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CD der Woche: Alison Krauss : Aschenputtels lieber Himmel

Hörprobe: „Paper Airplane” Bild: Concord/Universal

Nur Quincy Jones und Georg Solti haben noch mehr Grammys als sie. Und Alison Krauss hat auch sonst alles, was eine Königin braucht - liebliche Wärme, zarte Präzision und ein großes, mitfühlend' Herz.

          Ein Engel sei sie halt, sagt ein Bekannter, den man bedrängt, er solle einem erklären, wieso diese Person so feine Musik macht. Dann kratzt er, ein Musikliebhaber, den man mit Country Music sonst jagen kann, sich am Ohr, verwirft die Metapher und entschuldigt sich fürs Klischee. Man mag ihm die Verlegenheit nachfühlen. Alison Krauss, um die es geht, teilt sie vielleicht sogar. Auf vielen ihrer Plattencover schaut sie jedenfalls weder herausfordernd noch werbend in die Kamera, sondern lieber gleich woandershin (auf dem neuesten, am kommenden Freitag erscheinenden Album „Paper Airplane“, blickt sie, wie schon auf dem letzten Gemeinschaftswerk mit ihrer langjährigen Band Union Station, „Lonely Runs Both Ways“ von 2004, aschenputtelesk zu Boden: Ob die böse Stiefmutter wohl findet, dass jetzt alles ordentlich gefegt ist?).

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Das wirkt beinah, als schäme sie sich ein wenig für ihre Begabung, ihr souveränes Handwerk und die uneitle Hingabe, mit der sie sich immer wieder neu in jedes einzelne Lied wickelt wie eine bescheidene, aber knallrote Kirsche ins Teigmäntelchen.

          Im Gespräch verdreht sie lustig die Augen, wenn sie von den erstklassigen Musikern (T-Bone Burnett, Dan Tyminski, Ron Block), ausgesuchten Songwritern (Jackson Browne bis Todd Rundgren) und unverwechselbaren Stimmen (Robert Plant, Gillian Welch, John Waite, First Baptist Church Choir of White House, Tennessee) schwärmt, mit denen sie hat arbeiten dürfen. In ruhiger Demut redet sie dann darüber, dass ihr Stimmvolumen leider nicht die vier computergepitchten Oktaven umfasst, an denen man heutzutage olympiareife Diven erkennt - als wäre der Umstand, dass man mit normalen Stimmbändern zuwegebringt, was Alison Krauss kann, ein Problem anstatt wichtigste Voraussetzung der beseelten Innigkeit, mit der sie ihren Melodien dient, ohne Fiorituren, Tirili und sonstige Fisimatenten, weil sie, im Gegensatz zu manch modischer Chanteuse, begriffen hat, dass Musik nun mal ganz andere Talente und menschliche Züge fordert als Sport.

          CD der Woche: Alison Krauss : Aschenputtels lieber Himmel

          Auf zum letzten Dampfross

          „Paper Airplane“ spielt, wie man das von den Platten, die sie mit Union Station aufnimmt, gewohnt ist, in allen Farben, die diese Stimme kennt. „I've put it all behind me“, haucht ein elegischer Auftakt leicht geschwindelt; es geht ja erst los. „Anticipated pleasure or unexpected pain“ werden begrüßt wie alte Bekannte, und „pain“ findet sich ausgelegt als trauriger Ton, den man zwar nicht einfach ausstößt wie jeden andern, andererseits aber auch keinen Sekundenbruchteil zu lang halten darf, weil sonst unziemliches Gejammer draus wird. Wenn sie ein paar Nummern später „more smiles than a merry-go-round“ verschenkt, dann geht das Wörtchen „smiles“ hier auf wie die lebendige Sonne, der ganze Song bewegt sich von diesem Moment an wie eine rasch ausschreitende Passagierin unter vanillefarbenem Sonnenschirm, die in einem großen Western, sagen wir: von John Ford, dringend das letzte Dampfross aus Dodge City erwischen muss.

          Zwei weitere Stücke später ist das Forsche und Gutgelaunte wieder verschwunden, stattdessen erfreut eine Abgeklärtheit, deren Klangporträt sich tapfer emanzipiert nach vorn kämpft: „Another memory is another slamming door, it's getting too dark now to seeee...“

          Sie liebt, sagt sie, die Texte, die sie aussucht, und braucht sie. Obwohl sie sich ihre Jungmädchensporen ehedem vor allem als Geigenvirtuosin verdient hat, würde sie trotz immer wieder eintrudelnder einschlägiger Angebote niemals eine Platte einzig mit Instrumentalmusik aufnehmen wollen. Nein, jede noch so simple, einschmeichelnde, verführerische oder traurige Weise muss, findet sie, sich nicht bloß nach etwas anhören, sondern auch tatsächlich etwas sagen.

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