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Album der Woche : Wo die Büffelherden wandern

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Können die Utopien seiner Jugend noch Trost für die Gegenwart spenden? Ray Davies Bild: Alex Lake

Ray Davies sattelt um – vom England-Chronisten zum amerikanischen Träumer. Sein zwischen Wehmut und Hoffnung pendelndes Soloalbum „Americana“ klingt dabei schon fast wie ein musikalisches Testament.

          Vom Muswell Hillbilly zum Beverly Hillbilly – fast wirkt es wie ein Verrat: Ray Davies, der frühere Vorsänger der Kinks und vielleicht der profilierteste Popchronist des englischen Vorstadtlebens, gesteht auf seinem neuen Album „Americana“, dass er seit seiner Jugend dem amerikanischen Traum nachjagt. Davies, der beinahe sprichwörtliche Verfechter einer unverwechselbaren „Englishness“ im Pop zog demnach schon früh die Verheißungen von „God’s Own Country“ der grauen Tristesse der britischen Post-War-Gesellschaft vor. Fast meint man, der Zweiundsiebzigjährige erprobe auf seiner ersten Neuveröffentlichung seit neun Jahren eine Art „alternative Geschichtsschreibung“ – seine Amerikabegeisterung reicht jedenfalls tiefer, als sich das so mancher Kinks-Fan eingestehen mag.

          Schon als Kind war er von den Schwarzweißbildern der Cowboys und Indianer im englischen Fernsehen fasziniert. Hier kämpften Gut und Böse auf archaische Weise miteinander, und das Land dieser Auseinandersetzung versprach grenzenlose Freiheit: „Since I was a teen, you know I had this dream“ singt Davies im Titelsong „Americana“. Und doch weiß er ganz genau, dass das idealisierte Amerika der Pioniere, der endlos weiten Prärie und der „big skies“ in dieser reinen Form nie existierte und der Mythos vom amerikanischen Westen seine Kraft als kollektives Erinnerungsbild in den letzten einhundert Jahren zunehmend eingebüßt hat. Wenn er einleitend gesteht „I wanna make my home / Where the buffalo roam“, dann ist das nicht nur eine Anspielung auf das Lied „Home On The Range“, das Davies als Schuljunge Anfang der Fünfziger lernte, sondern zugleich ein Abgesang auf längst verblasste Illusionen.

          Wer genau hinhörte, konnte schon in Kinks-Songs wie „Oklahoma U.S.A.“, „Celluloid Heroes“ oder „Catch Me Now I’m Falling“ die Amerika-Begeisterung von Davies heraushören – fixe Idee und Sehnsuchtsort zugleich, den er in New York und New Orleans später bewohnen sollte. Doch zunächst waren die realen Erfahrungen alles andere als ermutigend: Als die Kinks Mitte der Sechziger im Zuge der „British Invasion“ den Beat in das „land of the free“ bringen wollten, wurden sie zunächst wegen ihrer langen Haare, des vermeintlich obszönen Bandnamens und ihrer aufrührerischen Bühnenshows von der amerikanischen Musikergewerkschaft mit einem vierjährigen Auftrittsverbot belegt. Die Sittenwächter des Musikbusiness sahen in der Band eine Bedrohung der öffentlichen Ordnung. Jetzt erzählt der Song „The Invaders“ in selbstironischem Ton von dieser frühen, schon bald mystifizierten „Verbannung“ und stellt unmissverständlich klar: „The world as we knew it turned upside down and things will never be the same / The day the invaders came.“ Dabei hatte selbst die traumatische Erfahrung von 2004, als er in New Orleans von einem Straßenräuber angeschossen und am Bein schwer verletzt wurde, Davies’ Faszination für Amerika nicht trüben können. Das neue Lied „Mystery Room“ wurde nach eigener Aussage durch dieses Erlebnis inspiriert. Ohne Wenn und Aber gesteht sich Davies heute ein: „Now I’m faced with mortality.“ Zum vielleicht stärksten Song des Albums aber avanciert „Poetry“ mit seinen weit ausgreifenden Melodien und strahlenden Gitarrenakkorden: Auch hier wird man Zeuge von Davies’ paradoxer Hassliebe zu Amerika. Bei aller Idealisierung der „Stars and Stripes“-Kultur treibe die Kommerzialisierung und zunehmende Kommodifizierung des Alltagslebens den Dingen die Seele aus, so dass Davies ernüchtert fragen kann: „Where is the poetry?“

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