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Album der Woche : Warte, bis es dunkel ist

  • -Aktualisiert am

Im Dunst: Cigarettes After Sex Bild: Ebru Yildiz

Sind sie nur ein Youtube-Phänomen, oder haben sie gar ein eigenes Genre der Popmusik begründet? Die Band Cigarettes After Sex präsentiert auf ihrem Debüt schwarze Romanzen, aufgenommen in einem New Yorker Treppenhaus.

          Der Youtube-Algorithmus bleibt ein unergründliches Mysterium. Was harmlos beginnt, endet meist irgendwo zwischen Katzenvideos und Verschwörungsdokus. Manchmal aber funktioniert er ganz vernünftig und bringt aus den Tiefen des Trashs unentdeckte Perlen zutage. Auch der hypnotischen Single „Affection“ der Band Cigarettes After Sex verhalf der Algorithmus vor zwei Jahren auf rätselhafte Weise zum Sprung auf Millionen von Playlists. Die überwältigenden Klickzahlen bescheren der Band derzeit nicht nur Auftritte in den Vereinigten Staaten, Europa und Asien, sondern nun auch die Veröffentlichung ihres selbstbetitelten Debütalbums.

          Eine Manipulation der Video-Plattform mag man der Gruppe um den New Yorker Sänger Greg Gonzalez allerdings nicht nachsagen. Hätte man sich auf diese Weise zu helfen gewusst, hätten die Cigarettes After Sex mit ihrem einzigartigen Stil, der sich wohl am besten als Pop Noir beschreiben lässt, wohl bereits bei ihrer Gründung vor beinahe zehn Jahren ein eigenes Indie-Genre kreiert, wie ihnen nun nachgesagt wird.

          Nach „Affection“ wurde auch die EP „I“ wiederbelebt, die ein origineller Hall umgibt. Während seines Studiums von der Akustik des Treppenhauses fasziniert, nahm Gonzalez die Songs an der Universität von Texas in El Paso auf. Dieser psychedelische Sound ist auch auf dem Debütalbum zu hören, auf dem sich fragile Tristesse mit unnahbarer Coolness mischt. Gonzalez‘ bittersüße Stimme, die nach der Verschmelzung einer weniger prätentiösen Lana del Rey und einer weichgespülten Nico ohne Akzent klingt, vermag in dem 2015 erschienen Cover-Stück, das auf dem Album leider fehlt, sogar REO Speedwagons schnulzigen Schmuse-Rocksong „Keep on Loving you“ etwas Nachdenkliches und Schmerzliches einzuhauchen. Ein Hauchen oder Flüstern ist Gonzalez‘ Gesang tatsächlich. Von Beginn an klingt er wundersam vertraut und intim.

          Parallelen zu Placebo wirft nicht nur die stimmliche Androgynie auf. Auch ästhetisch erinnert das Cover zur Single „Nothing’s Gonna Hurt You Baby“ an jenes von „Meds“, das ebenfalls eine Schwarz-Weiß-Fotografie einer nackten Frau ziert, die sich metaphorisch auch im Text zu „Flash“ wiederfindet: „You’re the white swan in the photograph“.

          Den 90er-Jahre-Charme schöpfen die Cigarettes After Sex eher aus der mit Mazzy Star geteilten Melancholie. Jeder verzweifelte Zynismus, der da aufkeimen müsste, um den Placebo-Vergleich zu halten, wird mit gesungener Narkolepsie betäubt. Kurz: Weniger „Cruel Intentions“, mehr vermeintlich unschuldiger Engtanz.

          Stilistisch sind die Songs des Albums kaum voneinander zu unterscheiden. Schwerelos fließen sie ineinander über, um die Trance, in die sie versetzen, nicht zu stören. Wie „I“ wurde auch der Song „Each Time You Fall in Love“ in ungewöhnlicher Kulisse, dem Treppenhaus eines New Yorker Kinos, aufgenommen. Das Ergebnis klingt neblig und düster und ließe sich wohl völlig unbemerkt auf den „Twin Peaks“-Soundtrack schmuggeln. 

          Gonzalez‘ Texte handeln von Romanzen, von erfüllter und unerfüllter Liebe, die aber besonders in „John Wayne“ nicht ohne ein wenig Selbstironie auskommt: „Living like he’s John Wayne / Always facing the world and chasing the girl/Baby, he’s got to be crazy”. Sentimental, aber nicht schmalzig ist „K.“, auch wenn er einer Verflossenen gewidmet ist: „Holding you until you fall asleep / And it’s just as good as I knew it would be / Stay with me I don’t want you to leave…”.

          In „Young and Dumb” heißt es „I drive your car to the beach with this song on repeat”. Für einen sorglosen Roadtrip kommt wohl keiner der sphärisch anmutenden Titel auf  „Cigarettes After Sex” infrage. Der Song, der da in der Dauerschleife laufen soll, könnte vielleicht „Our Last Day” sein, der allerdings auf dem 2011 selbstprodzierten Demoalbum „Romans 13:9“ zu finden ist. Mit schnellerem Tempo und poppigem Klang erinnern Cigarettes After Sex hier ein wenig an Vampire Weekend. Für kurze Zeit verschollen, ist dieses Album mittlerweile auch wieder online zu finden. Als Aufputschmittel nach der angenehmen Sedierung durch das Debüt wäre zusätzlich auf eine nachträgliche Veröffentlichung zu hoffen.

          Cigarettes After Sex (Partisan Records/Pias)

          Quelle: FAZ.NET

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