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Album der Woche : Wenn Du weinen musst, sei bitte leise

Durchdringend: Josh Ritter Bild: Laura Wilson

Vom Beziehungskram-Liedermacher entwickelt sich Josh Ritter immer mehr zum großen amerikanischen Folk-Geschichtenerzähler. Sein neues Album „Gathering“ trägt nicht nur seine Handschrift.

          Bevor es hier um Josh Ritter geht, der auf seinem neuen Album wieder einmal so rastlos so viele folkwitzige Strophen vorträgt, als wolle er die Altmeister noch übertreffen, muss man erst einmal einige Worte über die Person sagen, die für seinen Sound verantwortlich ist: über Trina Shoemaker. Es ist ganz erstaunlich, was diese Frau mit hierzulande relativ unbekanntem Namen schon geleistet hat. Die 1965 in Illinois Geborene, die zunächst als Sekretärin bei Capitol Records und als Assistentin für Daniel Lanois in dessen Kingsway Studio in New Orleans arbeitete (dort auch schon mit an Werken von Iggy Pop und Emmylou Harris), erlebte ihren Durchbruch als Toningenieurin von Sheryl Crow: Für das Album „The Globe Sessions“ (1998) erhielt Shoemaker sogar einen Grammy – den ersten, den je eine Frau als „audio engineer“ bekam.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Seither hat sie sich nicht nur als Aufnahmetechnikerin, sondern auch als Produzentin verdient gemacht und dabei so verschiedenen Künstlern Klanggestalt gegeben wie den Queens of the Stone Age und den Dixie Chicks, Blues Traveler und Brandi Carlisle. Und, was in Amerika seltener erwähnt wird: auch der deutschen Band Nationalgalerie und ihrem damals in Amerika aufgenommenen Album „Meskalin“ (1995) sowie dem 1997 erschienenen Soloalbum von deren Sänger Niels Frevert.

          Gerade diesem leider fast vergessenen Album kann man anhören, was eine charakteristische Produzentenhandschrift ist – und in den folgenden zwanzig Jahren hat Trina Shoemaker das noch ein ums andere Mal gezeigt, 2015 auch bei einem Werk mit dem doppeldeutigen Titel „Sermon on the Rocks“. Damit sind wir bei Josh Ritter: Der macht nun auch schon gut zwanzig Jahre lang Musik, die bislang ziemlich klar unter „Folk“ oder „Singer/Songwriter“ einzusortieren war: Lieder, die meist um ein Gitarrenzupfmuster herumgebaut sind und notfalls auch nur mit Stimme und Gitarre dargereicht werden könnten, darunter so manche Beziehungs-Ballade (charakteristisch: „Love is Making its Way Back Home“, 2012).

          Musikvideo : Josh Ritter: „Showboat“

          Mit „Sermon on the Rocks“ aber kam ein neuer Ton in Ritters Werk: Mehr Rock, mehr Country-Twang auf der Gitarre, mehr Bläser, mehr Blues-Soul, mehr Hall, mehr Musiker überhaupt kamen zum Einsatz – und das alles zusammengefügt eben von Trina Shoemaker. Wenn man so will, ist seitdem an Josh Ritter so manches vergrößert, ganz ohne den negativen Beiklang, den das heute angesichts missglückter Schönheitsoperationen hat.

          Im Studio: Trina Shoemaker
          Im Studio: Trina Shoemaker : Bild: privat

          Das merkt man auf dem neuen Album „Gathering“, auf dem der 1976 Geborene wieder sehr befreit aufspielt mit der „Royal City Band“, etwa bei dem Stück „Feels Like Lightning“, das ganz offen und ungeniert den Boom-Chicka-Boom-Effekt, das Markenzeichen von Johnny Cash, verwendet. Dass Ritter traditionalistischer geworden ist, hört man auch „When Will I Be Changed“ an, einem lupenreinen Spiritual, bei dem er Unterstützung von Bob Weir, dem Gründungsmitglied der Grateful Dead, erhält. Ritter hatte vor kurzem für dessen Soloalbum „Blue Mountain“ (2016) mit Weir zusammen Cowboy-Songs geschrieben und eingespielt und für diese Genre-Übung ziemlich gute Kritiken erhalten.

          Dass bei Ritters Songs, wie eingangs erwähnt, oft die ellenlangen, zungenbrecherisch schnell gesungenen Texte ganz im Vordergrund stehen, kommt auf dem neuen Album mehr denn je zum Ausdruck: „Dreams“ ist fast schon mehr „Spoken Word“ denn Lied, also eine manische Suada, die an die Beat-Dichter erinnert, aber, typisch für Ritter, sich inhaltlich eher dem religiösen Amerika zuwendet. Hier spricht einer, der die Erleuchtung im Zelt eines Wanderpredigers findet und dann auf eine mystische Reise aufbricht: „So I took off south like the beat of a bat wing / I fell in with a boat salesman and a kid / One carried the nails for his own crucifixion / The other one seemed to screw up whatever he did“.

          Musikvideo : Josh Ritter: „When Will I Be Changed“

          Machte sich Ritter auf dem letzten Album noch über amerikanische Bibelschulen lustig, so beginnt das neue nun mit einem „Shaker Love Song“, also einem Lied, das offenbar an die inzwischen aussterbende, für Amerika aber prägende Religion der pfingstchristlichen Shaker erinnern soll. Ob das hier auch ein Witz sein soll, wird nicht ganz klar, denn der Hymnus hat keine Worte. Sicher ist, dass sich der zölibatäre Lebensstil der Shaker kaum mit vielen anderen Songs Josh Ritters vertragen würde, die zusammengefügt eine inzwischen lange Kette aus Beziehung und Trennung, Verfluchung und Wiederannäherung bilden – und manchmal auch unversöhnlichen Spott in sich tragen, so wie jetzt auf dem besten Stück der Platte: „There’s the front door, thanks awfully / And if you gotta cry, cry softly“ – da ist die Tür, Liebes, und wenn du weinen musst, tu es bitte leise. Wer so hart redet, der wird Grund dazu haben, nämlich den, dass er umgekehrt vorher schon oft verletzt wurde: „You pulled a lot of fast ones / But this will be your last one“.

          Dass Josh Ritter schon das letzte Lied dieser Art geschrieben hat, ist nicht anzunehmen bei seiner Produktivität – und er dürfte gern noch mit Unterstützung von Trina Shoemaker etwas weitermachen damit.

          Josh Ritter: „Gathering“. Pytheas/Thirty Tigers (Alive)

           

          Quelle: F.A.Z.

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