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Album der Woche: Michael Wollny : Überquert die Grenze, schließt den Graben!

Hörprobe: „Engel“ Bild: ACT Publishing

Das neue Album des jungen Pianisten Michael Wollny ist ein Ereignis: Mit jeder Note, mit jedem Beat von Bass und Schlagzeug plädiert er dafür, die Unterscheidung von U- und E-Musik endlich einzuebnen.

          Das erste Lied muss ein Wald sein. Winterwald, gebietsweise zuckrig, dazwischen aber klaffen kahle Stellen, schwarzschweigend. Der Kontrabass tapert da durch, als drohte er jeden Moment auf den dunklen Wegen einzubrechen, Lochfallen oder Schnappfallen fürchtend, das Schlagzeug begleitet ihn so zaghaft, dass es seinen Namen noch nicht verdient.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Die beiden sind auf der Spur des Klaviers, langsam, im Sicherheitsabstand. Auf einer Lichtung bleibt es stehen, die Verfolger warten hinter den Zweigen, doch dann bemerkt es sie. Es schlägt einen siebentönigen Hasenhaken aus verstörenden Intervallen, und weg ist es.

          In reduzierter Besetzung

          Ein Klavier im Schnee: Sind wir hier etwa bei Supertramp? Nein, es handelt sich um eine Phantasie von Alban Berg mit dem schlichten Titel „Nacht“, das erste aus dem Zyklus seiner „frühen Lieder“, komponiert 1907 für Orchester und Stimme, neutönend schräg und doch noch romantisch.

          Und jetzt wird dieses Stück Musik von einem Jazztrio gespielt. Der Pianist Michael Wollny hat es vollkommen umgekrempelt, der Stimme entkleidet, Harmonien verschoben und es zarter, sanfter gebettet, aber auch ohne Gesang atmet es noch die Worte des Librettos von Carl Hauptmann: „Trinke Seele! Trinke Einsamkeit!“

          Wollny hat bei dieser Aufnahme nicht seine große Besetzung „Wunderkammer XXL“ dabei, sondern mit Tim Lefebvre und Eric Schaefer an Bass und Schlagzeug die Reduktion gewählt. Aber eine Wunderkammer ist dennoch jede einzelne seiner Bearbeitungen und Eigenkompositionen auf dem Album „Weltentraum“.

          Fragmentierte Romantik

          Er nimmt eine fast siebenhundert Jahre alte Liedform desChoral-Avantgardisten Guillaume de Machaut und beamt auch sie in den Zauberwald des Jazztrios. Direkt darauf folgt eine Komposition namens „Fragment an sich“ nach Friedrich Nietzsche, darauf wiederum ein Song aus einem Film von David Lynch.

          Was steht also zu erwarten, wenn dann auch noch das deutsche Volkslied in die Transformationskammer kommt? In einem kühlen Grunde, da geht ein - Breakbeatschlagzeug. Kontrabassmassaker. Darüber freie Jazzimprovisation an den Tasten. Die romantische Weise vom Mühlrad zerlegt Wollny in Einzelteile, in einem Fernsehbeitrag hat er es jüngst sehr anschaulich demonstriert. Er habe die Akkorde „leicht verändert“, grinst er dabei verschmitzt. Es ist eine völlige Entstellung des kühlen Grundes, aber vielleicht doch nur zur Kenntlichkeit als dunkles Loch: Dass man als Spielmann reisen, als Reiter fliegen, ja, am liebsten sterben möchte, weil die Liebste die Treue gebrochen hat - diese zunehmend verzweifelten Wünsche der Eichendorffschen Herzbruchlyrik macht Wollnys Combo schmerzhaft gegenwärtig nachvollziehbar.

          Stete Rückkehr zur klaren Form

          Nun sind überraschende Arrangements und kuriose Coverversionen im Jazz zwar gewiss nichts Neues. Aber wie der fünfunddreißigjährige Wollny hier heterogenes Material aus Jahrhunderten verschmilzt und dann auch noch mit einer sehr eigentümlichen Legierung versieht, ist schon erstaunlich. Ausgerechnet das zynische David-Lynch-Stück „In Heaven“ mutiert hier zur Jazzversion einer eingebildeten Marching Band, die, obwohl kein einziges Blasinstrument zu hören ist, das breite Grinsen eines Louis Armstrong im Gesicht zu tragen scheint.

          Wann immer Wollny dann doch auch der Solo-Improvisation an seinem Instrument Raum gibt, lässt er sie nie zu sehr in die selbstgefällige Aleatorik des Free Jazz ausufern: Es gibt, das ist die Leistung des Trios, doch immer wieder Begrenzung durch klare Form, die emotionalen Halt bietet. Das gilt sogar, wenn es an Stücke von Paul Hindemith oder Wolfgang Rihm geht, dessen harmonische Herausforderung „Hochrot“ hier durch Besenschlagzeug grundiert wird.

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