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Album der Woche : Wenn dir alles zu viel wird, drücke einfach auf „Löschen“

Die Haare sind beträchtlich gewachsen: John K. Samson Bild: Leif Norman

John K. Samson, der mit seiner Band The Weakerthans bekannt geworden ist, überrascht mit einem schönen, lyrisch anspruchsvollen Soloalbum im Folk-Gestus.

          Im Nachhinein fragt man sich dann doch, warum es denn unbedingt Bob Dylan sein musste. Hätte es, außer Leonard Cohen, der zur Verleihung aber schon gar nicht mehr hätte kommen können, nicht noch andere gegeben, die den Nobelpreis verdient (gehabt) hätten? Hätte, hätte.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Es gehört sicherlich nicht zu den Kernkompetenzen der Schwedischen Akademie, John K. Samson zu kennen. Aber der kanadische Musiker, Jahrgang 1973, wurde nicht nur wegen der punklastigen, ungewöhnlich melodiösen Musik bekannt, die er mit seiner inzwischen aufgelösten Band The Weakerthans gemacht hat, sondern und vielleicht sogar vor allem wegen der anspruchsvollen, meistens schwarzgalligen Texte beziehungsweise lyrics. Wie selbstverständlich sang er von einem Abendessen mit Foucault oder von Pinguinen, die Französisch lernen (wahrscheinlich, um Foucault im Original lesen zu können). Derlei stand zum mitreißenden Musizierwillen der Weakerthans in geradezu aufreizendem Kontrast; und die Frage, ob die Texte auch für sich bestehen und dem „stillen“ Lesen standhalten könnten, konnte man ohne weiteres mit „ja“ beantworten. Ohnehin hatte Samson nie verhehlt, dass er sich die Winter in seiner Heimatstadt Winnipeg lieber mit der Schriftsteller- und Verlegerei vertrieb. „I hate Winnipeg“ lautete eine wahrscheinlich an die Adresse Neil Youngs gerichtete Zeile vom besten Weakerthans-Album „Reconstruction Site“ (2003).

          Musikvideo : „Postdoc Blues“ von John K. Samson

          Der landsmännische Folkrock-Ahne bleibt für Samson ein Maßstab. Sein offiziell zweites Soloalbum „Winter Wheat“ dient ihm als Gegenstück zu „On The Beach“ (1974), einem von Youngs besten Alben, Mittelstück der legendären doom trilogy, mit der Young seinerzeit ganz mutwillig einen gewissen, allzu sehr am „Harvest“-Schönklang hängenden Teil seiner Anhängerschaft verprellte. Drei von den insgesamt nur sieben Liedern hatten dabei den Blues im Titel, zwei davon zählen zum Beeindruckendsten, was Young überhaupt gemacht hat: „Revolution Blues“ und „Ambulance Blues“, dazu der doch recht langweilige „Vampire Blues“, auf den Samson nun mit dem „Vampire Alberta Blues“ direkt anspielt, während er beim „Postdoc Blues“ seine Vorliebe für Akademisches heraushängen lässt und der „VPW 13 Blues“ ein Gegenstück zum „Ambulance Blues“ darstellt, in dem Young sarkastisch seine Vergangenheit rekapituliert hatte: „Back in the old folky days / The air was magic when we played“. Samson hat naturgemäß von einer rockhistorisch späteren Vergangenheit zu berichten: „Back in those old punk rock days / Mornings were rough enough / Public access volunteers / We were always, always in between“. Die fünfzehn Lieder, die Samson unaufdringlich und mit entschieden mehr Folk-Gestus instrumentiert, als er es mit den Weakerthans tat, haben zwar nicht die düstere Brillanz von Youngs „On The Beach“, aber doch immerhin genug kulturkritisch-endzeitliches Gedankengut, das eine nähere Befassung lohnt.

          Musikvideo : „Requests“ von John K. Samson

          Und da fällt dann die politische Wachheit auf, mit der Samson selbst in Momenten, in denen er schlagwortartig zu Werke geht, noch überzeugt; „Capital“ zum Beispiel hebt so an: „So when they wonder where the money went / And we can’t swim here anymore / And bankers warble algorithmically from the shore / The stations pump the new austerity“. Sollte er die schöne Songminiatur „Poppy“ von der Edgar Broughton Band kennen? Jetzt weiß man jedenfalls wieder, warum seine allererste Band damals Propagandhi hieß, in der er damals Bass spielte: Ohne satirische Untertöne ist bei ihm nichts zu haben. „Select All Delete“ lässt sich dagegen als Echo auf W. H. Audens „Funeral Blues“ lesen: „And when it gets too complicated / When you can’t get to sleep / When the morning seems impossible / Select all, delete / Select all, delete / Select all, delete“.

          Samson wäre aber nicht Samson, hätte er am Ende aber nicht doch noch eine ganz und gar unsentimentale Wendung parat: „And I don’t mean to miss the good old days / The good old days were mostly bad / But I recall how dark the night got then / How absences could make me glad“. Selbst ein noch so ergreifendes Liebes- und Trauergedicht, wie Audens eines ist, wäre ihm wohl einfach zu schlicht, zu eindeutig gewesen.

          John K. Samson: „Winter Wheat“. Anti/Epitaph

           

          Quelle: F.A.Z.

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