte und einen Akustikaufguss ihrer bekanntesten Lieder. Manches, wie das vorzügliche „Sisters Of Avalon“ (1997) oder „Shine“, (2004) ist nur noch schwer und für viel Geld erhältlich. Sie bekam einen Sohn und verlor vermutlich auch die Ambition, der Welt noch etwas Nennenswertes mitzuteilen. Zu alt war sie in der Epoche der Chers und Patti Smiths indes noch längst nicht. Ihren in jener Zeit auslaufenden Vertrag mit Epic/Sony erneuerte sie für das vor zwei Jahren erschienene Album „Bring Ya To The Brink“, das mit seinen kühlen Disco-Klängen allerdings wie ein Kniefall vor ihrer vormaligen Konkurrentin Madonna daherkam und insofern auch ein wenig opportunistisch wirkte; nur in dem Song „Rain On Me“ kamen alte Qualitäten zur Geltung.

Rückbesinnung auf archaische Formen der Unterhaltungsmusik

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Cyndi Lauper, Memphis Blues. Naïve Records 822011 (Indigo)

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01.10.2010, 21:55 Uhr

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Von Andreas Platthaus

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