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CD der Woche: Claudia Brücken : Schaumbad unter Strom

  • -Aktualisiert am

Hörprobe:„No One To Blame” Bild: Andrew Catlin

Zwischen David Bowie und David Lynch: Claudia Brücken unterzieht mit dem Produzenten Stephen Hague eine sehr eigentümliche Auswahl von Popsongs einer Elektrokur.

          Es sind nicht die schlechtesten Platten, die von der Idee eines Produzenten angestoßen werden. Im Falle von „The Lost Are Found“, des neuen Albums der deutschen Sängerin Claudia Brücken, war dieser Produzent der Engländer Stephen Hague, der etwa für die frühen Großtaten von Bands wie New Order oder den Pet Shop Boys verantwortlich war, aber auch mit Interpreten wie Peter Gabriel oder Tom Jones zusammengearbeitet hat.

          Claudia Brücken war eine der beiden Frauen in der Düsseldorfer Popgruppe Propaganda, die Anfang der achtziger Jahre mit dem Album „A Secret Wish“ große Erfolge vor allem auf der britischen Insel feiern konnte. Im Musikvideo zu der Single „Dr. Mabuse“ singen die beiden mit ihren unbeweglichen Sprühfrisuren und unbewegten Mienen Zeilen wie „Never look back / Sell him your soul“, während Männer Synthesizer und Heizkörper traktieren.

          Eine eisig klare Stimme

          Im Laufe ihrer Karriere arbeitete Claudia Brücken mit britischen Elektropop-Pionieren wie Glenn Gregory, Andy Bell, Paul Humphreys und Martin Gore zusammen. In der Stimme der ehemaligen Propaganda-Sängerin sah Hague das ideale Vehikel, um einen seiner Lieblings-Songs, „One Summer Dream“ vom Electric Light Orchestra, neu einzusingen. Der war seinerzeit auf der B-Seite der Single von „Mr. Blue Sky“, eines der größten Hits der Bands, zu finden und strahlt eine eigentümliche Melancholie aus, wie sie in den pompösen Popsongs von ELO normalerweise nicht zu finden ist.

          Es war ein gefundenes Fressen für  Claudia Brücken und ihre eisig klare Stimme: Der Produzent und die Sängerin fanden dabei Gefallen aneinander. Gemeinsam begab man sich auf die Suche nach weiteren Liedern, die eine ähnliche Ausstrahlung besitzen und thematisch vergleichbar gelagert sind. Heraus kam ein wilder Ritt durch die letzten fünf Jahrzehnte Popgeschichte, von der todtraurigen The-Band-Klage „Whispering Pines“ – mit der Zeile „The Lost Are Found“ endet übrigens dieser Song und gibt dem Brücken-Album seinen Titel – über eine übersehene Kitsch-Ballade der Bee Gees namens „And The Sun Will Shine“ bis hin zu zwei Songs der Schwedin Stina Nordenstam, die in ihren Liedern auch nicht gerade die Lebensfreude feiert. „Crime“ ist die Geschichte eines mysteriösen Verbrechens, in welcher Claudia Brücken sich richtiggehend verliert, und die von Stephen Hague mit dezentem Knacken und Knistern, wie es früher auf Vinyl-Schallplatten nach stetigem Gebrauch zu hören war, angereichert wird.

          Eklektische Songauswahl

          Das Album beginnt mit einem Lied aus dem Soundtrack von David Lynchs Film „Blue Velvet“, das dessen Haus- und Hofkomponist Angelo Badalamenti komponiert hat: „Mysteries of Love“ fungiert als Einleitung die Stimmungslage der ganzen Platte. Auf den regelmäßigen Beat eines Schlagzeugs hat Hague hier verzichtet, Brücken badet in den elektronischen Klangschwaden – wer hier nicht aufgibt, der will wissen, wie es weiter geht. Danach wird es zugänglicher. „Everyone Says Hi“, das David Bowie einst in Erinnerung an seinen Freund George Harrison geschrieben hat, klingt in Brückens Fassung geradezu charmant. Die Sängerin, die sich in ihrer Karriere schon des öfteren an Bowie-Songs versucht hat, poliert das Lied zu einer prächtig schimmernden Pop-Perle. „The Road To Happiness“ stammt aus dem Debüt-Album der britischen Band The Lilac Time und dürfte nur noch Experten bekannt sein – schön, dass Claudia Brücken dieses Lied aus dem Dunkel der Geschichte wieder ins Scheinwerferlicht holt. Von den Pet Shop Boys hat sie sich „Kings Cross“ ausgesucht, das sie in eigentümlich gedämpfter Manier singt.

          Stephen Hague gelingt es, jedem der elf Songs ein ganz eigenes Klangbild zu verleihen und das Album dennoch wie aus einem Guss wirken zu lassen. In den Hintergrund gemischtes Stammesgetrommel, sanft schillernde Akustikgitarren und im Falle von „No One To Blame“ etwas, das wie ein Glockenspiel klingt, sind neben der präzise eingesetzten Elektronik dabei die Mittel seiner Wahl. Aber es sind vor allem die Stimme und eigentümliche Akzent von Claudia Brücken, die dem in seiner eklektischen Songauswahl sowie deren Bearbeitung überraschenden Werk seine Magie verleihen.

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