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CD der Woche: Asaf Avidan : Der Frosch im Mixer

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „613“ Bild: Universal

Das Falsett von Asaf Avidan kennen viele von seinem „Reckoning Song“ - aber gehört ihm der eigentlich selbst? Nun sucht der israelische Folksänger nach neuen Formen.

          Ob man ihn wie ein Prisma aufbrechen, seine besonders hellen Seiten herausfiltern und sie auf eine Wäscheleine hängen könne, fragt Asaf Avidan auf seinem neuen Album „Different Pulses“ einmal. In gewisser Weise ist eine solche produktive Spaltung, wie sie der israelische Sänger der eigenen Persönlichkeit verordnet, seinem Werk bereits widerfahren. Ende 2011 hängte der Berliner Technoproduzent DJ Wankelmut einen Remix seines „Reckoning Song“ an seine digitale Wäscheleine. Was er dabei aus Avidans Prisma heraussampelte, erwies sich als außerordentlich publikumswirksam. Der Track sammelte mehrere Millionen Klicks auf Youtube, erschien kurz darauf unter dem Titel „Reckoning Song/One Day“ bei Columbia Records und erreichte in Deutschland, Österreich und der Schweiz Platz eins. Er gehört zu den Produktionen, welche die Housemusik endgültig in jedes Wohn- und Klassenzimmer gebracht haben.

          Wer ist der Urheber eines intertextuellen Werks?

          Dass dieser Erfolg auf der Fragmentierung und Wiederverwertung eines bestehenden Kunstwerks basiert, ist auf dem Titelbild der Maxi-CD deutlich zu sehen: Ein diagonal verlaufender gelber Balken teilt die im Hintergrund abgebildete Bergkette, die Namen der beiden Interpreten stehen gleichberechtigt nebeneinander. Mit dieser Geschichte werden viele Fragen der Urheberrechtsdebatte noch einmal neu gestellt: Wo liegen die Grenzen des Zitats? Wer ist genuiner Urheber eines intertextuellen Werkgeflechts? Und wer sollte dafür entlohnt werden? Die Ursprungsversion des „Reckoning Song“ hatte Avidan 2008 mit seiner ehemaligen Band The Mojos aufgenommen, die sich mittlerweile aufgelöst hat. Als der damals noch unbekannte Wankelmut Avidan über Facebook auf seinen Remix aufmerksam machte, bat der Sänger ihn, die auf der Internetseite „Soundcloud“ eingestellte Version zu löschen. Ob Wankelmut die Datei bewusst nicht zurückzog oder ob sie bereits zu oft vervielfältigt worden war, um sich restlos entfernen zu lassen, lässt sich heute nicht mehr rekonstruieren.

          In einem Interview sagte Avidan, er habe lernen müssen, dass er selbst keine Kontrolle darüber besitze, wie andere seine Stücke interpretierten. Erst durch einen Anruf eines Berliner Freundes habe er davon erfahren, dass der Remix dort tatsächlich in den Clubs gespielt werde. Zu diesem Zeitpunkt waren bereits mehrere Labels an DJ Wankelmut herangetreten. Statt juristische Schritte folgen zu lassen, reagierte Avidan im August mit einem Re-Release seines Albums „The Reckoning“, das auch den „One-Day“-Remix enthielt. Befeuert von der Popularität des Club-Hits erreichte das Album Platz 23 der Album-Charts. Auch Avidan scheint als Urheber von der Verwendung seines Werks profitiert zu haben - der Fall lässt sich in seiner Ambivalenz nicht für oder gegen ein gelockertes Urheberrecht in Stellung bringen.

          Synthese aus Janis Joplin und Bob Dylan

          Musikalisch, beteuert Avidan weiterhin, könne er dem Remix kaum etwas abgewinnen. Dass „Different Pulses“, sein neues, mit dem Balkan-Beat-Box-Produzenten Tamir Muskat eingespieltes Album, deutlich poppiger und teilweise elektronischer klingt als der Folkrock-Sound von The Mojos, verwirrt da zunächst ein wenig. Geblieben ist Avidans außergewöhnlich androgyne Falsettstimme: Triefende Bilder malt sie aus mit kratzigen, flehenden und kriechenden Tönen, eine Synthese aus Janis Joplin und Bob Dylan.

          Das klingt einfach wunderbar, wo es sich um melancholisch grundierte Stücke handelt. Das titelgebende „Different Pulses“ beispielsweise verbindet eine wabernde Orgel, aufmüpfige Drums und einen trotzig leidenden Avidan zu einem stimmigen Klangkörper. Viele andere Pulsschläge und Herzklappenrhythmen jedoch bleiben beim Status von Experimenten. Behutsam knackende Elektrobeats finden sich ebenso wie hier deplaziert wirkende Morricone-Anleihen. „Cyclamen“ könnte als Amy-Winehouse-Tribute durchgehen, „613“ als mit orientalischen Streichern angereicherte Bewerbung für den nächsten James-Bond-Soundtrack. Und das trompetengesättigte Ende von „Conspiratory Visions of Gomorrah“ rutscht endgültig in den Kitsch ab. Es klingt, als hätte jemand die Hitparade, Calexico und einen Frosch gemeinsam in einen Mixer geworfen. Avidans neues Album ist eine selbstbewusste Suche nach Form, die den Bogen leider zeitweise etwas überspannt.

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