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Veröffentlicht: 11.08.2017, 11:09 Uhr

Album der Woche von Capo Das alte Lied der Straße

Im Deutschrap werden alle Stimmen gehört, gleich welcher Herkunft. Aber regen die Texte wirklich zum Nachdenken an, oder wollen sie nur Sexismus und Gewalt akzeptabel machen? Eine Betrachtung zu Capos neuem Album „Alles auf Rot“.

von Charlotte Kruppa
© Warner Music Winkt mit Symbolik: Capo

Deutschrap wird vor allem von jungen Menschen gehört und von Sängern dominiert, die ihre negativen Erfahrungen mit Ausgrenzung und Rassismus aufgrund ihres Migrationshintergrundes thematisieren. Aber schon seit Jahren verändern sich die Botschaften der Lieder, die Textinhalte fordern dazu auf, als „Azzlacks“ zusammenzuhalten und sich abzugrenzen, das kriminelle Leben wird glorifiziert und respektloses Verhalten Frauen gegenüber als normal empfunden.

Genau solche Themen sind auch auf dem neuem Album des deutschen Rappers Capo zu finden, der von türkisch-zazaisch-kurdischer-Abstammung ist. Unter anderem wird er musikalisch von seinem leiblichen Bruder „Haftbefehl“ unterstützt, der schon länger in der Szene präsent ist und vor allem durch Kritik an seinen teilweise antisemitisch anmutenden Texten und der detaillierten Beschreibung von Waffengewalt Aufsehen erregt. Aber auch andere Rapper treten in den Musikvideos auf und verdeutlichen den Zuschauern die Bedeutung der „Gang“, die für sie über das gemeinsame Musikmachen hinausgeht und in den Liedern gleichbedeutend mit Familie ist. Natürlich strecken die jungen Männer bei jeder Gelegenheit ihre Hände in die Kamera, mit denen sie ein umgekehrtes Victory-Zeichen formen. Es soll ein „A“ darstellen und kennzeichnet sie als stolze und bekennende „Azzlacks“, die von einem Leben in sozialen Brennpunkten geformt wurden.

© CAPO TV „Alles auf Rot“ von Capo

Auf seinem zweiten Album „Alles auf rot“ nimmt Capo sich die Zeit, sich seinen Zuhörern nochmal richtig vorzustellen. Als ein Mann, der in „Germany“ geboren wurde und zwischen „Alkoholikern und Drogenhändlern“ aufgewachsen ist. Solche Texte lassen noch die Ursprünge der Rap- und Hip-Hop-Szene erahnen, die sich zumindest in Deutschland zunehmend wandeln. Die Musik ermöglichte den Künstlern, sich mit ihren traumatischen Erlebnissen auf der „Straße“ auseinanderzusetzen und vergangenes Unrecht aufzuarbeiten. Dies mag manchmal noch zutreffen, aber immer mehr drehen sich die Texte der deutschen Rapper um Drogen, Geld, Alkohol und vor allem: Huren.

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Auch auf Capos Album gehört „Nutte“ sicherlich zu den meistbenutzten Wörtern, obwohl es sich dabei allerdings nicht um tatsächliche Prostituierte handelt, sondern um normale Frauen, die man abends in einer Bar kennenlernt. Sie werden abgefüllt, um sie „hart, lang und dreckig zu ballern“, und am nächsten Tag wechselt man selbstverständlich zur Nächsten. Um solch vulgäre Botschaften noch zu unterstreichen, ist der Künstler in seinem Musikvideo ständig von leichtbekleideten Frauen umgeben, und ab und zu gibt es eine Großaufnahme von Gläsern voller Whisky und dicken Geldscheinbündeln.

© CAPO TV „Matador“ von Capo

Über „wunderschöne Frau’n aus jedem Land“ singt er auch in dem Lied „Matador“, was aber so ziemlich die einzige Stelle ist, an der man den Textinhalt versteht, denn Capo verwendet mitunter gerne Wörter aus dem Türkischen und anderen Sprachen. Das erleichtert es den Zuhörern, die sexistischen - und ansonsten ziemlich nichtssagenden - Liedtexte außer Acht zu lassen. Und diejenigen werden womöglich Gefallen an diesem Album finden können, denn eines muss man Capo lassen: sein Beat ist wirklich gut.

Glosse

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