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CD der Woche: Andromeda Mega Express Orchestra : Trompeten grätschen

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „Saturn Hoola Hoop“ Bild: Alien Transistor (Indigo)

Wer folgt noch diesem vielverschlungenen Faden? Das Andromeda Mega Express Orchestra geht mit „Bum Bum“ auf digitale Ohrenreise.

          Stellen Sie sich vor, Sie würden zu Ihrem Lieblingsthema (warum nicht Musik?) durchs Netz surfen. Sämtliche Downloadseiten, ob legal oder illegal, und Klangbibliotheken stünden Ihnen offen. Sie würden sich von Lust und Laune, manchmal aber auch vom Zufall leiten lassen. Schön. Sie könnten Ihr Schicksal aber auch in die Hände eines Kurators legen, eines mit allen Stilen und Wassern gewaschenen zeitgenössischen Komponisten und Arrangeur, der genau weiß, was er tut, und Ihnen alles zeigen will, aber leider nur eine CD-Länge Zeit hat. Mit Glück wäre das dann Daniel Glatzel vom Andromeda Mega Express Orchestra.

          Dieses Orchester ist eine achtzehnköpfige Band. Es vereint erstklassige Instrumentalisten aus so unterschiedlichen Bereichen wie Neue Musik und Rock, Klassik, Improvisation und natürlich Jazz, viele davon mit Konservatoriumshintergrund. In ihrer Spezialisierung haben sie sich, getragen von Neugierde, Spaß am Musizieren und Freundschaft, die Offenheit für ein gemeinsames, forschendes Projekt bewahrt. Vor drei Jahren erschien „Take Off!“, das Debütalbum dieses konstruktiven Mit- und Gegeneinanders, eine berauschende Ohrenreise, so vielfältig wie die Traditionen ihrer Teilnehmer.

          Nun hat sich das Ensemble zu seinem nächsten Trip, „Bum Bum“, zusammengefunden. Diesmal fahren wir selbst nicht mit, sondern bekommen das Fotoalbum oder vielmehr das Video der Reise zu sehen. Denn wie bei Pop- oder Technoplatten üblich, wollte der Komponist und musikalische Kopf Daniel Glatzel die gesamte Palette der Postproduktion nutzen - deren Ergebnis letztlich eine Montage ist. Das Orchester wurde also in seine Einzelteile zerlegt, bearbeitet und neu zusammengefügt, um möglichst zusätzliche Erzählebenen zu erschließen.

          Der Auftakt „Saturn Hoola Hoop“ bietet einen durchaus orchestralen Einstieg: eine frühlingshafte Flötenphrase, sphärisch-diffuses Flimmern (wieder Ziehflöten?), ein tiefes Brausen im Untergrund. Über ein kurzes, digitales Brutzeln geht es hinein in den Hauptteil des Stücks, purer Hiphop, zumindest rhythmisch gesehen. Denn die Flöten untermalen die schwere Bassdrum, der Streichersatz stützt die erlösende Snare. Bald grätschen noch gedämpfte Trompeten in die Synkopen. Der Beat ist natürlich schön schleppend humanized, das alles ist eine Spur ironisch, klingt aber fett und kommt dynamisch, state of the art. Am Ende stoppt das Stück wie an einer Schwelle, während seine Bestandteile treppab kullern.

          Was sich dann abspielt, entzieht sich fast jeder nachvollziehbaren Beschreibung - oder würde zumindest eine Menge Seiten füllen. Das Problem: Der rote Faden, der beim Hören der facettenreichen Eindrücke von „Bum Bum“ gesponnen wird, ist reichlich komplex und wäre selbst durch die Verlaufsliste des Kuratorenbrowsers nur ungenügend wiedergegeben.

          Treten wir also lieber einen Schritt zurück und betrachten die angewendeten Mittel. Zu den einfacheren zählt noch die an elektronische Musik erinnernde Verwendung von Loops („Le Prêtre Viré“). Werden die verstimmten Akkorde einer Harfe zu einem Stück gefügt, gerät das Puzzle zur kunstvollen Kollage („anebulamanifesto“). Darüber hinaus ermöglicht der virtuelle Schneidetisch die Konfrontation konträrer Soundschnipsel: Reduktion trifft auf Überfülle, das Volumen einer Kirche steht im Gegensatz zu dem einer kleinen Kammer. Subtil ist die Nutzung von Filtern, um Fenster zu anderen Epochen zu öffnen. So spielt „Hektra Mumma Gulla“ offensiv mit den charakteristischen Frequenzen von Schellack, Kassette und Vinyl. Bei „Rainbow Warrior“, einem Rodeo durch Stile populärer Musik, regen die zeitspezifisch eingefärbten Stimmen gar noch zu einer Reflexion über Meinungsmache an.

          Mit „Bum Bum“ gelingt dem Andromeda Mega Express Orchestra wieder ein genresprengendes Faszinosum. Und das, obwohl Daniel Glatzel damit ein gänzlich anderes Konzept gewagt hat, übrigens durchaus in Erweiterung und Vertiefung anderer elektronisch bearbeiteter Orchesterproduktionen wie etwa Matthew Herberts Big-Band-Alben. Die beiden langen Stücke, das lose, experimentelle „Hektra...“ und das narrative, bisweilen willentlich grelle „Space Purolator“, verlangen etwas Geduld, und nicht jeder wird sie bis in die letzte Verästelung mitgehen wollen. Der mitreißenden Wirkung vieler anderer Stücke werden sich aber auch aufgeschlossene Pop-Hörer nicht entziehen können. Wann kommt - und vor allem: wohin führt wohl - das dritte Bum?

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