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CD der Woche: Chilly Gonzales Pianist in Kriegerpose

Auf seinem neuen Album „Solo Piano II“ legt sich Chilly Gonzales mit dem ganzen Popgeschäft an. Doch sein Piano spielt den Zorn nicht mit.

© dpa, Gentle Threat (Indigo) CD der Woche: Chilly Gonzales „Solo Piano II“

Natürlich ist das ausufernde Selbstinszenierung, was im Fall von Chilly Gonzales eher bedeutet: Kriegsführung. Das Making-of-Video zu „Solo Piano II“ zeigt den Musiker, wie er - mit Vollbart, im karierten Flanellhemd, auf alle erdenklichen Arten verwittert und zerknautscht, über ein altes Piano gekrümmt - die Stücke seines neuen Albums komponiert: wie er sepiafarbene Harmonien in der linken und verträumte Zwanzigerjahre-Melodien in der rechten Hand ausprobiert, stockt, zögert, hadert, verwirft und schwer gramgebeugt von vorne beginnt. Alles so, als laste ihm der eigene Anspruch tonnenschwer auf dem Buckel. Choreographierte Zurschaustellung des“Kampfes Künstler gegen Werk ist das - ein Farbtupfer im Portrait, das Gonzales von sich selbst malt.

“Entertainment ist Krieg. Ich habe Musik immer schon als Wettbewerb gesehen“, hat er einmal gesagt. Und als Entertainer (ergo Krieger) sei man ja die Summe dessen, was die Zuhörer über einen denken. Dass Gonzales ihnen nun demonstriert, welche Knochenarbeit sein Job bedeutet, ist ein Paradebeispiel dafür, wie der Kanadier seit vielen Jahren sein Image gestaltet. Jason Charles Beck, wie er bürgerlich heißt, hat früh begriffen, dass technische Fähigkeiten allein (die der klassisch geschulte Pianist zweifelsfrei besitzt) in der Pop-Welt nicht genügen. Darum verwandelte er sich in den leicht genialischen Bohemien, der die Markscheide zwischen Selbstbewusstsein und Arroganz beliebig verschiebt: „Manchmal komme ich nur aus dem Bett, weil ich jemanden hasse.“

© Gentle Threat (Indigo) CD der Woche: Chilly Gonzales „Solo Piano II“

Gonzales kann solche Sätze aussprechen, ohne dabei lächerlich zu wirken, weil seine Musik in ihrer immensen Bandbreite bislang immer herausragend war: Hiphop mit den Puppetmastaz, Schreiben und Produzieren für Feist oder Peaches, Werben für das iPad, Jazz, Pop, Klassik - Gonzales macht alles mit einem zusätzlichen Schuss Genialität. Und einer an Zynismus grenzenden Dauerironie, die immer dann eine Extrapirouette dreht, wenn man glaubt, die wahre Intention des Musikers erkannt zu haben.

Auf „The Unspeakable Chilly Gonzales“ aus dem vergangenen Jahr rappt er etwa zu den symphonischen Klängen eines Orchesters schwer selbstreferentielle Texte über Zweifel am eigenen Status. Wer allerdings in die Falle tappte, das als Abgesang auf protzigen Hip Hop-Habitus zu deuten, hatte die nächste Brechung verpasst: Ob der Zuhörer sich noch an die Zeit erinnere, in der Rap „conscious“ war, also politisch und gesellschaftlich relevante Themen behandelte, fragt Gonzales da auf „Rap Race“, um anzuhängen, dass es nun besser sei: Man rede nämlich über Uhren.

Gonzales ist ein Angeber. Absolut vergleichbar mit so großen Protzern wie Kanye West oder Jay-Z. Allerdings ist er inhaltlich nicht zu fassen. Gonzales ist der Harald Schmidt des Musik-Entertainments. Und wenn das tatsächlich ein Kriegsschauplatz ist, ist es nur folgerichtig, dass er mit einem zweiten Solo-Piano-Album nun gegen sein erstes, also gegen sich selbst antritt. Folgerichtig und riskant, denn die Naivität, das scheue Vorantasten auf fremdem Terrain, das das erste Album noch ausmachte, lässt sich nicht einfach wiederholen. Die Stücke des Nachfolgers wirken deshalb wohl durchdachter, geplanter, in sich geschlossener - klingen aber auch manchmal nach Mühen, nach Arbeit (deshalb auch das Video). Einigen fehlt der Esprit.

Fast könnte man meinen, Gonzales wolle mit ihnen Musikpädagogik betreiben: Hör hin, Jugend, so cool verpackt kann Klassik sein. Bei „White Keys“ spiele ich auch wirklich nur die weißen Tasten, im äolischen Modus! „Solo Piano II“ so zu interpretieren, täte ihm allerdings Unrecht. Es will kein E-Musik-Album sein, das die Klassik vom Elitären ins Breite führt. Es ist ein Pop-Werk. Eines jedoch, das der U-Musik viel Ernst und Bedeutung zurückbringt. Mit dem düster märchenhaft schwelgenden „Wintermezzo“ etwa, dem subtil virtuosen „Evolving Doors“ oder dem dahinplätschernden „Papa Gavotte“, das eine bezaubernde Chanson-Schnulze abgäbe, würde es gesungen.

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Dazu sind „Kenaston“ und vor allem „Othello“ Beispiele wunderbar perlender Klavierfreude. Schwelgen? Plätschern? Perlen? Ja, das dominiert. Denn leider bricht Gonzales zu selten aus der sanften Dynamik aus - und auch dann nur verzagt. Phasenweise wird mit viel Geklimper wenig erzählt. Für einen Künstler, der die stete Weiterentwicklung predigt, wohl zu wenig. In der Schlacht mit sich selbst schafft er damit maximal ein Remis. Den Krieg gegen den Rest kann er aber trotzdem noch gewinnen.

Chilly Gonzales, Solo Piano II., Gentle Threat (Indigo) CD 970292.

Quelle: F.A.Z.

 
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