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Album der Woche : Die besseren Lügen

  • -Aktualisiert am

Hier noch in Begleitung anderer Musiker: Tobias Siebert (links) bei einem Frankfurter Auftritt 2016 Bild: Maximilian von Lachner

Seid gegrüßt, Einhörner und Engel: Der Berliner Musiker Tobias Siebert hat als Ein-Mann-Orchester namens And The Golden Choir sein zweites Album vorgelegt, dem an Glanz und Dramatik nichts fehlt.

          „Another Half Life“, das vor drei Jahren erschienene Debüt von And The Golden Choir, war ein Ereignis: zerbrechlich und intim, das enthüllte Menschenherz, aber dabei warm und reinigend wie ein Sommerregen. Man hätte gar nicht gedacht, dass man das vermisst hatte, eine Stimme, die einen packte wie ein mächtiger Greifvogel und durch alle Höhen und noch höheren Höhen bis in den Himmel trug. „In Heaven“ hieß der Zielpunkt dieses Wunderalbums, und da erwartete einen „Angelina“: „You, you hold me softly / Pull me in, pull me in, pull me in“. Als würde man Radiohead noch einmal entdecken. In Bio. Ohne Zusatzstoffe, aber literweise mit Arganöl verfeinert.

          Es war natürlich mitnichten ein wirkliches Debüt, denn Tobias Siebert, der tatsächlich einzige Kopf hinter And The Golden Choir – Arrangeur, Texter, Sänger, Gitarrist, Multiinstrumentalist – ist einer der renommiertesten Berliner Musiker und Produzenten, der unter anderem Bands wie Kettcar, Juli und Phillip Boa and the Voodooclub produziert hat. Dazu ist er Sänger und Gitarrist der famosen, keiner Sentimentalität aus dem Weg gehenden Deutschpop-Indie-Band Klez.e, die sich inzwischen dem Retro Wave verschrieben hat (ihre gelungen jammernde Cure-Hommage „Desintegration“ war allenfalls halb ironisch gemeint). And The Golden Choir ist gewissermaßen die lichtere, authentischere Rückseite von Klez.e, komplett auf Ironie und Coolness pfeifend, mit englischen statt deutschen Texten, das andere halbe Leben.

          Und wer macht so etwas denn heute noch: über fünf Jahre hinweg im eigenen Kreuzberger Studio (Radiobuellebrueck) an einem Album feilen, auf dem man jeden Ton selbst einspielt, die Chöre Stimme für Stimme einsingt? Und das alles dazu noch komplett analog? Diesem Connoisseur ist nichts zu schwör. Bei einer solchen Entstehungsgeschichte verwundert vielleicht nicht allzu sehr, dass dabei kristallklare Erleuchtungsmusik herauskommt. Eremitenpop. Und natürlich sind sie dann doch wahnsinnig cool, die Auftritte Sieberts, für die er alle Tonspuren, die er nicht live spielt (oft die Gitarre), auf eine Vinylplatte hat pressen lassen. Ein Sänger und sein Plattenspieler auf der Bühne, das hatte in seinem Minimalismus etwas Ursprüngliches, Reines, in Verbindung mit der sakralen Anmut dieser frühen Songs geradezu Bettelmönchrevolutionäres. Irgendwann ging dem Musiker die Schizophrenie dieser Situation – ein Tobias von hundert äolischen Luft-Tobiassen begleitet – so sehr auf die Nerven, dass er sich für einige Konzerte doch noch eine Band dazu holte. Die anstehenden Konzerte zum neuen Album sollen aber wieder als One-Man-Show stattfinden. Allerdings kommt zum Plattenspieler nun noch ein Tonbandgerät hinzu. Und diese Aufrüstung ist gut begründet.

          Das grandiose zweite Album von And The Golden Choir, das sich keinesfalls so anhören sollte, wie das erfolgreiche erste – diese Aussage Sieberts wurde quasi zum Titel: „Breaking With Habits“ –, ist nämlich tatsächlich anders geworden. Verspielter, opulenter, vielgestaltiger. Aber erneut handelt es sich um elevatorische Traummusik, die man irgendwo oberhalb der Wolken verorten würde. Wieder hat der leidenschaftliche Instrumente-Sammler seine Schränke geplündert, lässt es auf tausenderlei Arten klimpern und klöppeln, klirren und zittern. Doch öffnet sich Siebert diesmal stärker dem großen, flächigen Klang und elektronischen Sounds. Natürlich geht es wieder um alles, um die Liebe und das Leben, um das Schöne, Gute, Wahre an sich, um das Außen im Innen, um unbekannte Mächte und die letzten Dinge. Was die in ganz verschiedene Richtungen strebenden Songs voller Verheißungspathos, die mal an Antony & the Johnsons oder Dead Can Dance erinnern, dann wieder an poppigen Indierock, an Elektro-Avantgardismus, Weltmusik, Gospelgesänge oder Orchesterstücke, verbindet, ist ihre ganz und gar unkitschige Aggressionsfreiheit. Überwältigung durch Harmonie lautet die Devise, ein fast schon gregorianisches Programm. So gut wie jedes dieser unwahrscheinlich dichten, gerne leicht verkopft beginnenden Stücke bricht früher oder später auf in eine mitreißende Melodie, einen lange nachschwingenden Refrain mit Hall und Chor. Wird man je wieder aufs Meer blicken können, ohne dass irgendwo im Hinterkopf „Into The Ocean“ abläuft?

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