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CD der Woche: Coldplay : Vier gegen die Welt

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Every Teardrop Is A Waterfall“ Bild: Emi

Sergeant Pepper wäre stolz auf sie gewesen: Coldplay stellen sich mit ihrem neuen Album „Mylo Xyloto“ in puncto Rätselhaftigkeit selbst in den Schatten.

          Nach drei Jahren Wartezeit meldet sich die britische Band Coldplay mit nichts Geringerem als einem Konzeptalbum zurück: „Mylo Xyloto“ heißt das fünfte Studioalbum, welches frühere Titel wie „X&Y“ oder „Viva La Vida Or Death And All His Friends“ in puncto Rätselhaftigkeit noch in den Schatten stellt. Was verbirgt sich dahinter? Ein Scrabble-Unfall? Ein klingonisches Schimpfwort?

          Gitarrist Jonny Buckland behauptet, das sei ein Phantasiename, zu dem selbst Google keine Ergebnisse ausspucken kann. Ein Neuanfang? Das Cover Artwork suggeriert dies jedenfalls: Während man noch bei dem Vorgängeralbum mit Delacroix aus dem gravitätischen Motivarsenal der Kunstgeschichte schöpfte, kommt „Mylo Xyloto“ mit seiner quietschbunten Aufmachung im Old-School-Graffiti-Stil sowie der schnörkellosen Outline-Schrift sympathisch unprätentiös daher. Sänger Chris Martin sagt, dem Album liege die Liebesgeschichte zwischen Mylo und Xyloto zugrunde, die in einer orwellsch-dystopischen Welt spiele. Als Inspiration dienten Martin eine Sophie-Scholl-Biographie und die Serie „The Wire“, deren Schauplatz Baltimore ist.

          Das Intro „Mylo Xyloto“ trägt den Hörer auf einem atmosphärischen Klangteppich sogartig in höhere Sphären. Dort erwartet einen mit „Hurts Like Heaven“ dann eine mitreißende Up-Tempo-Nummer, die neben Martins vertraut-lebensbejahenden Ooohoohs auch mit einem beschwingten Gitarrensolo aufwartet. Als würde man Dantes „Divina Commedia“ rückwärts lesen, befinden wir uns auch im nächsten Song „Paradise“ noch in himmlischen Gefilden. Erzählt wird aus der Sicht eines Mädchens, das sich in eine bessere Welt träumt, sich aber im Laufe der Handlung, Seite an Seite mit ihrem Geliebten, für die Realität und die Revolte entscheidet. Davon singt Martin auch in dem akustisch-ruhigen „Us Against the World“.

          Es sind diese Momente im Album, die, zusammen mit den beiden Zwischenspielen, Zeit zum Atmen geben. Im nächsten Moment münden diese Atempausen jedoch in Songs wie „Every Teardrop Is a Waterfall“, der mit treibendem Beat und eingängigem Gitarrenriff die Welt in sprühend-bunte Farben hüllt. In origineller Weise wird hier eine Anverwandlung bekannter Elemente demonstriert, greift der Song doch Akkorde aus dem 1976er-Hit „I Go To Rio“ von Peter Allen auf. Chris Martin muss sie während eines Kinobesuchs im Iñárritu-Film „Biutiful“ aufgeschnappt haben und hat sie, neben anderen Samples von Sigur Rós (in „Princess of China“) oder Leonard Cohen (in „Up With The Birds“), in das Gesamtwerk eingefügt. So hat sich damit auch schnell die erste Single gefunden, bei deren Video-Umsetzung Mat Whitecross Regie führte. Er hat es verstanden, das Konzept des Albums mittels Stop-Motion-Technik und bunten Farbklecksen in bewegte Bilder zu überführen, so dass sich insgesamt ein einheitliches Bild der „Mylo Xyloto“-Welt ergibt.

          Besuch der Peanuts

          Befremdlich wirkt im Hinblick auf das Gesamtgefüge des Albums das mit der R&B-Sängerin Rihanna aufgenommene „Princess of China“, das offenbar einer der Höhepunkte des Albums sein sollte - hatte Martin sich doch gerade diese Zusammenarbeit ausdrücklich gewünscht. In den sonst so stimmig geformten Coldplay-Kosmos vermag sich dieses Duett jedoch nicht einzugliedern.

          Was soll’s. Es gibt ja noch andere Lieder, zum Beispiel „Charlie Brown“, das nicht nur Peanuts-Fans ein Lächeln ins Gesicht zaubern dürfte. Beginnend mit verworrenen Stimmen, wie Charles M. Schulz sie den Lehrkörpern in den Mund legt, folgt ein tanzbarer Hauptteil, der dann in einem gewissermaßen nachdenklichen Klavier-Passus endet, als spielte Peanuts-Figur Schroeder höchstselbst.

          Wo, wenn nicht wieder in höheren Sphären, sollte die Reise enden? So geht es mit „Up With The Birds“ wieder hoch hinaus, und Chris Martin singt nun ausgesprochen optimistisch: „A simple plot, but I know one thing/Good things are coming our way“. Mit diesem Kaleidoskop liefert das Quartett den Beweis dafür, dass Konzeptalben funktionieren sein können. Sergeant Pepper wäre stolz.

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