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Album der Woche: „Everyday Robots“ : Letzte Funksprüche vor dem Absturz

Damon Albarns großartiges Album „Everyday Robots“ beklagt die Vereinsamung durch die neuen Medien. Das klingt zuweilen so, als habe die Apokalypse schon stattgefunden.

          Dass die Grenzen zwischen Mensch und Roboter immer weiter aufweichen, ist keine neue Erkenntnis mehr, und von Kraftwerk bis zu Daft Punk kokettiert auch die Popmusik gern damit. Aber wohl noch nie wurde sie mit so melancholischer Stimme vorgetragen: „We are everyday robots on our phones / In the process of getting home“, singt Damon Albarn im Titelstück seines neuen Albums. „Looking like standing stones“, heißt es dann noch, ins Mythologische ausgreifend. Wir versteinern, weil wir das Gesicht nicht mehr vom Display abwenden können.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Klage über Entfremdung durch Technik und die Sehnsucht nach der vormodernen Behausung kommt bei diesem Sänger nicht aus dem Nichts. Schon das zweite Album seiner Band Blur, dem Aushängeschild des Britpop, führte sie 1993 programmatisch im Titel („Modern Life is Rubbish“), und noch eindrucksvoller zeigte sie sich zehn Jahre später auf dem Cover von „Think Tank“, auf dem symbolisch die Köpfe zweier Liebender durch dicke Taucherhelme voneinander isoliert waren, musikalisch beglaubigt im „Sweet Song“: „Put myself on a line / It seems I never got through to you.“

          Ukulelephantasie über einen Elefanten

          Nach dem vorläufigen Ende von Blur hat Damon Albarn zehn Jahre lang kreative Ausflüge gemacht, die mitunter durchaus fortschrittsgläubig wirkten. Für die avantgardistische Hip-Hop-Gruppe Gorillaz nahm er die Identität einer Cartoonfigur an, die bei Konzerten sogar als Hologramm auf der Bühne stand. Aber wenn man auf die Texte hörte, war auch hier die Modernekritik nicht weit: Das Konzeptalbum „Plastic Beach“ klagte über die Kunststoffe im Meer wie im Frühstück, und als im Sommer 2012 Blur sich für einen Auftritt im Hyde Park wiedervereinigten und sogar einen neuen Song spielten, war es eine Ballade voller Technikmelancholie - „Under the Westway“ beschrieb die Autobahnisierung Londons und forderte: „Bring us the day they switch off the machines.“

          Auf der Flucht vor dem Westway ist Albarn nun zurück in den Osten der Stadt gegangen, den Ort seiner Kindheit, nach Leytonstone. In den siebziger Jahren war hier ein Schmelztiegel, der im heißen Sommer 1976 zu einer multikulturellen Euphorie führte: „In the heat wave that hit us all“, verdichtet Albarn die eigene Erinnerung in „Hollow Ponds“, einer tiefmelancholischen Rückschau des Sechsundvierzigjährigen, deren Trauer nicht weit entfernt ist von David Bowies 2013 erschienenem Lebensrückblick-Spuksong „Where Are We Now?“

          Natürlich ist auch in Leytonstone fast nichts mehr wie früher, wie Albarn jüngst in einer Dokumentation für die BBC feststellte, die ihn an die Bezugspunkte des neuen Albums brachte. Immerhin wiedergefunden hat er den Gospelchor einer Pfingstkirche, in der er frühe musikalische Inspiration fand. Nun begleitet dieser Chor das einzige überbordend fröhliche Stück des Albums, eine kindliche Ukulelephantasie über einen Elefanten namens „Mr. Tembo“, die den Hörer kurz auf Wolke sieben schweben lässt.

          Funkwecker im Schrotthaufen

          Aber in diesen höheren Sphären trifft man dann bald auf seltsame Flugobjekte, die sonst noch so in Albarns Himmel kreisen: defekte Satelliten, sinkende Luftschiffe, irgendetwas, das kurz vor dem Absturz noch funkt. Solche Bilder evozieren die zahlreichen Sample-Geräusche, die das Album grundieren. Diese die ganz verschiedenen Liedstrukturen durchziehende Klangästhetik ist es, die das Werk zu einem großen Wurf macht. Auch wenn der letzte Ton verklungen ist, spürt man noch das Gefühl jenes fading signal, das Brian Eno als Gastmusiker der siebenminütigen Ballade „You and Me“ eingeimpft hat - wie Herzschlag pulsierende Synthesizertöne, deren Frequenz ständig sinkt.

          Klangsamples haben Albarn wohl schon immer fasziniert. Auch hierin knüpft er an Blurs „Think Tank“ an, das seinerzeit aus quietschenden Matratzenfedern einen Groove bastelte. Auf „Everyday Robots“ (Parlophone/Warner) hört man nun rhythmisch sich schließende Kassettenfächer, es knurpselt und knackselt, plunkert und piept. Dazu kommen sogenannte „field recordings“ von Zügen oder Schulhöfen und Sprachfetzen wie bei dem Stück „Photographs“. Ein jahrzehntealtes Tondokument des Drogen-Gurus Timothy Leary klingt heute wie eine fast belustigende Warnung vor dem Smartphone-Zeitalter: „Beware of the photographs you are taking now.“

          Während Albarn in seinen Texten die Vereinsamung und das Abstumpfen durch die neuen Medien weiter anklagt und in wehmütigen Gesangslinien betrauert - „When I’m lonely I press play“, singt er, das Stück „Hostiles“ rechnet mit Ballerspielen ab - sind Musik und Geräusche immer schon einen Schritt weiter: Sie klingen über weite Strecken, als habe die Apokalypse schon stattgefunden und jemand den Gang über einen Technikfriedhof vertont. Vor dem geistigen Auge sieht man Monitorgerippe vor Flusslandschaft, Festplatten-Eingeweide, die im Regen ausbluten, und Berge alter Smartphones, in denen es noch gelegentlich piept und blinkt. Beim letzten Stück, dem sofortigen Ohrwurm „Heavy Seas of Love“, bei dem auch der Gospelchor noch einmal singen darf, schrillt in diesem Schrotthaufen noch mal ein fieser Alarm. Es könnte auch ein alter Funkwecker sein, der uns aus den Träumen reißt.

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