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Album der Woche : Das ist die Liebe der ungeduldigen Frau

Hören Sie gut zu, Mylord: Edith Piaf (1915 bis 1963). Bild: reuters

Edith Piaf wäre in dieser Woche hundert Jahre alt geworden – ein aus diesem Anlass veröffentlichtes Box-Set zeigt, wie lebendig uns ihre Jahrmarktsstimme noch immer anmutet.

          Die erste Begegnung war seltsam. Der junge Sänger, ohnehin von Lampenfieber geplagt, bemerkte während der Live-Radiosendung, bei der er auftrat, in der ersten Reihe des Publikums eine kleine Frau, die ihn noch weiter einschüchterte. Dann endlich, so erinnert sich der Sänger, als dessen Augen an den Berühmtheiten haften blieben, lächelte ihm Edith Piaf aufmunternd zu und gab ihm ein Zeichen, nach dem Konzert auf sie zu warten. Es folgte eine Einladung ins mondäne Appartement der Sängerin am selben Abend und eine Prüfung des Novizen auf Herz und Nieren. „Dann“, so heißt es in Charles Aznavours Autobiographie, „kam der alles entscheidende Moment, in dem ich erklärte, dass ich sänge und dass ich Straßenmusik in den Straßen von Enghien machte.“

          Das brach das Eis zwischen dem aufstrebenden Künstler und dem Weltstar. Am nächsten Tag bot Piaf dem Zweiundzwanzigjährigen an, mit ihr auf Tournee zu gehen. Wie er sie auf der Bühne ankündigen solle, ließ sie ihn auswendig lernen: „Ein einziger Name, und in diesem Namen das ganze Chanson: Edith Piaf!“

          https://vimeo.com/networkingmedia/edit-piaf-snippet-2

          Bemerkenswert ist daran, dass die im Luxus lebende Piaf eine, wie Aznavour fand, sentimentale Beziehung zu ihrer prekären Vergangenheit pflegte, die tatsächlich eine Ansammlung entsetzlicher Erlebnisse war, geeignet, ein Kind nachhaltig zu traumatisieren: Die Mutter, eine Sängerin, gibt sie kurz nach der Geburt am 19. Dezember 1915 bei der Großmutter ab, die den Säugling fast verhungern lässt. Der Vater, ein Zirkusakrobat, parkt das Kind bei der anderen Großmutter, die ein Bordell führt. Edith erblindet vorübergehend, lebt wieder beim Vater, der sie gern verprügelt, reißt mit fünfzehn aus, wird mit siebzehn schwanger und verliert das Kind, als es zwei Jahre alt ist. Ein Förderer ihrer Karriere als Sängerin wird ermordet, und so geht das immer weiter: Verluste geliebter Menschen und eigene Krankheiten prägen das Leben der Piaf bis zu ihrem frühen Tod mit 47 Jahren.

          Bemerkenswert an Aznavours Schilderung ist aber auch, wie bedingungslos Edith Piaf den jungen Mann förderte. Das zog sich über Jahre hin, erforderte im Gegenzug von Aznavour, die Launen der Mentorin widerspruchslos und gegen alle Vernunft hinzunehmen, war aber am Ende, wie es scheint, für beide Teile von Vorteil: Edith Piaf baute weiter an ihrem Netzwerk befreundeter, höchst talentierter Künstler - zu dem auch Protegés wie Georges Moustaki, Yves Montand oder Gilbert Bécaud gehören sollten -, und Aznavour nutzte seine Chance, als Autor und Interpret von Chansons seinerseits zum Weltstar aufzusteigen.

          Ihre Herkunft aus einfachsten Verhältnissen machte sie nicht nur Aznavour gegenüber gern zum Thema, es prägt auch die Lieder, die sie vor gutbetuchtem Publikum sang oder auf Platten aufnahm. In „Milord“ etwa gibt sie das Mädchen von ganz unten ebenso gut wie in „C’est à Hambourg“ und zahlreichen anderen Liedern. Ein zweiter Fixpunkt ist ganz konventionell die Liebe, dies aber oft mit dem verzweifelten Einschlag einer ungeduldigen Frau, die den Geliebten gern ein klein wenig anders hätte. Der dritte aber ist Paris, dessen Mythos sie ebenso häufig und intensiv heraufbeschwört wie die meisten ihrer Kollegen. Nur dass ihr Vortrag im Publikum oft als authentischer wahrgenommen wurde, der Schmerz, von dem sie singt, als wahrhaftiger. Nicht selten trägt das aber die Aura des Inszenierten. So berichtet Aznavour, die Piaf hätte sich nach dem plötzlichen Unfalltod ihrer großen Liebe, des Boxers Marcel Cerdan, tagelang in ihrem Hotelzimmer eingeschlossen und sei dann mit einem fertigen Chanson herausgekommen, das sie sogleich ihrer Entourage präsentiert habe - den späteren Welthit „Hymne à l’Amour“.

          Eine solide Werkschau und mehr

          Zu ihrem hundertsten Geburtstag ist nun eine Werkschau erschienen, die in einer Box ein Buch mit einer Schallplatte sowie zwanzig CDs bündelt. Die Texte sind durchgängig in Englisch und Französisch gehalten, zielen also auf den internationalen Markt, und was sie an Erläuterungen zu Leben und Werk der Piaf bieten, ist - von den Angaben zu den einzelnen CDs abgesehen - eher hagiographisch und inhaltlich oft dünn gehalten. Verzichtbar sind sicherlich auch drei aufwendige Pop-ups zum Leben der Piaf: Da ist anfangs die Göre mit dem Hut in der Hand, ferner die Menge, die für einen Auftritt der mittlerweile berühmt gewordenen Sängerin ansteht, drittens die Piaf auf der Bühne im Scheinwerferlicht. Mit den CDs verhält es sich allerdings anders. Sie sind in drei Abteilungen gegliedert: Zunächst ist da eine sehr solide chronologische Werkschau, die von 1937 bis 1963, von „Mon Légionnaire“ bis „L’Homme de Berlin“ reicht und nur wenig vermissen lässt, zumal sie mit zahlreichen Alternativversionen aufwartet.

          Eine einzelne CD ist den englischsprachigen Aufnahmen gewidmet, von denen sich auch viele auf den Konzertmitschnitten finden, die den zweiten Teil dieser Box bilden. Die eigentlichen Entdeckungen warten aber naturgemäß in der dritten Abteilung mit den meist unveröffentlichten Rara und Kuriosa. Sehr schön etwa ist eine Zufallsaufnahme aus dem Studio, in der sie den jungen Georges Moustaki aufs Höchste anpreist. Er meldet sich zu Wort, mit ruhigem Selbstbewusstsein, dann setzt er sich ans Klavier und begleitet sie zu seinem „Milord“. Und wie sie da einsetzt, aus dem Nichts, wie sie den Tod trifft und den Ausdruck, wie sie ihrer Stimme den vertrauten Jahrmarktsklang verleiht und doch immer wieder zartes Erstaunen hineinmischt, ist unbedingt hörenswert.

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