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Album der Woche : Ihres Vaters Tochter

Wie eine Hollywood-Schönheit aus der klassischen Ära: Jade Jackson holt auch musikalisch tief Luft. Bild: Anti

Sie stammt aus der W-Lan-freien Zone, half im elterlichen Restaurant – und hatte mit siebzehn schon 375 Songs geschrieben. Mit denen auf ihrem Debütalbum „Gilded“ könnte Jade Jackson der leuchtende Stern am Countryrock-Himmel werden.

          Immer diese Listen! Als der „Rolling Stone“ im Spätwinter „10 neue Country-Künstler, die man kennen muss“ offerierte, fragte man sich: Gibt es überhaupt noch so viele? Und: Warum „muss“ man die denn alle kennen - reichen nicht auch acht oder drei, wenn es drei sehr gute sind? Im Grunde reicht sogar einer, egal, ob männlich oder weiblich. Wenn es aber eine Frau sein soll und der Country Schnittmengen zu Folk und Blues haben darf, dann fallen einem, außer Tift Merritt natürlich, von den zeitgenössischen oder zumindest hierzulande noch gar nicht richtig entdeckten vielleicht noch Beth Bombara und Haley Bonar ein.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

              Und sonst? Der „Rolling Stone“ erwähnte noch eine gewisse Jade Jackson aus der mittelkalifornischen Küstenkleinstadt Santa Margerita, keine dreizehnhundert Einwohner, eine ausgesprochen ländliche Gegend, in der man über dem bei trockener Hitze flimmernden Asphalt schon mal einer Townes-van-Zandt-Fata-Morgana begegnen oder das Gefühl haben kann, die Fliegen summten einem Merle-Haggard-Melodien ins Ohr; eine Gegend aber auch, in der man sich, wenn man jung ist und glaubt, dass man der Welt etwas mitzuteilen hat, schon mal langweilen kann, besonders, wenn es zu Hause kein Fernsehen und keinen sonstigen Medienschnickschnack gibt (Internet sowieso nicht).

              In dieser W-Lan-freien Zone ist Jade Jackson aufgewachsen. Sie hat, wie ihre Geschwister, im elterlichen Restaurant ausgeholfen und, wie man nun nach Erscheinen ihres Debüts sagen muss, auch sonst ihre Zeit sinnvoll verbracht. Noch bevor sie mit der Schule fertig war, hatte sie schon 375 Lieder geschrieben - mehr als Dylan in seinen ersten Berufsjahren. Hier, ganz im Verborgenen, blühte also ein kleiner weiblicher Mozart des Singer-Songwriter-Country heran, der sich mit Fleiß und Talent den Ruf einer Kaffeehaus-Berühmtheit erspielte, die erste Musikerin auch, die es sich zum Ziel gesetzt hatte, den klaren, abgrundtief verzweifelten Geist Hank Williams' mit dem trübtassigen Goth-Folk erheblich jüngeren Datums irgendwie zu mischen. Und wie sie so, immer ein eigenes Liedchen auf den Lippen, bei Mom und Dad so ausdauernd kellnerte, siehe, da trat eines Tages Mike Ness von der Punkrock-Gruppe Social Distortion aus Südkalifornien in ihr langweiliges Leben, dessen Frau mit Jades Mutter seit Highschool-Zeiten befreundet war. Ness bot sich ihr als Plattenproduzent an, bestand aber darauf, dass sie sich monatelang nur „Car Wheels On A Gravel Road“ von Lucinda Williams anhörte, dieses bis heute gerühmte Gründungsdokument einer neuen, weiblichen Countryrocker-Generation.

              Der Verschnitt aus Country, Punk und Singer-Songwriter-Folk, der nun auf "Gilded" genossen werden kann, ist nicht nagelneu - wer die großartige kanadische Band Elliott Brood schon einmal gehört hat, weiß, dass eine solche Mischung, die in der klassischen Ära undenkbar war, schon seit mindestens einem Jahrzehnt herumgereicht wird. Aber sie ist äußerst schmackhaft. Natürlich: Im Wesentlichen ist das Country und wird auch unter diesem Begriff einsortiert. Aber die behutsam zur Schau gestellte Empfindsamkeit, die abgeklärten Texte, die keineswegs glatte Produktionsweise, kurz: der leichte, aber durchgehaltene Hang zum Ausscheren aus dem Mainstream - dies alles sorgt dann doch für die ein oder andere Ecke oder Kante. Es ist jedenfalls nicht Taylor und auch nicht Shania Twain. Deswegen wird diese Sängerin nach menschlichem Ermessen auch nicht in die Dimensionen dieser Kolleginnen vorstoßen; dafür ist sie einfach zu gut. Um sich einen Eindruck von ihrer Platte zu verschaffen, braucht man nur die allerersten Zeilen (aus dem Auftaktlied „Aden“) zu hören: „I grew up my father's daughter / He said don't take no shit from no one / You'll never see me cry / 'Til now I've had no reason why“ - diese wuchtige, fast schon archaische Einfachheit, die man sonst nur von den alten Country- und Blues-Heroen kennt, ist so frei von jeder Verquältheit, dass man sich wundert, wie ein so junger Mensch eine solche Schicksalsergebenheit mit solcher musikalischen Anmut zu verbinden weiß. Und immer dengelt dazu die Gitarre (natürlich nicht so ruppig wie bei Social Distortion), ab und zu zirpt eine Mandoline oder fiedelt eine Geige.

              Was diese schöne Frau mit dezenter Heiserkeit vorträgt, entbehrt so ganz des Neckischen oder des keck Tabubrecherischen. Ihre Lyrik steckt voller Wehmut, und manchmal scheint es, als habe sie die Illusionen, von denen sich andere irgendwann verabschieden, nie gehabt. Hier textet eine erstaunlich Frühreife, der es gelingt, alltäglichen Momenten oder Bildern so etwas wie Lebenssinn oder eben auch ein bitteres Resümee einzuhauchen: „Flippin' tapes in the tape deck / She was rollin' up and lightin' up our cigarettes / Red ash in the still night / Learning to leave our love behind / Gas station stops, Arizona Ice Tea cans / Filled with shells of sunflower seeds / We both cried when we reached the coast line / Learning to leave our love behind", so heißt es in "No guarantees“, einer der beiden überragenden Balladen - man sieht, die Beschallung mit Lucinda Williams hat geholfen.

          Jade Jackson: „Gilded“. Anti/Epitaph (Indigo)

          Quelle: F.A.Z.

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