http://www.faz.net/-gsd-9fd0l

Album der Woche : Neue Hymnen für alte Hippies

  • -Aktualisiert am

Vier Jungs in großer Tradition: Greta Van Fleet Bild: Universal Music

Nur Epigonen von Led Zeppelin? Nein, weit gefehlt: Greta Van Fleet, eine Jungsbande aus Michigan, mischen mit ihrem Langspiel-Debüt „Anthem of the Peaceful Army“ die Rockszene endlich mal wieder so richtig auf.

          Allein durch ihre Expertise den ironisch-neidvollen Hass des Led-Zeppelin-Leadsängers Robert Plant auf sich zu ziehen, das kann eine Band namens Greta Van Fleet von sich behaupten. „Sie sind Led Zeppelin I. Ein hübscher kleiner Sänger. Ich hasse ihn“, so Plant in einem Interview. Nicht das schlechteste Urteil für ein paar einfache Jungs.

          Greta Van Fleet, das sind Danny Wagner, die Zwillingsbrüder Josh und Jake sowie ihr jüngerer Bruder Sam Kiszka. Alle sind sie nicht viel älter als zwanzig Jahre und werden von den wandelnden Traumfängern und Blumenkränzen des Coachella-Festivals schon jetzt um ihre mehr als stilechten Siebzigerjahre-Schamanen-Outfits beneidet, in welchen sie sich präsentieren.

          Den skurrilen Namen adaptierte die Band in leicht abgewandelter Form von Gretna Van Fleet, einer 87 Jahre alten Einwohnerin ihrer Heimat Frankenmuth. Das ist eine behütete Kleinststadt im amerikanischen Bundesstaat Michigan, berühmt für Brathähnchen und das weltgrößte Kaufhaus für Weihnachtsdekorationsartikel.

          Bereits im letzten Jahr hatte die Band ihre EPs „Black Smoke Rising“ und „From The Fires“ veröffentlicht, die von Rock-Festivals rund um den Globus geradezu in ihr Programm aufgesaugt wurden. Nun endlich erscheint ihr Debütalbum „The Anthem Of The Peaceful Army“.

          Als „Post-Millenial Led Zeppelin“ ist die Band seitdem bekannt. Die Kollegen von Wolfmother, einer Gruppe, die lange das Monopol der Zeppelin-Nachfolge innehatte, scheinen Greta Van Fleet mit ihrer beinahe tantrischen Mischung aus Rock, Blues und Soul längst, und auch nur wenig dezent, vom Podest gestoßen zu haben.

          Zwischen Trance und Erwachen

          Nicht nur die Transzendenzerfahrung des Treppenaufstiegs, wie in „Lover, Leaver (Taker, Believer)“, in dem in predigender Diktion „We found ourselves climbing the stairs“ wiederholt wird, kommt eigenartig bekannt vor.

          Auch Josh Kiszkas Art des Gesangs, so Robert Plant, habe er sich von jemandem geborgt, den er sehr gut kenne. Plants Wolfsgeheul hat Kiszka allemal drauf. Und das angeblich, ohne es zu wollen. Ganz natürlich ergebe sich seine Art zu singen, sobald die Band zusammenkomme. Und das ist nicht abwegig. Was hier improvisiert, konturlos wirkt, ist logische Konsequenz: eine Urgewalt, die sich Bahn bricht, getragen von der ächzenden und unausweichlich dominanten Gitarre.

          Eine verzweifelte Aggressivität, wie man sie aus Mick Jaggers Flehen in „Gimme Shelter“ kennt, mischt sich auf Greta Van Fleets Debüt mit einem tief benommenen Rausch („You’re The One“). Ein konstanter Schwellenzustand zwischen Trance und Wachheit.

          Josh Kiszkas Stimme hat in ihrem wilden, schrägen Katzenjammerklang auch etwas Androgynes, was sie nicht selten ein wenig lasziv wirken lässt, besonders im bereits vorab veröffentlichten „When The Curtain Falls“.

          Tatsächlich friedlich klingt dagegen die titelgebende „Anthem of the Peaceful Army“. Begleitet von einer Akustikgitarre, deren Existenz der Rest des Albums zu verleugnen scheint, erinnert Josh Kiszkas Intonation an Carole King und klingt damit derart Folk-artig, dass man fast meinen könnte, die Band säße hier gemeinsam mit The Grateful Dead ums Lagerfeuer, wenn der Chor mit „A tune to free the soul / A simple lyric to unite us all /…/ And the world is only what the world is made of“, einstimmt.

          Mehr als herabwürdigen würde es die Band daher, sie als lediglich ausgezeichnete Zeppelin-Coverband zu betrachten. Mal ganz davon abgesehen, dass in der umfangreichen elterlichen Plattensammlung, die die musikalische Früherziehung der Kiszka-Brüder prägte, offenbar auch die Hardrock-Band Rush nicht fehlte. Greta Van Fleets Kunst, das Songwriting des Folk mit der unbändigen Wucht des Rock zu verbinden, ist einzigartig.

          Weitere Themen

          Kopfüber in die Hölle und zurück

          Vergangenheitspolitik : Kopfüber in die Hölle und zurück

          Donald Trump, die Brexiteers und die AfD – sie alle versprechen ein besseres Gestern im Morgen. Doch auch Liberale und Linke sollten sich daran erinnern, dass sie das revolutionäre Potential des Rückschritts zu nutzen wussten.

          Topmeldungen

          Friedrich Merz, Annegret Kramp-Karrenbauer und Jens Spahn (v.l.n.r.), hier auf einer Veranstaltung in Idar-Oberstein, wollen Angela Merkel an der Parteispitze beerben.

          Zweite CDU-Regionalkonferenz : „Eine unbezahlbare Marketingshow“

          „Wir brauchen euch drei gemeinsam“, meint Julia Klöckner bei der zweiten Regionalkonferenz im Kampf um den CDU-Vorsitz. Doch die Kandidaten versuchen, sich von den Konkurrenten abzusetzen – zum Beispiel beim Migrationspakt. Mit Erfolg?
          Unser Sprinter-Autor: Felix Hooß

          FAZ.NET-Sprinter : Grüne Städte und weiße Elefanten

          Mit einer Abstimmung über den Migrationspakt will Jens Spahn für Transparenz sorgen. Donald Trump scheint die Heimlichtuerei Riads im Fall Khashoggi hingegen nicht zu stören. Was sonst noch wichtig wird, steht im FAZ.NET-Sprinter

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.