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Album der Woche : Ein Hauch von Nichts

Bild: Warner Music

Über Charlotte Gainsbourg hört man oft nur Biographisches. Aber wie klingt nun eigentlich ihr neues Album „Rest“, das zwischen Computerspielmusik und Chanson die letzten Tage der Disco heraufbeschwört?

          Ja, Charlotte Gainsbourg hat eine brisante Familiengeschichte. Ja, da gibt es immer wieder viel zu erzählen. Dann noch ihre prekäre Schauspielarbeit für Lars von Trier. Lemon Incest, Antichrist: Immer ein Hauch von Skandal. Zuletzt erschienen aus Anlass der Veröffentlichung ihres neuen Musikalbums wieder manche Interviews mit Fragen zum Vater Serge, zur Mutter Jane Birkin, zum Tod der Schwester Kate vor vier Jahren, wahrscheinlich durch Suizid. Und ja, diese Geschichten haben auch einige Songs auf der neuen Platte inspiriert.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Was dabei allerdings ein bisschen untergeht, ist die Frage: Wie klingt jetzt eigentlich dieses Album?

          Sein Grundgerüst sind Synthiepop-Sounds der Vergangenheit. Computerspielbegleitmusik aus den achtziger Jahren, Filmmusik zu Actionserien wie „Airwolf“ oder „Knight Rider“ kommt einem in den Sinn, unterlegt mit satten Discobeats. Darunter Mollakkordteppiche, dunkle Endlosigkeit, unterbrochen von den aufblitzenden Beats. Wenn man ein Bild für die Musik finden müsste, wäre es ein schwarzes Traumschiff. Weit, sehr weit darüber schwebt die irisierend-jenseitige Stimme von Charlotte Gainsbourg: ein Hauch von Nichts.

          Musikvideo : „Deadly Valentine“ von Charlotte Gainsbourg

          Schon öfter hat die Sängerin Giorgio Moroder als Inspiration genannt. Moment mal - Giorgio Moroder und französische Popmusik der Gegenwart, da war doch was? Richtig, das Duo Daft Punk hat dem Gottvater der elektronischen Tanzmusik auf seinem Meta-Popalbum „Random Access Memories“ vor kurzem ein Denkmal gesetzt in Form einer Mini-Symphonie, die mit Maschinenmusik beginnt und dieser langsam wieder menschliches Leben einhaucht: will sagen, Guitar, Bass and Drums, gespielt von überaus kunstfertigen Händen, Rückkehr der Improvisation in die Disco.

          Im Gegensatz zu diesem Meisterstück klingt die Musik auf Gainsbourgs Album, das muss man so sagen, steril und kalt. Aber genau das ist bei der Produktion durch den französischen Electro-Künstler namens SebastiAn vermutlich auch beabsichtigt, um den maximalen Kontrast zu ihrer zart-flüsterigen, oft noch genauso kindlich wie 1984 klingenden Stimme, zu erzeugen. Maximal verletzlich, maximal fragil.

          Musikvideo : „Ring-A-Ring O' Roses“ von Charlotte Gainsbourg

          Eine Art böses Kinderlied ist denn auch eines der eingängigsten: „Ring-a-Ring O' Roses“ spielt im Refrain mit einem englischen Kinderreim, während die französischen Strophen eine Geschichte der ersten Male erzählen: erster Kuss, erste Liebe, erster Rausch. Aber dann auch: erstes Kind, und zwar eines, das hier als quäkendes Monster bezeichnet wird: In solchen Momenten kriecht der große Ennui, vielleicht auch Lebensekel, von der Musik- auf die Textebene.

          Bleiben oder gehen?

          Auf Ihren bisherigen Alben hatte Charlotte Gainsbourg sich die Lyrics meist schreiben lassen, unter anderen von Jarvis Cocker und Neil Hannon. Nun setzt sie erstmals auf eigene Texte, und die sind sperriger, oft nur hingetupft aus momentanen Kleinwahrnehmungen.

          Im Musikvideo zu „Ring-a-Ring O' Roses“ wird das Thema von Jugend und Alter dann auch noch visuell verstärkt: Es spielt mit der frappierenden Ähnlichkeit zwischen Charlotte Gainsbourgs seltsam altersloser Erscheinung und jener eine jungen Mannes, vielleicht sogar noch Knaben. Aber so knackig die Körper in diesem Video auch aussehen, die Musik durchweht ein Hauch des Todes, der auch dem Albumtitel eingeschrieben ist. „Rest“ heißt es, und man könnte „in peace“ ergänzen. Aber es ist auch ein hübsches Wortspiel mit dem Französischen, denn „Reste / avec moi“, bleib bei mir, raunt die Stimme in dessen Refrain.

          Musikvideo : „Rest“ von Charlotte Gainsbourg

          Bei dem Lied „Rest“ ist dann tatsächlich auch eine Hälfte von Daft Punk beteiligt, nämlich Guy Manuel de Homem-Christo. Aber wie um Erwartungen zu brechen, gibt er diesem Stück nun gerade nicht seinen Robotermusik-Touch mit dicken Bässen, sondern ein extrem spärliches Gewand aus Melodiefragmenten vom E-Piano. Charlotte Gainsbourgs Stimme klingt hier eindringlich nah, wie ins Ohr gesprochen. Das Todesthema kulminiert schließlich in dem Stück „Lying With You“, das von Charlottes Totenwache neben ihrem aufgebahrten Vater Serge Gainsbourg handelt:

          Laisse-moi donc imaginer

          Que j’étais seule à t’aimer

          In anderen Liedern sind Ansätze von alten Chansonmelodien zu hören, dann aber auch abgebrühter Funk, ausgerechnet bei einem Lied über die Dichterin Sylvia Plath. Und überraschend ist schließlich auch noch der Gastbeitrag von Paul McCartney, „Songbird in a Cage“, der wie eine dreimal durch den E-Wolf gedrehte Kirmes klingt. Ist das ganze Album am Ende auch eine Art Totenwache für die Discomusik? Aber das wäre ja auch schon bei Gruppen wie Goldfrapp oder Air der Fall, die Charlotte Gainsbourgs Stil seit Jahren mitgeprägt haben. Mit „Rest“ knüpft sie an die Stimmung ihres Albums „5:55“ wieder an, und man fährt auf dem wie in Zeitlupe sich fortbewegenden Schiff gerne weiter mit.

          Charlotte Gainsbourg: „Rest“. Warner Music

          Quelle: Faz.net

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