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Album der Woche : Ein Varieté des Unwohlseins

  • -Aktualisiert am

Daniela Reis (links) und Friederike Ernst sind Schnipo Schranke. Bild: dpa

Keine Schmalz-Streicher, dafür viel Körperflüssigkeit: Das Frauenduo Schnipo Schranke malt auf seinem zweiten Album „Rare“ die Drastik des Daseins aus. Aber macht es das Beste aus seinem Songmaterial?

          Letztes Jahr waren Schnipo Schranke auf einmal da. Man konnte ihnen gar nicht entgehen, nicht mal als weitgehender Ignorant neuester popmusikalischer Entwicklungen. Zum Beispiel saß man an einem Frühlingsabend vor einer befreundeten Galerie herum, Vernissage im Rücken, mit einer Bekannten voller Liebeskummer, die immer abwechselnd erzählte und dann wieder ihre dicken weißen Kopfhörer aufsetzte.

          In den Kopfhörern wohnten Schnipo Schranke, sie sangen, soweit man das mitbekam, von unglücklicher Liebe, zeitgenössischer Frustration und von nicht ganz so appetitlichen Begleiterscheinungen sexueller Aktivität. Einmal bekam man auch die Kopfhörer aufgesetzt, das war als Auszeichnung zu verstehen, man sollte dann bestätigen, wie toll Schnipo Schranke seien, was man halbherzig absolvierte, dann versuchte man den Rest der Nacht, das Liebeskummerdasein ein wenig erträglicher zu gestalten. Am helleren Ende der Nacht hatte man dann andere Gedanken aufgebracht, ein paar neue Erinnerungen geschaffen - die Euphorie um Schnipo Schranke aber immer noch nicht ganz verstanden.

          Musikvideo : Schnipo Schranke – „Stars“

          Jetzt hat das Duo aus Daniela Reis und Fritzi Ernst, trotz ausgiebigem Touren und Hype-Bearbeiten, schon das zweite Album vorgelegt, und man ergreift also die Gelegenheit, sich ein wenig ausgiebiger mit ihnen zu befassen. In der Presseaussendung zu „Rare“ findet sich ein Satz, der den Hörer durch das Album begleitet: „Sie haben sich das Do-it-yourself-Konzept nicht ausreden lassen. Keine Streicher, keine Gastmusiker, die ihre tollen Melodien umspielen.“ Aha, denkt man daher, hat man den Überraschungserfolgsfrauen also wohl ein durchtriebenes Konzept für die weitere Masseneroberung aufdrängen, hat man alles Rotzige, Charmante austreiben wollen, und haben Reis und Ernst sich also erfolgreich gegen den süßen Kuss der Musikindustrie zur Wehr gesetzt?

          Zwischen Nina Hagen und Dark Cabaret

          Das wäre die einfache Lesart dieses Albums. Schnipo Schranke sind sich treu geblieben, selbst der zufällige Kurzkenner ihres Frühwerks findet sich sofort wieder: Sehr eingängige Melodien mit Drall ins Dunkel werden von schlicht-beschwingter Arbeit von Schlagzeug und Keyboards getragen, Schnipo Schranke haben sich irgendwo zwischen Nina Hagen zu DDR-Zeiten und Dark Cabaret angesiedelt, minus den Glamour. Statt seiner haben sie sich für die zeitgenössischere Option entschieden - die Fans durch sogenannte Authentizität für sich zu gewinnen: Ihre Version des ewigen Popthemas, wie einsam und verlassen man sei, wird mit Hilfe von gern genutzter verbaler Bodenhaftung ausgeführt, Pippi, Sperma und Durchfall vermischen sich mit Depressionen, Autodestruktion und angedeuteten Gewaltphantasien, ohne jemals auf die kontrastiv genutzte Melodieebene überzuschwappen: In dem, was Schnipo Schranke musikalisch zu Gehör bringen, sind sie zuverlässig, ja, fast schon clean.

          Nie geben sie sich Lärmeskapaden oder überraschenden Umbrüchen hin, was sie spielen, ist immer Schlager, ein Varieté des Unwohlseins: Schnipo Schranke nehmen das Elend und transformieren es in eine eingängige Form, bei der man mitswingen und sich singend über alles erheben mag. Beim Zuhören geht einem manches Mal die Pressinfo durch den Sinn: Kommen nicht Stücke wie „Ritter in der Nacht“ oder „Immer mehr“ manchmal an Stellen, von denen aus sie abheben könnten zu wirklicher Großartigkeit - wenn Schnipo Schranke ihr Rezept zu erweitern gewagt hätten? Ist es wirklich so toll, wenn nur noch ein ärmlicher Schweinesynthie das Seine zum Grundgerüst dazuquäkt, wo wirklich schönes Songmaterial vorhanden ist?

          Es mag nicht gewollt sein, dass die Band aufbricht zu Stadionformat, und vermutlich will man das auch gar nicht erleben. Vielleicht sind Schnipo Schranke sehr zufrieden, wenn sie die nächsten „Lassie Singers“ werden, charmant und zuckrig und semiprofessionell, von treuen Fans umgeben. Es ist dies nicht zu beanstanden, niemand muss groß werden wollen. Vielleicht passen Aufbruch und Abenteuer nicht zur elegischen Haltung von Schnipo Schranke. Als eher neutraler Zuhörer aber erlaubt man sich, doch eine hypothetische Neugier zu spüren: Wohin diese beiden Frauen wohl fliegen könnten, sollten sie doch eines Tages ein paar neue Einflüsse reinlassen in ihre Hütte. Es müssen ja keine Streicher sein, oder wenn, dann welche, die eine hübsch schräge Migräne ins Klangbild fiedeln.

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