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Album der Woche: Donny Hathaway : Aus dem Magma-Kern des Menschseins

  • -Aktualisiert am

Hörprobe: „The Ghetto – Part 1“ Bild: Rhino (Warner)

Noch Amy Winehouse hat das Wichtigste von ihm gelernt: mit der Stimme direkt in die Seele zu treffen. Eine Werkschau würdigt das vergessene Soulgenie Donny Hathaway.

          „Er hätte Mozart sein können“, sagte Roberta Flack über ihren Duettpartner Donny Hathaway. „Mozart hatte eine Menge Donny und Donny eine Menge Mozart in sich: Beide waren sie übermäßig begabt und dabei äußerst unsicher, wie sie ihr Talent mit dem Rest der Welt teilen könnten.“ Der schwarze Mozart-Bruder wurde nur 34 Jahre alt. Am 13. Januar 1979 stürzte sich Hathaway aus dem fünfzehnten Stock des Essex Hotels in Manhattan und schnitt der an Tragödien nicht armen Soulmusik eine weitere tiefe Narbe ins Herz. Otis Redding kam ein gutes Jahrzehnt früher bei einem Flugzeugabsturz um, Jackie Wilson war 1975 auf der Bühne ins finale Koma gefallen, Marvin Gaye sollte vom eigenen Vater erschossen werden. Sie alle hinterließen zumindest ein umfangreiches Opus.

          Hathaway dagegen erlaubte uns nur einen flüchtigen Blick auf sein Genie. Das hatte wenig mit seinem Erfolg, aber viel mit persönlichen Abgründen zu tun: Als er sich das Leben nahm, kam der gefeierte Songwriter, Arrangeur, Produzent und Musiker gerade von einer Aufnahmesession - zu dem postum erschienenen Album „Roberta Flack featuring Donny Hathaway“. Nach Hits wie „You’ve Got A Friend“ oder „Love, Love, Love“ in der ersten Hälfte der siebziger Jahre hatte Donny Hathaway immer seltener den Weg ins Studio gefunden; ihn plagten schwere Depressionen. Vom einstigen Selbstbewusstsein des Showmannes schien nichts mehr übrig. Donny vertraute seiner eigenen Stimme so wenig wie der Begeisterung seiner Kollegen. Den Fans hinterließ er am Ende nur vier Studioalben, einen Livemitschnitt und ein Kompendium von Duetten mit eben jener Roberta Flack.

          Nur die Hälfte der Box gilt dem bekannten Werk

          Ein schmales Podest für diesen phantastischen Sänger und Musiker. Unverständlich, dass der Name Donny Hathaway nicht längst einen blattgoldbeschichteten Plattenschuber mit bibeldickem Beibuch und auf Bütten gedrucktem Klapp-Poster ziert! Nun haben die Macher des Reissue Labels Rhino Records tief in den Archiven ihrer Mutterfirma Atlantic gewühlt und die Fährten von Hathaways einstigen Mitstreitern aufgenommen. Auch ohne Blattgold: Die dabei entstandene 4-CD-Box mutet an wie ein Geschenk des Himmels. Wer hätte auch erwartet, 35 Jahre nach dem Tod des ungekrönten Soulkönigs noch einmal so viele unveröffentlichte - und unerhört gute! - Songs zu finden?

          Nur die Hälfte der Box widmet sich Hathaways bekanntem Werk. Dabei sind frühe Duette mit June Conquest für Curtom Records, sein Blaxploitation-Soundtrack „Comeback Charleston Blue“, Single- und Promo-Versionen seiner Atlantic-Songs wie „The Ghetto“, „Thank You Master“, „A Song For You“ und natürlich die kommerziell erfolgreichen Duette mit Roberta Flack. Die wahre Sensation dieser Anthologie aber bleiben ein Livekonzert im New Yorker The Bitter End von 1971 und dreizehn Nummern, die bisher in den Studioregalen verstaubten. Hier erschließt sich die ganze stilistische Spannweite Hathaways: Disco, Blues, Jazz, Country und klassische Musik. Neben einem bläsergetriebenen Northern Soul Dancer namens „Always the Same“ oder dem deklamatorischen Swamp Funk „Don’t Turn Away“. Wäre er geblieben, Hathaway hätte wohl auch Hip-Hop gekonnt!

          Hitproduzent für den gehobenen symphonischen Soul

          Dabei leuchtet stets Hathaways Gospelhintergrund aus seinem Gesang. 1945 in Chicago geboren, wuchs er bei seiner Großmutter, einer bekannten Gospelsängerin und Gitarristin, in St. Louis auf. Schon als Dreijährigen ließ sie ihn in der Kirche auftreten. Bald tourte das Wunderkind, das sich selbst auf der Ukulele begleitete, durch den Gospel-Circuit des mittleren Westens. Erst mit neunzehn Jahren kam er mit der als „sündig“ betrachteten Welt des Rhythm & Blues in Berührung. Donny hatte ein Stipendium für ein Kunststudium an der Howard University in Washington gewonnen und schloss sich widerstrebend - er musste ja Geld verdienen - dem Ric Powell Trio an, das in Supper Clubs Unterhaltungsjazz darbot.

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