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Veröffentlicht: 07.04.2017, 18:05 Uhr

Album der Woche Was vom Dodo übrigblieb

Zurückspulen und sich die Lügen des Sommers noch einmal anhören: Die Liedermacherin Aimee Mann taucht mit einem brillanten Album aus der Versenkung auf. Es heißt „Mental Illness“.

von
© Sheryl Nields „Who are you today?“: Aimee Mann

Sie war schon zu einer fernen Erinnerung geworden. Einer bittersüßen, aber mit fast verblasstem Gesicht. Jetzt sendet sie eine neue Freundschaftsanfrage, man drückt auf „akzeptieren“, aber erstmal passiert nichts. Dann dringen aus der Tiefe leise Schlittenglöcklein ans Ohr, die immer näher kommen. So könnte die Vertonung von Robert Frosts Gedicht „Stopping by Woods on a Snowy Evening“ klingen, ein kontemplatives Gedicht über die Grenze des Lebens.

Jan Wiele Folgen:

Aber nein, das Lied heißt „Goose Snow Cone“, es handelt, zumindest vordergründig, von einer Katze dieses Namens und wird gesungen von Aimee Mann. Mit ihrer Stimme kommen Bilder und Momente zurück, die nun teils schon volljährig sind: vor allem solche an den Soundtrack zum Film „Magnolia“ aus dem Jahr 1999, als Mann mit dem Song „Save Me“ für einen Oscar nominiert war. Aber auch an das Folgealbum mit dem seltsamen Titel „Bachelor No. 2 or, the last Remains of the Dodo“ - lauter Ohrwürmer damals, die man irgendwann dann loswerden musste und deswegen die Platten tief im Schrank versteckt hat. Aimee Mann hat seitdem noch weitere Alben gemacht, zuletzt 2012 das auch nicht schlechte „Charmer“ - aber trotzdem fühlt es sich so an, als wäre die 1960 in Richmond geborene Sängerin sehr lange weggewesen.

© Aimee Mann

Genau davon handelt in gewisser Weise auch ihr neues Werk: vom Ausgeklinktsein, vom Verschwinden. „I just wanted a place, but I ended up gone“, singt sie mit einer vieldeutigen Metapher. Das Album heißt „Mental Illness“, und dieses Thema wird auf vielfältige Weise verarbeitet. Die da singt, müht sich redlich, sich vor Freunden zusammenzureißen („Got to keep it together when the friends come by“), aber weiß doch nur zu gut, dass es „A Simple Fix“, also eine einfache Lösung, wohl für sie nicht gibt. Aimee Mann hat dieses Album selbst, wie mit einer vorausgeschickten Warnung, als „my saddest, slowest record“ beschrieben - nicht ohne humorvoll anzumerken, wie belustigend sie die zweideutige Nachrichtenmeldung „Aimee Mann announces Mental Illness“ dann fand.

Die Mischung aus Schwere und Heiterkeit ist typisch für sie, und sie schlägt sich auch in der Musik nieder: Gravitätisch wirkt bisweilen der Dreivierteltakt mancher Songs, den man auch von früher schon kennt, während die Stimme luftig und flatterhaft klingt. Schwer wiegen auch oft schon die Titel der Songs - „Stuck in the Past“, „You Never Loved Me“, „Lies of the Summer“, und doch sind darin witzige Wortspiele und poetische Prachtblüten versteckt.

„I know the tumbleweed lexicon: You never loved me“, heißt es etwa in einem traurigschönen Satz mit Anspielungsreichtum: Tumbleweeds, diese vom Wind getriebenen Steppengewächse, sind insbesondere durch den alten Country-Song „Tumbling Tumbleweeds“ fest in der Americana-Lyrik verankert, und indem Aimee Mann darauf anspielt, lässt sie sich mitdriften im Sog der schon vor ihr von „idiot wind“ Weggepusteten - und behauptet gleichzeitig ihren Platz in dieser Musiktradition.

© Aimee Mann

Die Instrumentierung der Lieder erinnert an Singer/Songwriter-Platten der Siebziger: Es gibt Streicher, die aber so stark in den Klanghintergrund gemischt wurden, dass man in erster Linie nur akustische Gitarre und Stimme wahrnimmt, eine Art Entblößung auch das, die zur waidwunden Lyrik passt.

Fast möchte man bei dem Album von einem Gesamtkunstwerk sprechen, denn es ist mit sehr eindrücklichen, holzschnittartigen Illustrationen von Andrea Dezsö versehen, in denen die Themen der Geisteskrankheit und der Ich-Dissoziation auch visuell aufgegriffen werden: Sie zeigen eine Frau in verschiedenen Lebenssituationen zwischen Sisyphos- und Narzissmythos, als Kämpferin und als Untergehende, und einmal auch im Fegefeuer.

Flankiert wird dieses mit der stilvoll gesetzten Lyrik kombinierte Artwork dann nochmals von einem gewitzen Motto: Es lautet nicht „How are you today?“, sondern „Who are you today?“.

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Warum Aimee Mann mit einer solch großartigen Platte offenbar nicht mehr bei einer Mainstream-Firma unter Vertrag genommen wurde, ist überaus rätselhaft und sagt viel über die Verkommenheit der Musikindustrie. Aber auch das scheint die Künstlerin mit Humor zu nehmen: Ihr eigenes Label, auf dem das Album erschienen ist, heißt Superego Records.

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