http://www.faz.net/-gsd-9830v

Album der Woche : Wenn wir das nächste Mal heiraten

  • -Aktualisiert am

Etwasgesetzter als früher, aber immer noch gut für die Disco: The Fratellis Bild: Nicky J Sims

Nachgeburt des Pop aus dem Geiste des Pubs: Die Fratellis sind zurück, und nach zwei Eiertanz-Alben klingen sie endlich wieder frisch, frei und hymnenstramm.

          Whisky und Shortbread machen zäh. Wackere Schottenrocker, brave at heart, lassen sich jedenfalls vom Ende des Britpops nicht beeindrucken. Vielleicht darf man sie sich selbst als mythische Figuren vorstellen, die Libertines als Untote, die durch irgendein Castle spuken, die Mitglieder von Franz Ferdinand als verfluchte Internatsschüler, die für alle Ewigkeit in einem löchrigen Boot auf Loch Ness im Kreis rudern müssten, und Belle & Sebastian als barocke Schöngeister in kitschiger Einhorn-Kutsche. Unbekümmert trällern sie alle vor sich hin.

          Da aber donnern mit „Whohoo“-Gejohle die Partyproleten aus Glasgow um die Ecke, ein unkontrolliert durch die Highlands schlingernder Jeep, der sich schon mehrfach überschlagen hat – Scheiben zerschmettert, Ersatzrad weggeflogen –, aber in dem Jon Fratelli, der zauselige Fahrer, um nichts in der Welt den Fuß vom Gas nehmen würde. Und ja, tatsächlich, sie können’s noch, die alten Pub-Rocker.

          Dabei hatte die Band keinen kleinen Anteil daran, dass man sie nach mehr als einem Jahrzehnt immer noch mit ihrem größten Hit identifiziert, dem stampfenden Stadionkracher „Chelsea Dagger“ von 2006. Nach dem wuchtig eingeschlagenen Debütalbum, das zwar das Rad nicht neu erfunden, aber kräftig in Schwung gesetzt hatte, folgten drei Alben, die nicht schlecht waren, aber eben auch nicht besonders originell. In „Here We Stand“ (2008), der besten dieser Platten, rückte man von den karnevalesken Mitgrölrefrains ab, aber es fehlte ein echter Hit.

          Das nächste Werk versammelte ideenlosen Indierock und hieß „We Need Medicine“ (2013), was man für einen sprechenden Titel halten konnte. Gewaltsam versuchte das Trio danach das Comeback: „Eyes Wide, Tongue Tied“ (2015) deckte eine ultrabreite Palette von Stadionhymnik über verzappelten Rockabilly bis zu Westerngitarren-Folk ab. Das Ergebnis wirkte ordentlich, aber bemüht und belanglos.

          Wie ein Hund in der Hitze

          Jetzt also legen die Wahl-Brüder (eben „Fratelli“) ihr fünftes Album vor. Und Halleluja: Es wirkt so erstaunlich frisch und locker wie lange nicht. Als würden die alten Partyhasen noch einmal zeigen wollen, wer die längsten Löffel hat. Der Produzent hat nicht gewechselt, es ist – wie beim Debüt und dem letzten Album – der berühmte Indiepop-Abmixer Tony Hoffer aus Los Angeles, der Jon, Barry und Mince erneut überzeugt haben mag, dass Reduktion die Sache der Fratellis nicht sein darf. Sixties-Pop, Glamrock, Disco-Funk, Britpop, Weltmusik, chorische Refrains und eingängige Melodien: So breitwandig ein solcher Großaufschlag die Platte macht, gerät der Band der Sound diesmal aber nie aus dem Griff. Jede Note sitzt, jede Zeile auch: „Like a dog in heat I just can’t be indiscreet“.

          Flott und kalauernd eröffnet das Album mit dem Ohrwurm „Stand Up Tragedy“: scharfe Gitarrenriffs, wildes Piano, „Oh ooh“-Anleihen bei den Stones und bereits dieser Falsett-Gesang, der sich als Erkennungszeichen des ganzen Albums herausstellen wird. Das folgende „Starcrossed Losers“ mit seinen „Romeo, Romeo“-Refrains ist schönster, radiotauglicher Mitwipp-Pop. Dann nimmt die Band ein wenig Tempo heraus („Sugartown“), und spätestens beim unwiderstehlichen Feelgood-Stück „Told you so“, das in Wellen über den Hörer schwappt, merkt man, mit wie viel Lust die Fratellis sich diesmal in die melodischen Refrains geworfen haben, die uns – Ironie hin oder her – fast in Trance singen. Es folgt einer ganze Reihe perfekt gebauter, zackig hämmernder, stadiongroß inszenierter Nummern: die Prince zunickende Single „The Next Time We Wed“ – da wird nämlich alles anders –, das opulente „I’ve Been Blind“ oder das wunderbare Spaßstück „Laughing Gas“. Alle sagen im Grunde ganz unprätentiös dasselbe: Unsere Disco braucht uns immer noch.

          „Advaita Shuffle“ ist der experimentellste Song des Albums, aber das heißt nicht viel, denn auch dieser mitreißende Abstecher in die psychedelischen Siebziger lässt sich mit einem Pint kalten Lagers in der Hand astrein wegschädeln. Funky können die Fratellis ebenfalls, wie sie mit „Indestructible“ zeigen. Nach zehn gelungen enthusiastischen Gute-Laune-Songs, die vielleicht nicht in alle Ewigkeit überleben werden (aber ist Partymusik nicht ohnehin Verbrauchsware?), führt uns das episch breite Abschluss-Stück „I Am That“ auf die saftigen Auen des wogenden Glamrocks mit psychedelisch quietschender Sitar und himmelaufreißendem Background-Chor. Beatles und T.Rex waren ja noch nie verkehrt als Referenz. Überhaupt ist fast nichts verkehrt an dieser Platte: Whisky, Shortbread, Vollgas und Hundehitze, mehr kann man vom Scotpop nach dem Ende des Britpop kaum erwarten.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Neuer Daimler-Chef : Kapitänswechsel in stürmischen Zeiten

          Nach 13 Jahren an der Spitze von Daimler hört Dieter Zetsche als Vorstandsvorsitzender auf. Sein Nachfolger wird sich nicht ausruhen können, denn der Autohersteller hat mit vielen Problemen gleichzeitig zu kämpfen.
          Gegenwind: Die Flagge der Europäischen Union flattert vor deren Hauptquartier in Brüssel.

          Nebenkosten im EU-Parlament : Brüssels geheime Rechnungen

          Eine Pauschale sorgt in Brüssel für Unmut. Journalisten forderten die EU vor zwei Jahren auf, die Verwendung der Gelder der „allgemeinen Kostenvergütung“ offen zu legen. Das Gericht der Europäischen Union hat nun dagegen entschieden.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.