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Album der Woche : Sie sitzt jetzt mit am Tisch

  • -Aktualisiert am

Kelela beim Quebec City Summer Festival im Juli Bild: AFP

Ein beeindruckendes Debüt: Mit „Take Me Apart“ schießt Kelela, amerikanische Tochter äthiopischer Einwanderer, direkt in die Riege großer schwarzer Musikerinnen, die Empfindsamkeit als Stärke begreifen.

          Er klingt metallen und glimmt wie Glut, der erste Ton auf „Take Me Apart“. Über seinem Tremolo schweben helle, geisterhafte Klänge, die an eine Glasharfe erinnern. Dem unbestimmten Synthie-Spuk setzt Kelela Mizanekristos eine Abrechnung entgegen: „Since you took your time / You should know why / I'm quitting“, singt sie mit honigsüßer Stimme. Im Hintergrund flirrt die Hochspannung weiter. Erst, wenn der Beat der Hookline einsetzt, entlädt sie sich – in einem Refrain, den man nicht mehr aus dem Kopf kriegt.

          Damit ist „Frontline“ freilich eher die Ausnahme auf Kelelas Debütalbum. Nichtsdestotrotz kondensiert es den vielschichtigen Zauber ihrer Musik wie kein anderer Track auf „Take Me Apart“. Beginnen wir also mit diesem metallischen Glimmen, das eigentlich genauso unmöglich ist wie warme Gefühlskälte oder kalter Soul. Anders aber ist das gewichtlose Falsett der Sängerin kaum zu beschreiben.

          Mit ihrem feinen Timbre stimmt Kelela Melodien an, die mal improvisiert und leichtfüßig wie Abzählreime klingen, mal wie der Nachhall gängiger Dance- und R’n’B-Hits um die Jahrtausendwende. Nur besser, spezieller, eigen. Etwa die Uptempo-Nummer „Waitin“, zu der im Hinterkopf sofort Jennifer Lopez’ „Waiting for Tonight“ anspringt. Kelelas Version ist mutiger, und das in gleich doppelter Weise. Erstens, weil sie die Tempi wechselt, ohne dass der Track auseinanderfällt oder die Tanzstimmung großartig irritiert würde. Zweitens, weil sie die Hörer näher an sich heranlässt, als J-Lo es wohl je vermocht hätte. Zwar sind Intimität und Verletzlichkeit auf „Take Me Apart“ durchweg Programm. Aber von einem tanzbaren Beat getragen kommen so emotionale Themen doch gewagter daher als die sonst so einseitige Innenschau.

          Kelela : Kelela- LMK

          Zumal vergleichbare Lieder der Kolleginnen, also solche, die von Begegnung und Verführung handeln, sonst eher dominant, um nicht zu sagen militant wirken. Beyoncé etwa sang noch „Six inch heels, she walked in the club like nobody's business / Goddamn, she murdered everybody and I was her witness“. Wenn hingegen Kelela den Club betritt, verzichtet sie darauf, sich durch Unnahbarkeit interessant zu machen. Die Sängerin reizen Begegnungen auf Augenhöhe – selbst, wenn es nur für eine Nacht ist, davon singt sie in der Single „LMK“. Jeder, der es genauso hält, solle der queeren Künstlerin einfach ein eindeutiges Zeichen geben; das sei ja nun wirklich nicht so schwer, so ließe sich die entsprechende Zeile übersetzen. Im Song „Waitin“ ist von der selbstbewussten Eindeutigkeit nicht viel übrig. Wohl aber von der Haltung, sich selber treu zu bleiben. Hat Kelela eben noch auf das besungene Zusammentreffen hingefiebert, weiß sie im entscheidenden Moment doch nicht, was sie sagen soll. Man zuckt kurz angesichts der Offenheitsoffensive. Im Kontext eines Zeitgeistes, der das Eindeutige und Explizite bevorzugt, scheint dieses Eingeständnis von Unschlüssigkeit jedoch reaktionär.

          Kelela : Kelela „Take me Apart“ - Track by Track

          Kelela Mizanekristos, geboren 1983 als Tochter eines äthiopischen Paares in Washington D.C., schließt mit ihrem Album auf zu der Riege jener Musikerinnen, die das Selbstbild schwarzer Frauen zu stärken suchen, indem sie die eigene Empfindsamkeit als Stärke begreifen und ihre Gefühle entsprechend entschlossen thematisieren. SZA und Solange gehören zu dieser Avantgarde. Letztere holte Kelela für ein Feature auf ihr gefeiertes „A Seat At The Table“, das war vor gut einem Jahr. Der Gastauftritt war aber nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Die Vorfreude der Musikwelt staut sich bereits seit 2013. Damals veröffentlichte Kelela „Cut4Me“. Auf dem Mixtape bogen die im Jazz und Punk bewanderte Sängerin und ihre Freunde vom Label Fade To Mind aus Los Angeles und Night Slugs aus London den R’n’B-Begriff, testeten seine Grenzen und verabreichten ihm Grime und Dubstep-Infusionen. Er hielt stand. Ihr Plan ging auf.

          Auf „Take Me Apart“ reiben sich erneut die Gegensätze, dass die Funken sprühen. Dass Kelelas federleichter Gesang nicht in allzu verträumtes Lummerland abdriftet, ist dunkel dröhnenden, tief grollenden Produktionen zu verdanken. Stimme und Maschinenmusik konterkarieren sich so gekonnt, dass es sich wie Ergänzung anfühlt. Wenn Kelela Töne in sphärischen Höhen anstimmt, deren Echos sich über gerade Verhallendes legen, bis alles dicht wie Nebel zwischen den Gehörgängen hängt, sorgt Popcorn für Bodenhaftung: Drums, die wie Popcorn in der Mikrowelle ploppen, um genau zu sein, so wie im Track „Enough“. Wenn hingegen die Maschinen freischwebende Synth-Pop-Schlieren ziehen, erdet Kelelas Stimme den Sound. Verantwortlich für diesen zeichnen unter anderem Arca, bizarrer Schöpfer postindustrieller Kammerstücke und Ariel Rechtshaid, dessen Produktionen für Vampire Weekend mit dem Grammy ausgezeichnet wurden. Gemeinsam mit Kelelas alter Gang gestalten sie den Sound für den Zwischenraum, den die Sängerin aufgetan hat; irgendwo zwischen weichgezeichneter Nostalgie und stählernem Futurismus.

          Kelela: „Take Me Apart“. Warp (Rough Trade)

          Quelle: FAZ.NET

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