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Album der Woche : Nachts, wenn alle Katzen allein sind

  • -Aktualisiert am

Träume von Havanna: Camila Cabello Bild: Sony Music

Nach Trennung von der Girlgroup The Fifth Harmony beschreitet die Sängerin Camila Cabello eigene Wege. Hat das Solodebüt „Camila“ mehr zu bieten als die glatte Inszenierung einer Latin-Lolita?

          Wie anstrengend es gewesen sein muss, jung zu sein. Es sind zu viele Gefühle, die ein junges Herz zu tragen hat. Zu viel Liebe für den falschen Jungen, zu viel Schmerz nach zu vielen Trennungen und zu wenige wahre Freundinnen, mit denen man darüber sprechen könnte. Statt ein Tagebuch nach dem anderen zu füllen, macht Camila Cabello ihre jugendlichen Nöte zu Popmusik.

          Jeder zweite Track auf dem ersten Soloalbum der Zwanzigjährigen handelt von der Erinnerung an eine große Liebe, von schmerzhaften Trennungen und dem Noch-nicht-überwunden-Haben. Alle anderen sind Liebeslieder. Dabei inszeniert sich Cabello, die an allen Songs mitgeschrieben hat, als attraktives, aber hilfloses und vor allem melancholisches Mädchen in der Großstadt: „Who are you when it's 3 a.m. and you’re all alone / And L.A. doesn't feel like home?“ fragt sie sich im Lied „In the Dark“. Nachts ist die Einsamkeit naturgemäß am größten, wenn selbst die „fake friends“ einen längst verlassen haben und man mit den Schatten und den Vampiren alleine ist.

          Das Album wurde zunächst als „The Hurting. The Healing. The Loving.“ angekündigt, doch „Camila“ ist der konsequentere Titel. Denn der Radius, in dem sich die Sängerin in ihren Texten um sich selbst bewegt, ist klein. Dafür sind die elf Lieder musikalisch so breit gefächert, dass es - Ed Sheeran hat es vorgemacht - geradezu beliebig wirkt.

          Ein Lied bedient sich rhythmisch am Reggaeton, das nächste ist im R'n'B zuhause, bei einem dritten wird Cabello nur von einer gezupften Gitarre im Stil von Santana begleitet. Und dazwischen stecken jede Menge mit Gefühlen vollgestopfte Pianoballaden. Obwohl die Anlagen der von Frank Dukes produzierten Tracks so vielfältig scheinen, klingen sie am Ende alle recht ähnlich. Das liegt auch an Cabellos Stimme, die stets so schmeichelhaft luftig daherkommt wie der Milchschaum in den Cafés von Silver Lake. Selbst wenn sie in „Never Be the Same“ in ihr durchdringendes Falsett kippt, bleibt ihre Musik gefällig: Nichts eckt an.

          Insgesamt geht es jedenfalls gefühlvoller zu als bei The Fifth Harmony, der Girlgroup, von der sich Cabello vor einem Jahr getrennt hat. Mit fünfzehn Jahren hatte sich die Tochter eines Mexikaners und einer Kubanerin bei der nordamerikanischen Castingshow The X Factor beworben. Als Solokünstlerin war sie eigentlich längst ausgeschieden, als sie mit ihren Kolleginnen dann doch den dritten Platz belegte. Sich nun alleine zu verwirklichen, war trotzdem die richtige Entscheidung. Schon für die Hymne „Havana“ an eine ihrer Heimatstädte (und an einen geliebten Typen) hat sich die Trennung gelohnt. Die bereits  im Oktober 2017 erschienene Leadsingle stellt die Herkunft Cabellos, die in Mexiko-City aufgewachsen ist, musikalisch aus wie kein anderes Lied. Auch wenn nur ein spanischer Satz fällt – die meisten Teenies verstehen Liebeskummer eben besser in englischer Sprache – erinnern der Song und sein Erfolg an „Despacito“ von Luis Fonsi und Daddy Yankee. Allein das Musikvideo ist eine vielschichtige Hommage an südamerikanische Telenovelas unter Beteiligung entsprechender Stars (LeLe Pons, LuJuan James). Und immerhin gibt es auch einen „spanglischen“ Remix mit Daddy Yankee, der Pharrell Williams und dem Rapper Yung Thug den besten Platz neben der schönen Camila streitig macht.

          „She loves control, she wants it her way“ heißt es in einem Lied über eine männerfressende Liebhaberin. Auf Camila Cabello trifft leider nur der erste Teil der Zeile zu, der die Kontrolliertheit betrifft: Etwas mehr Eigensinn, etwas mehr I-do-it-my-Way hätte der glatten Inszenierung als Latin-Lolita gut getan. So ist „Camila“ eine Sammlung solider Balladen geworden, mit Aussicht auf größten Erfolg. Was würde Robbie Williams dafür geben, wieder so jung und schön und erfolgreich zu sein wie bei seinem Take-That-Ausstieg? Gönnen wir Camila Cabello den Erfolg als Solokünstlerin. Und vor allem ihre jugendliche Leidenschaft.

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