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Album der Woche: Jajouka : Wie klingt eigentlich 4000 Jahre alter Rock ’n’ Roll?

  • -Aktualisiert am

Bild: Howe Records

Zauber des Ziegengotts: Ein Rock- und Weltmusikprojekt ehrt die marokkanischen Master Musicians of Jajouka. Ihre wundersame Musik nistet sich wie ein Virus in unsere Gehörgänge ein.

          Wie ein angriffslustiger Hornissenschwarm umkreisen die grellen Obertöne der Ghaitas den Hörer, erinnern an schmetternde Trompeten und haben zugleich narkotisierende Wirkung. Über komplexen Rhythmusteppichen entfalten pulsierende Klangflächen der oboenähnlichen Instrumente eine meditative Sogwirkung. Exotik und Esoterik, Avantgarde und Archaik mischen sich bis zur Ununterscheidbarkeit. William S. Burroughs nannte die Master Musicians of Jajouka „eine viertausend Jahre alte Rock-’n’-Roll-Band“. Und ihr Leiter Bachir Attar ist überzeugt: „Unsere Musik ist einzigartig, sie heilt Wahnsinnige, sie macht Kranke gesund und sorgt für Frieden.“

          Sie gelten als musikalische Sachwalter eines uralten Pan-Kults und leben in dem kleinen Dorf Jajouka in den Ahl-Srif-Bergen des südlichen Rif-Gebirges in Marokko. Der Legende zufolge wurde den Master Musicians die einzigartige Musik vom Ziegengott Bou Jeloud geschenkt. Später identifizierte man diesen „Vater des Schreckens“ mit Pan, dem Gott des Deliriums und Schöpfer der Fruchtbarkeit. Deshalb wird die hypnotische Ritualmusik bis heute bei einem örtlichen Erntefest gespielt.

          Über Stunden bauen sich die schleifenartigen Melodien auf, die den Zuhörer alsbald in Trance wiegen. Polyrhythmische Verwirrspiele auf Zylindertrommeln, kleinen Bechertrommeln, darüberschwebende Sounds der Doppelrohrblattinstrumente Ghaitas und Bambusflöten - all das schafft im Idealfall einen mythischen Erlebnisraum. Dabei ist die Überlieferung der fremdartigen, für westliche Ohren rhythmisch kaum nachvollziehbaren Klangchimären streng geregelt: Nur jeweils ein Sohn eines Mitglieds des Musikerensembles kann neuer Master Musician werden, die Struktur der komplexen Stücke bleibt Familiengeheimnis.

          Der Rolling Stone Brian Jones als Pionier

          Schon in den Fünfzigern waren Schriftsteller wie Paul Bowles, Brion Gysin oder William S. Burroughs auf ihren Marokko-Reisen von den ekstatischen Klängen der Master Musicians fasziniert. Noch bekannter wurde die Musik durch den Rolling-Stones-Gitarristen Brian Jones, der im Juli 1968 nach Jajouka reiste und dort Aufnahmen machte. Erst drei Jahre später, nach seinem Tod, wurden sie auf dem Rolling-Stones-Label veröffentlicht und später oft als „erste World-Music-Aufnahme“ gefeiert. Ein Saxophonist wie Ornette Coleman soll seine legendären „Harmolodics“ sogar erst im Zusammenspiel mit den Master Musicians zur vollen Blüte gebracht haben.

          CD der Woche : The Master Musicians of Jajouka: „The Road to Jajouka“

          Es war das erklärte Ziel von Brian Jones, die rhythmischen Elemente aus Jajouka in die Musik der Rolling Stones zu integrieren. Nicht zufällig sieht man deshalb in dem „Sympathy For The Devil“-Dokumentarfilm von Jean-Luc Godard aus dem Jahr 1968, wie Charlie Watts eine typische Jajouka-Trommel spielt.

          Um die Deutungshoheit der uralten Ritualmusik setzte allerdings bald ein Kampf rivalisierender Familienstämme ein: die weltläufigen Master Musicians of Jajouka unter der Leitung von Bachir Attar öffneten sich zunehmend in Richtung Rock, Jazz, Trance und Fusion, während die konservativeren Master Musicians of Joujouka mit Bachirs Cousin Ahmed El Attar jegliche Kompromisse ablehnten. Seitdem dauern die Debatten an, ob hier das heilige Erbe einem flüchtigen Kommerzstreben geopfert und das rituelle Wesen der Musik an den globalen Pop-Markt verraten wird. Dabei helfen die Kooperationen mit Remix-Meistern wie Bill Laswell oder Talvin Singh, die sperrige Musik aus Jajouka zu popularisieren und westlichen Ohren zugänglicher zu machen.

          Untergründige Verbindungsadern in unsere Zeit

          Das jetzt erschienene Album „The Road To Jajouka“ zieht eine Art Summe all jener Interpretationsversuche, die bereits 1968 mit Jones ihren Anfang nahmen, als der die Aufnahmen aus Jajouka mit Hall, Echo und Phasing garnierte. Rockmusiker von Grateful Dead, Red Hot Chili Peppers oder Sonic Youth haben jetzt ihre Instrumente im Spiel, Jazz-Saxophonisten wie Ornette Coleman oder John Zorn konkurrieren mit den Ghaita-Bläsern, Trance-Mix-Experten wie Bill Laswell oder DJ Logic reichern die jahrtausendealten Klänge mit zeitgenössischer Elektronik an. Selbst das London Philharmonic Orchestra sucht nach untergründigen Verbindungsadern der Sufi-Ritualmusik zu zeitgenössischer Klassik.

          Musikalischer Ringrichter in dieser provokanten Produktion ist Billy Martin, Schlagzeuger des Jazztrios Martin, Medeski & Wood. Sein Freund, der Filmemacher Jim Jarmusch, beschreibt den Remixing-Prozess des Albums als „organische Transformation“. Von Urlaubsfolklore ist diese Musik meilenweit entfernt, dazu ist sie zu eindringlich, angsteinflößend, ja bisweilen bedrohlich. Doch ihr Energieausstoß ist ansteckend, nistet sich wie ein Virus in den Gehörgängen ein.

          Da umschmeichelt eine uralte Bambusflöte das stotternde, bluesige Banjo-Spiel von Marc Ribot. Die sich windenden Vokalismen der indischen Sängerin Falu treffen auf das federnde Bassspiel von Flea, während John Zorn mit seinem Altsaxophonspiel Löcher in den Himmel zu brennen scheint. Der Gitarrist Lee Renaldo steuert eine pastorale Meditation bei, die näselnde Ghaita von Bachir Attar klingt derweil wie ein Sopransaxophon auf Speed. Ornette Coleman schmiegt sich den Herzschlagrhythmen der Master Musicians an, als wäre er sein Leben lang einer von ihnen gewesen.

          Vor fünfzig Jahren beschrieb Brion Gysin seine erste Erfahrung mit den Master Musicians of Jajouka: „Die Musik kippt um in Hysterie, Angst, Unzucht. Ein Kloß aus Lachen und Weinen in der Kehle, Kitzel der Panik.“ Die postmoderne Lesart dieser Ritualmusik auf dem neuen Album funktioniert nicht nur, sie scheint für westliche Hörer das transzendente Potential der uralten Klangmassen noch zu steigern.

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