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Album der Woche : Solche Medizin trinken wir gern

Keine Quacksalber: The Old Crow Medicine Show Bild: Laura E. Partain

Die Unentwegten und Rastlosen haben in der Old Crow Medicine Show ihre ständige Vertretung. Das Kollektiv für Bluegrass und Roots-Musik bringt nun eine fabelhafte Werkschau heraus.

          Dass Musik nur als Untermalung dient, wenn Geschäftsleute durch Getränkeverkauf reich werden wollen, ist keine Erfindung eines österreichischen Energydrink-Herstellers. Das gab es schon im Wilden Westen, es hieß damals „medicine show“. Der zirkushafte Charakter solcher Veranstaltungen hat die amerikanische Popkultur immer wieder inspiriert, vor allem die Folk- und Countrymusik.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Gründungsgeschichte der Band mit dem klingenden Namen Old Crow Medicine Show mutet fast wie eine Folklegende an: Nachdem die Burschen jahrelang als Straßenmusiker herumgereist waren, spielten sie in North Carolina (ausgerechnet) vor einer Apotheke und wurden dabei vom alten Zupfmeister Doc Watson gehört. Der hat sie dann bei seinem „MerleFest“, einer Großveranstaltung für amerikanische Roots-Musik, auftreten lassen und so ihre Karriere auf den Weg gebracht. Siebzehn Jahre ist das jetzt her. 2004 erschien das Studiodebüt der Band. Und inzwischen ist die Old Crow Medicine Show fast so etwas wie eine Hausband in der Grand Ole Opry, also jener bis heute live aus Nashville übertragenen Radiosendung für traditionelle amerikanische Musik.

          Zum Jahreswechsel glänzten sie dort mit einer countrifizierten Komplettdarbietung von Bob Dylans Album „Blonde On Blonde“. Jetzt ist eine Werkschau der fünf Studioalben herausgekommen, die sich wirklich sehen lassen kann. Sie beginnt mit „Wagon Wheel“, das der Sänger Ketch Secor aus Dylans vorher strophenloser Refrain-Idee „Mama, Rock Me“ zu einem wunderschönen Tramperlied vervollständigt hat („Headed down south to the land of the pines / And I’m thumbin’ my way into North Caroline“). „Wagon Wheel“ ist so etwas wie der Signatursong der Band und seinerseits schon oft nachgespielt worden - schade nur, dass nicht ihre eigene Version, sondern die etwas weichgespültere von Darius Rucker dann auf dem ersten Platz der Country-Charts gelandet ist.

          Way across la frontière

          Die Unentwegten, Rastlosen und Verscheuchten, die seit eh und je zur Folkmusik gehören, geistern auch durch so manch anderen Song der Old Crows. Ihr Reiseterritorium sind meist die Südstaaten („Alabama High-Test“, „Caroline“). In einem bislang unveröffentlichten Bonustrack gibt es aber auch einen Ausflug ins französischsprachige Kanada („Black-Haired Québécoise“), in dessen Text sich southern drawl und Anglofranzösisch lustig durchdringen: „Watcha doin’ way up here, way across ma frontière?“ Weniger witzig ist dagegen die beißende Satire von „Big Time in the Jungle“, dem Antikriegslied aus der Sicht eines desillusionierten Vietnam-Veteranen, das direkt neben Country Joe McDonalds „Fixin’-To-Die-Rag“ in die Geschichtsbücher gehört.

          Mit zwei komplementären Songs zeigt die Gruppe dann, dass sie auch Gospel sicher beherrscht: „Take ’em Away“ meint die Ketten der Unfreiheit, vielleicht auch der Sklaverei; ein Müdegewordener klagt darin, er könne den Pflug nicht mehr ziehen, möchte sich endlich hinlegen und den Himmel betrachten, nach dem er sich sehnt. „I hear them All“ ist dann wohl die tröstende göttliche Antwort auf solche Gebete. Der, der alles hört, verspricht sogar noch mehr: „I hear leaders quit their lying / I hear babies quit their crying / I hear soldiers quit their dying, one and all“. Das ist auf so einfache Weise schön, dass es mühelos neben den großen Weltverbesserungssongs des ersten Folk-Revivals der sechziger Jahre stehen kann.

          Das zweite, zu dem man die Old Crow Medicine Show zählen darf, ist noch in vollem Gange. Im Sommer geht das Musikerkollektiv auf eine Gemeinschaftstour mit David Rawlings, Gillian Welch, Justin Townes Earle und den Felice Brothers - ein Traum Lineup, das leider bislang nur für Amerika gebucht ist. Wer dort nicht hinkommt, wird sich derweil mit dieser fabelhaften Songauswahl trösten können.

          Old Crow Medicine Show: „The Best of“. Nettwerk (Soulfood)

          Quelle: F.A.Z.

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