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Album der Woche : Geschüttelt, nicht gebrochen

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Sehnen sich nach guten Zeiten: Die Jungs der schwedischen Rockband Mando Diao. Bild: BMG

Zwischen Gospelchor und Kinderdisco: Die schwedische Rockband Mando Diao ist zurück und feiert auf ihrem neuen Album „Good Times“ gute Zeiten mit schlechten Texten.

          Kommt einer Band ihr Sänger abhanden, folgt entweder Ersatz oder Stillstand. Was von Queen noch übrig blieb, tourt daher mit Sänger Adam Lambert und AC/DC hat mit dem (temporären) Einsatz von Axl Rose bereits den zweiten Wechsel überstanden. Den Wirbel kann sich sparen, wer von vornherein einen zweiten Frontmann in Reserve hat. Das gilt für die britisch klingende, aber aus Schweden stammende Band Mando Diao, die mittlerweile auf eine mehr als zwanzigjährige Geschichte zurückblickt und wohl zu den erfolgreichsten europäischen Bands der letzten Jahre zählt. Nach dem Ausstieg von Frontmann und Gitarrist Gustaf Norén im Jahr 2015 war der Band noch immer ihr zweiter Kopf Björn Dixgård geblieben, der nun mit neubesetzter Truppe und dem Album „Good Times“ aus der Beinahe-Versenkung zurückkehrt.

          Das Klavierstück „Break Us“, spielt mit den Worten „All the wars we fought, all the love we lost / It won’t break us“ auf die überwundene Krise an und gibt den folgenden Schlachtruf zu verstehen, nach dem der Song „Shake“ klingt und im dazu vorab veröffentlichten Video auch aussieht: Harte Kerle (und Kerlinnen!) in Football-Montur und Kriegsbemalung stürmen den Platz und werden dabei angefeuert von mindestens ebenso harten Kerlen, die in roten Baywatch-Gedächtnis-Shorts und pinken Pompons die Cheerleader mimen. Auch wenn sich die glühende Kampfstimmung letztlich in poppigem Wohlgefallen aufzulösen droht, lässt der impulsive (Gospel-)Chor, der nun Noréns Part übernimmt und dessen Stimmen im Wechsel mit Dixgårds in der Stille hallen, aufhorchen. Gewohnt simpel wirkt dagegen der Text („Shake me all around/shake me to the ground/shake me with no fear/shake me out of here”), der zumindest schematisch den Kinderdisko-Klassikern aus dem Mallorca-Urlaub nahekommt.

          In verlangsamtem Tempo eignete sich der Song sicherlich als musikalische Untermalung einer Step-Aerobic-Stunde: Einmal hoch, einmal runter, nach rechts, nach links. Da kommt jeder mit und kann spätestens nach dem zweiten Hören mitsingen. An der Banalität mancher Texte Mando Diaos mochte demnach auch die erstmalige Beteiligung aller Bandmitglieder am Songwriting, das zuvor allein zu Dixgårds Metier zählte, nicht rütteln. Aber wie schon das lyrisch glänzende Meisterwerk „Dance with Somebody“ mit „I'm gonna dance with somebody/Dance with somebody/Dance, dance, dance” bewies: Trivial sells. Vorausgesetzt, man inszeniert sich gelungen. In Dixgårds markanter, verrucht-harscher Stimme gesungen, würde aber vermutlich auch die Packungsbeilage eines Psychopharmakons zum Erfolg führen.

          Nicht nur simpel, sondern auch ganz schön deprimierend ist so mancher Text des nunmehr achten Albums der Band. „It’s a crying game and I know that I can‘t win“, singt Dixgård  in „Brother“. In “Hit Me With a Bottle”, dem passenden Soundtrack zum schwermütigen Aufräumen am Morgen nach der Party, heißt es zum Klang einer Akkustikgitarre gar “I wanna feel something real, rip my heart out before you go” und lässt eine Frage offen: Wo sind sie denn nun, die „guten Zeiten“?

          In “Dancing All the Way to Hell” zum Beispiel. Obwohl man hier zunächst einen ebensolchen pessimistischen Ton vermuten könnte. Auch wenn der Song mit der häufigen Wiederholung einzelner Zeilen die Befürchtung weckt, die Platte habe einen Sprung und bedrohliche Paukenschläge im Hintergrund an Gewitter mahnen, entpuppt er sich schließlich als eingängige Tanznummer. Der titelgebende Song „Good Times“ wirkt dagegen beinahe aggressiv. Wuchtig und gepresst klingt Dixgårds Stimme hier, die im Joe-Cocker-Stil heisere Schreie ausstößt und beweist, dass sich seine geschätzte derbe Rauheit durch das Pop-Gewand des Albums hindurchzubeißen weiß.

          Schwächster Song des Albums ist mit großem Abstand „Money“, dessen Intro ein wenig an jenes in Bowies „China Girl“ erinnert, sein Potenzial anschließend aber hoffnungslos verspielt. Die Computerstimme à la Daft Punk, die auf dem New-Wave-Album „Aelita“ noch dezent und mit Bedacht eingesetzt wurde, klingt hier nach dem nervigen Klingelton-Hassobjekt „Crazy Frog“ und wiederholt beständig „Money, Money, Money“, was wohl kaum eine Anspielung auf ABBA, DIE schwedische Band sein soll, hinter deren Erfolg in Deutschland Mando Diao als ebenfalls schwedische Band wohl immer zurückstehen wird. Eben jener Titel ist es aber, der in seiner Mittelmäßigkeit in besonderer Weise daran erinnert.

          „Voices on the Radio“ und „Watch Me Now“ blubbern so entspannt vor sich hin wie Uralt- Kaffeekocher und geben damit wirklich gelungene Radiomusik ab, wobei das schön-schnodderige Gitarrensolo in letzterem Song in seinem Anspruch den Erwartungen des 08/15-Radiohörers wohl weit übertreffen würde. „Good Times“ schließt mit dem Rausschmeißer „Without Love“ ab, der vor dem geistigen Auge des Hörers den Abspann einer verschlafen-romantischen Komödie abspielen lässt. Aus unerfindlichen Gründen spielt im Hintergrund ein eintöniger Beat aus einem voreingestellten Keyboard, dessen Gebrauch grundsätzlich nicht einmal Hobbyalleinunterhaltern erlaubt sein sollte.

          Jene Menschen, welchen Mando Diao als die rotzfrechen Bravo-Bengel mit dem Garagenbandsound in Erinnerung geblieben sind, die sie bei Erscheinung von „Bring ‘em in“ waren, werden sich an dem Deckmantel des Pop, der über „Good Times“ liegt, wohl stören. Das sind jene, die „Black Saturday“ tatsächlich für einen Billy Idol-Song halten und an denen die Vertonung der Gedichte des schwedischen Lyrikers Gustaf Fröding auf „Infruset“ oder das Musikprojekt „Caligola“ vorbeigegangen sind. Mando Diao haben seit Beginn verschiedene Stilrichtungen ausprobiert. Ein weiteres Experiment war nach der tiefen Zäsur, die der Weggang Noréns bedeutete, zu erwarten. Das ist mit dem Hauch Blues gelungen, den der Einsatz von Backgroundsängerinnen dem Album gibt und am verlotterten Achtziger-Charme gescheitert. Nach einer Gewöhnung an die neue Bandkonstellation ist den Schweden ein besserer Ausgang ihres nächsten Experiments zu wünschen.

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