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CD der Woche: „Another Self Portrait“ von Bob Dylan Als er sein Meisterwerk so hinpinselte

Bob Dylan war 1970 bei der Kritik unten durch. Sein „Self Portrait“ wurde als Machwerk abgetan. Dank der „Bootleg Series, Vol. 10“ wissen wir jetzt, wie bedeutend auch diese Phase ist.

© Sony Music Hörprobe: „Days Of ’49“ aus dem Album „Another Self Portrait“ von Bob Dylan

„Self Portrait“ war die erste Platte, für die Bob Dylan richtig Prügel bezog. Die vorausgegangenen Ausflüge in den Country, „John Wesley Harding“ und „Nashville Skyline“, hatten zwar, auf Grund der zurückgenommenen Musizierweise und wohl auch wegen des fremdartig klingenden, bisweilen richtiggehend knödeligen Gesangs, Irritationen hervorgerufen. Aber was nun kam, wurde überwiegend als Bankrotterklärung gewertet, wobei es die Sache nicht besser machte, dass Dylan sie ja nur mit voller Absicht abgegeben haben konnte.

Edo Reents Folgen:  

Greil Marcus, der damals vermutete, Dylan habe die Platte bloß aufgenommen, um sich die Fans endlich vom Hals zu halten, dies aber inzwischen etwas anders sieht, gab die Parole aus: „Was soll dieser Mist?“ Da hatte es, wenn schon der Statthalter auf Erden dieser Meinung war, das im Juni 1970 erschienene Doppelalbum naturgemäß schwer, was freilich nicht verhinderte, dass es trotzdem auf Platz 4 in den Billboard-Charts kam und sogar auf Platz 1 der britischen.

Teilweise ist es ebenfalls bedeutende Kunst

Mit nunmehr doch recht großem Abstand wird man darüber anders urteilen. In Zeiten, in denen jede Dylan-Äußerung unvermindert Aufmerksamkeit beanspruchen darf, wird man diese überaus disparate Sammlung aus obskuren oder geschmacklich nicht so recht einleuchtenden Coverversionen aus Country & Western und Pop (die bekanntesten waren von Johnny Cash, dazu eine Paul-Simon-Verhöhnung), Liveaufnahmen und wenigen eigenen Liedern (darunter eine wahrscheinlich mutwillig verschlechterte Version seines opus magnum, „Like a Rolling Stone“) zumindest unter dem Aspekt ihrer „Interessantheit“ hören müssen. Jedenfalls gehört diese vermeintlich eher stille Phase, die noch das schöne, damals erleichtert aufgenommene, längst aber wieder vernachlässigte Album „New Morning“ abwarf, zwar nicht zu Dylans produktivsten - er war gewissermaßen noch in der Vaterzeit -, aber doch zu seinen bemerkenswertesten, eigenwilligsten und gewinnt, ähnlich wie die früher gleichfalls geringgeschätzte Gospel-Zeit um 1980, immer noch neue Kontur.

Das wird man sich auch bei Columbia Records gedacht haben. Man hat eben das Glück, einen Musiker nach wie vor unter Vertrag zu haben, dessen noch unveröffentlichtes Material sich, im Gegensatz zu dem vieler anderer Rockmusiker, nicht nur aus finanziellen Erwägungen heraus auf den Markt werfen lässt, sondern auch, weil es teilweise ebenfalls bedeutende Kunst ist. Wenn wir die „Bootleg Series“, die sich längst zu einem Werk eigenen Rechts ausgewachsen haben, nicht hätten, bliebe uns Kostbarstes vorenthalten, zum Beispiel „Blind Willie McTell“, das Sean Wilentz in seiner gewichtigen Studie „Bob Dylan In America“ zu einem Schlüssellied erklärt hat, oder „Tell Me“, nicht nur in der Sparte „Liebeslied“ mit das Beste, was Dylan je gemacht hat.

Wie ein Rennauto, das nur auf den Hinterrädern fährt

„Another Self Portrait (1969-1971). The Bootleg Series Vol. 10“ rückt das doppelte Paradox, das Dylan irgendwie gereizt haben muss, nämlich: dass ein Singer/Songwriter sich einerseits und ausgerechnet mit einem Selbstporträt unbeliebt macht, andererseits dafür aber eben viel Fremdmaterial wählt (ein „Selbstbildnis von fremder Hand“ im Grunde, wie Joachim Fests Horst-Janssen-Buch heißt), nun wieder in den Mittelpunkt, indem es den ursprünglichen Titel aufnimmt und gleichzeitig durch das Beiwort signalisiert, dass auch dies (nur?) „Another Side Of Bob Dylan“ ist. Das meiste sind sogenannte Outtakes, Demo- und Alternativversionen des fast gleichnamigen offiziellen Albums, zehn von „New Morning“, zwei Liveaufnahmen mit The Band von der Isle Of Wight, dazu Versprengtes von den „Basement Tapes“ und „Nashville Skyline“.

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